|
|
| Das Mausoleum, wo ein paar der Jungs wohnen. | |
SKULL AND BONES IN SIERRA LEONE -
PART 2
Würfeln, um mit den Toten zu reden
TEXT: DANNY GLENWRIGHT
FOTOS: KATRINA MANSON
Die Kolanuss ist ein leichtes Aufputschmittel, das viele Westafrikaner kauen. Es war ursprünglich der Haupt-inhaltsstoff der Kolagetränke und ist außerdem ein Symbol der Männlichkeit. Um mit den Geistern zu sprechen, geht man folgendermaßen vor: Man nimmt zwei Nüsse und halbiert sie, sodass man vier Stücke hat. Dann werden sie wie Würfel auf das Grab des Toten geworfen, mit dem man sprechen will. Wenn zwei der Nusshälften nach oben und zwei nach unten zu dem Toten zeigen, kann man eine Unterhaltung erwarten. Wenn die Nüsse in irgendeiner anderen Formation zum Liegen kommen, sind, laut Benjamin, die Toten „nicht in der Stimmung zu reden. Aber wenn wir mit ihnen sprechen, reden wir über Probleme und bitten sie um Hilfe und Rat“, sagt er, „und oft werden die Dinge danach besser.“
Als Oberhaupt der
Skull and Bones Gang ist er dafür verantwortlich, das wenige Geld zu verteilen, das der Bau der Grabsteine und die Reinigung der Gräber einbringt. Geld ist immer knapp.
Es kostet 800.000 Leones (180 Euro) ein Grab auszuheben, mit Ziegeln auszukleiden und eine reguläre Grabplatte und einen Grabstein anzufertigen. Davon bleibt ein Gewinn von 80.000 Leones (18 Euro) übrig. Eine Aufschrift auf dem Grabstein und andere luxuriöse Extras wie einen großen Eckstein, ein Kreuz oder einen Altar kosten mehr, werden aberin einem Land, in dem 70 Prozent der Bevölkerung von unter einem Dollar am Tag lebensehr selten bei den Jungs in Auftrag gegeben. In den meisten Fällen werden sie lediglich beauftragt, einen runden Steinhaufen zu errichten. Die billigste und ein-fachste Art, ein Grab zu markieren.

Beim Palmweintrinken. |
Benjamin ist stolz auf seine Arbeit und die bunt zusammengewürfelte Truppe der Jungs unter seiner Obhut. Dennoch sagt er, dass er den Sinn seines Lebens erst noch finden muss und sich entschieden hat, Ascension Town zu verlassen. Er bat die Toten, ihm dabei zu helfen.
Nachdem ich zusehe, wie Kabbah die Grabplatte wieder auf dem Grab unseres toten Freundes platziert, setzen wir uns auf eine andere Platte. Der Geruch von Gras füllt die Luft und die
Skull and Bones-Jungs hocken oder stehen um uns herum auf Betonplatten und trinken trüben Palmwein aus Einmachgläsern.

Auf einem Grab in unserer Nähe steht ein Spruch, der aussieht, als wäre er mit einem stumpfen Stock eingeritzt worden: „Wenn die Liebe dich hätte retten können, wärst du nie gestorben.“
Ein großer, schlanker Mann in einem Jeanshemd geht zu einem anderen Grabstein hinüber und beginnt ein lautloses Gebet zu flüstern. Hinter seinem Rücken hält er eine noch nicht angezündete Zigarette, eine Streichholzschachtel und ein Feuerzeug in der Hand. Sein Kopf ist gesenkt. Fünf Jungs rennen zu ihm herüber und fangen an, Unkraut vom Grab zu reißen und schlammige Klumpen in den Wind zu werfen. Er tut so, als würde er es nicht bemerken und betet weiter. Er heißt Jon Foray.
„Das ist mein Onkel. Er wurde 1910 geboren“, sagt er, nachdem er mit dem Beten fertig ist und zeigt auf ein Grab zu seiner Rechten. Er zeigt auf weitere Gräber. „Das ist mein anderer Onkel und das ist meine Mutter und das ist mein ältester Bruder. Manchmal sitze ich hier und will einfach nur still sein. Ehrlich gesagt, mag ich es, allein hier zu sein.“ Heute ist er weit davon entfernt, allein zu sein. Ein paar
Skull and Bones-Typen hängen immer noch über dem benachbarten Grab und bewundern die Leiche darin durch Spalten in der Grabplatte.
„Viele dieser Jungs verdienen als selbstständige Unternehmer hier im Friedhof mehr Geld als Regierungs-beamte mit ihren Jobs“, sagt Foray und bläst Rauch zum Grab seiner Mutter hinüber. Dann verschwindet er und ich folge der Gang tiefer in das mannshohe Gras hinein.
Osman Mansaray, das stellvertretende Oberhaupt der Gruppe, erzählt mir: „Wir beten, dass mehr Leute sterben. Dann kommen die Aufträge schneller.“
CONTINUED
SKULL AND BONES IN SIERRA LEONE |
1 |
2 |
3 |