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CHARLIE KAUFMANINTERVIEW: EDDY MORETTI, PORTRÄTS VON VIER GERICHTSZEICHNERN, WEIL KAUFMAN NICHT FOTOGRAFIERT WERDEN WOLLTE
Das hier ist ein Interview mit dem Typen, der die Drehbücher zu all deinen Lieblingsfilmen geschrieben hat. Vice: Mit Synecdoche, New York warst du auf einigen Festivals eingeladen. Schaust du dir den Film dann jedes Mal an? Charlie Kaufman: Nein, eigentlich nicht. In Cannes habe ich es gemacht, aber ansonsten betrete ich das Kino erst wieder, wenn der Abspann läuft. Der Film wurde auch auf dem Filmfestival in Sarajevo gezeigt. Wie kam er da an? Ich weiß es nicht genau. Ich bekomme sehr unterschiedliche Reaktionen auf den Film. Von Begeisterung bis Desinteresse? Wahrscheinlich. Aber wenn es extreme Reak-tionen gibt, dann hoffe ich, dass sie auch wirklich extrem sind. Hauptsache, die Leute schalten nicht völlig ab. Ich denke, dass man sich auf diesen Film wirklich einlassen muss. Ich habe mir gesagt: „OK, ich teile diese Weltsicht nicht unbedingt, aber ich versuche es mal.“ Am Ende war ich dann völlig fertig mit den Nervenich habe geheult. Hast du den Film alleine gesehen? Ja, alleine. Diesen Film sollte man sich allein ansehen und dann einem Freund sagen, dass er ihn sich auch alleine ansehen soll. Danach kann man sich darüber unterhalten, aber man sollte ihn nicht gemeinsam sehen. Aber du bist ein bekannter Drehbuchautor und dieser Film wird auch außerhalb der Festivals laufen. Viele Leute werden ihn zu sehen bekommen. Ich frage mich, wie du seine Chancen einschätzt. Ich weiß es nicht, aber ich habe mich im Vorfeld viel mit der Idee beschäftigt, für ein Massenpublikum zu arbeiten. Man fragt sich, wie man so einen Film verkauft und warum man das überhaupt tun sollte. Aber man hat keine Wahl, denn die Produktion kostet verdammt viel Geld, das auch wieder eingespielt werden muss. Wenn die Leute ein Buch lesen oder ein Gemälde betrachten, dann ist das eine sehr individuelle und persönliche Erfahrung. Ich denke, dies ist auch für mich die einzige Herangehensweise. Deine Arbeit richtet sich also an den einzelnen Betrachter als Individuum. Wenn du in einem Film Wahrheit und Reali-tät vermitteln willst, kannst du ihn nicht darauf ausrichten, möglichst vielen Leuten zu gefallen. Dann musst du alle möglichen Kompromisse machendu wirst zu einem Zuhälter. Aber dieser Gedanke, möglichst viele Menschen zu erreichen, liegt allein schon wegen der Kosten in der Natur des Filmemachens. Ein Film muss vermarktet werden, aber diese Vorstellung stößt mich eigentlich ab. Die Antwort auf deine Frage ist wohl: Nicht nur weiß ich nicht, wie ich den Film verkaufen soll, ich weiß auch nicht, ob ich das will. Ich will die Leute nicht mit irgendwelchen Tricks dazu bringen, sich den Film anzusehen. Wenn er nichts für dich ist, dann brauchst du ihn nicht zu sehen. Er wird nicht jedem gefallendiese Erfahrung mache ich gerade. Manch einer wird sich überhaupt nicht angesprochen fühlen. Das ist in Ord-nung. Ich will niemanden verarschen. War Synecdoche ganz am Anfang nicht als Horrorfilm konzipiert? Ja, das war die ursprüngliche Idee, als Spike Jonze und ich uns mit Amy Pascal von Sony Pictures unterhielten. Sie wollte einen Horror-film von uns. Der Film behandelt einige Dinge, vor denen wir uns im Leben fürchten, aber es ist kein Horrorfilm. Horror ist ein eigenes Genre, mit eigenen Erwartungen, einem bestimmten Tempo, einer bestimmter Musik, mit Katzen, die aus der Dunkelheit auftauchen, um dir einen Schrecken einzujagen und so ein Scheiß. Das gibt es in diesem Film nicht. Es ist ein schwerfälliger, verstörender und emotionaler Film geworden, aber kein Horror, das wollte ich nicht. Als ich anfing zu schreiben, dachte ich mir: „So einen Film will ich nicht machen. Das interessiert mich nicht. Ich möchte etwas machen, das sich echt anfühltetwas über die Ängste des Lebens und der menschlichen Existenz. Für mich sind das Einsamkeit, Krankheit, Sterblichkeit und Schuld.“ Und das ist alles in diesem Film enthalten. Diese Dinge machen mir wirklich Angstzusammen mit dem Leiden, dem Altern und der unaufhörlich voranschreitenden Zeit. In den ersten 20 Minuten habe ich darauf gewartet, dass du, wie üblich, irgendein Stil-mittel einsetzt, um alles miteinander zu verbinden. Aber darauf hast du verzichtet. Ja, das stimmt. In meinen letzten Filmen gab es immer eine Idee oder ein Gimmick, an dem man sich orientieren konnte. Das erwarten die Leute auch in diesem Film, aber ich wollte es ihnen nicht geben, damit sie sich nicht zu sicher fühlen können. Synecdoche bietet keine Erklärung von wegen: „Ach, das ist nur ein Traum oder ein Portal in John Malkovichs Kopf oder eine geheime Methode, um die Erinnerung zu löschen.“ Das gibt es nicht. Man sieht das Leben eines Mannes, man sieht ihn altern und wird Zeuge seines Scheiterns daran, zu tun, was er gerne möchte. Man sieht seine unglücklichen Beziehungen und man sieht ihn sterben. Darum geht es in dem Film. Ich habe einen starken Drang verspürt, es diesmal so zu machen. Nach Marketing-Gesichtspunkten war das wohl ein schrecklicher Fehler, aber ... Kommerziell gesehen, mag es ein Fehler sein, künstlerisch ist es ein Triumph. Ich halte Sy-necdoche für deinen besten Film und war komplett überwältigt. Die Auseinandersetzung mit dem Älterwerden, mit Bedauern und Verlust fand ich äußerst plausibel, ebenso wie den Wunsch, diesen Verlust künstlerisch zu kompensieren. Aber du zeigst dem Zuschauer keinen einfachen Ausweg auf. Ich denke aber, dass es durchaus auch optimistischere Perspektiven geben kann. Zumindest ist Synecdoche nicht repräsentativ für meinen Blick auf das Leben. Es ist nur dieser eine Film. Ich weiß nicht genau, wie ich es ausdrücken soll, aber die Vorstellung, dass ich verbittert und deprimiert bin, ist ... ... falsch? In anderen Filmen werde ich mich mit anderen Themen auseinandersetzen. Ich wollte einfach ehrlich sein mit diesem Gefühl, weil es sehr real ist. Aber es ist nicht das einzige Gefühl auf der Welt und nicht die einzig legitime Perspektive. Trotzdem ist dir das gelungen. Wie zufrieden bist du mit dem, was du da geschaffen hast? Das ist schwierig. Aus verschiedenen Grün-den habe ich Angst, dass der Film ein kommerzieller Reinfall werden könnte: Weil es meine Gefühle verletzen würde, aber auch, weil ich so etwas zukünftig nicht mehr machen könnte, wenn es kein Publikum dafür gibt. Wenn die Leute von dem Film gelangweilt sind, dann ärgert mich das. Ich weiß, das sollte es nicht, aber ich bin wohl einfach eine sehr sensible und nervöse Person. Aber ich will deine Frage beantworten und ich denke, die Antwort ist: Wenn ich den Film für mich alleine sehe, und das ist ja deiner Ansicht nach die angemessene Rezeptions-weise, dann gefällt er mir. Ich finde ihn gut. Es gibt eine Menge schöner Dinge in diesem Film. Wir haben keine Kompromisse ge-macht. Die Schauspieler sind toll. Die Musik ist toll. Wir haben gemacht, woran wir geglaubt haben, ohne Angst vor einem kommerziellen Misserfolg. Und das ist gut so. Deshalb würde ich den Film gerne ganz alleine sehen, was momentan leider einfach nicht geht, weil ich damit auf ungefähr 25 Festivals eingeladen bin. Es gibt verschiedene Elemente, die mir ausgesprochen gut gefallen. Zum Beispiel, wie du diese sehr kurzen Szenen einsetzt und dass der Film an so vielen verschiedenen Orten spielt. Der Film besteht aus über 200 Szenen, das ist ungefähr doppelt so viel wie in einem normalen Spielfilm dieser Länge. Produktionstechnisch war das ein Alptraumwahnsinnig viele Drehorte und nur 45 Tage Zeit, so dass wir sehr eingeschränkt in den Entscheidungen waren, wie und wohin wir reisen konnten. Die Aufbauzeiten waren eine Katastrophe und die Dreharbeiten insgesamt ein echter Härtetest. Wolltest du von Anfang an Regie führen? Nein, Spike wollte das machen. Wir gingen mit der Idee zusammen zu Amy Pascal und danach brauchte ich wie üblich eine sehr lange Zeit, um das Drehbuch zu verfassen. Als der Entwurf fertig war, hatte Spike die Regie bei Where the Wild Things Are übernommen und konnte nicht absehen, wann er wieder Zeit haben würde. Es fühlte sich an, als ob es noch mindestens fünf Jahre dauern könnte und so lange konnte ich nicht warten. Ich wollte unbedingt etwas veröffentlichen, weil mein letzter Film schon eine Weile her war und so eine lange Pause auch auf professioneller Ebene ein Problem darstellt. Außerdem war mir das Projekt sehr ans Herz gewachsen und ich hatte das Gefühl, es selbst umsetzen zu können. Also fragte ich Spike, ob er die Regie an mich abtreten würde. Er dachte darüber nach und war freundlicherweise einverstanden. CONTINUED CHARLIE KAUFMAN | 1 | 2 | >
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