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Ein Mitglied der Skull and Bones bereitet sich darauf vor, eine Grabplatte zu reinigen.

SKULL AND BONES IN SIERRA LEONE -
PART 3

Würfeln, um mit den Toten zu reden

TEXT: DANNY GLENWRIGHT
FOTOS: KATRINA MANSON

Auf einer der Grabplatten vor uns liegt ein Radio und rauscht vor sich hin. Dahinter glänzt das Moos auf den Ruinen der ersten Kirche, die irgendwann um 1800 an dieser Stätte gebaut wurde. Mansaray hat Kabbah abgelöst, mich herumzuführen. Er trägt Birkenstock und Hosen, die ihm weit unterm Arsch hängen. Sein T-Shirt ist leuchtend orange und wirbt für die People’s Movement for Democratic Change Party. Es ist eines von Hunderten Shirts, die für die vor kurzem abgeschlossenen Wahlen in Sierra Leone gedruckt wurden. Die wichtigsten Wahl-kampfthemen waren die Nahrungsmittelversorgung, Sicherheit, Stromversorgung, Infrastruktur und Jobs—all die lebenswichtigen Dinge, die dem Land im Moment fehlen. An Wahlkampf-T-Shirts mangelt es hingegen nicht.

Mansaray sagt, dass er oft zwei Leichen in den Ruinen der Kirche miteinander kämpfen sieht. Benjamin hatte diese Gruselwesen ebenfalls erwähnt. Er sagt, dass sie die Kirche mit ihren „spirituellen Attacken“, wie er sie nennt, zerstört haben. Anscheinend fangen die in der Nähe begrabenen muslimischen Geister mit den im Ascension Town bestatteten Christen im Jenseits Rangeleien an. In Anbetracht der Tatsache, dass Sierra Leone eines der wenigen nicht-westlichen Länder ist, in denen Muslime und Christen wirklich miteinander klarkommen—sie heiraten einander und tolerieren sogar Konversionen—ist es vielleicht nur logisch, dass sie nach dem Tod ein bisschen Dampf ablassen müssen.

Mansaray sagt, dass die Geister in den Kirchenruinen aussähen wie Menschen, aber leicht leuchten und immer verschwänden, sobald er sich ihnen nähere. Was aber auch egal sei, schließlich könne er ja die Kolanüsse benutzen, um mit seinen im Ascension Town begrabenen Freunden zu kommunizieren. Zur Demonstration seiner Würfel-technik halbiert er mit den Zähnen zwei Nüsse und lässt sie auf eine unebene Grabplatte rollen. Drei fallen mit der offenen Seite nach unten und eine zeigt nach oben in den düsteren Abendhimmel. „Keine Konversation für heute. Vielleicht später.“


Hier schlafen Menschen.

Als sich unsere Tour dem Ende zuneigt und wir zu der Seite des Friedhofs kommen, wo sich die Behausungen der Skull and Bones befinden, tauchen plötzlich von überall junge Männer auf. Links von mir teilt sich das Gras und zwei Jungen springen aus dem Gebüsch. Zu meiner Rechten erscheint ein weiterer Freund der Toten auf einem Grab. Vor mir kraucht ein Junge auf eine Grabplatte und kniet in zwei schmutzigen Pfützen Wasser, die sich darauf sammeln. In wenigen Sekunden haben sich 15 Jungen um uns herum versammelt.

Ich folge Mansaray zu einem verfallenen Steingebäude. „Es ist ein Grab“, sagt er. Ich starre angestrengt in das Dunkel des finsteren, erdrückenden Raumes. Ein schweiß-bedecktes Gesicht starrt zu mir zurück.

„Darf ich reinkommen?“, frage ich den Skull and Bones-Jungen im Inneren des Grabes.

„Ja“, sagt er und rückt ein Stück zurück, räumt ein paar Kleiderstapel auf den Boden. „Tut mir leid, meine Sachen liegen überall rum.“


Santos sitzt auf seinem Bett.

Diesem Jungen, der in einem zerfallenden Mausoleum lebt und auf einem Grab schläft, ist es peinlich, wie sein Zimmer aussieht. Er hatte keine Gäste erwartet und hat das Grab nicht aufgeräumt.

Er stellt sich als Santos vor und erzählt mir, dass sich zehn Leute diese winzige Krypta teilen. Er hält einen schmuddeligen ausgestopften Tiger in der Hand, eine „Tigger“-Kopie.

Nachdem sich meine Augen an das Dunkel gewöhnt haben, erkenne ich am Boden eine kleine verbrannte und von Ruß geschwärzte Stelle. „Da kochen sie“, sagt Santos. Schmutzige Kleider, schimmelige Kissen und leere Palmweingläser sind über die unaufgeräumten Gräber verstreut, und im Halbdunkel des schwachen Lichts, das noch durch die Risse in der Wand dringt, könnte der Raum als ein x-beliebiges Teenagerzimmer überall auf der Welt durchgehen.


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