VON CHRIS NIERATKO
Worauf hatte ich mich da eingelassen? Was zum Teufel ist ein Seifenkistenrennen überhaupt? Mal im Ernst. Das ist doch irgend so ein Pfadfinder-Scheiß, oder? Ein Besuch auf ihrer Website (redbullsoapboxusa.com) beruhigte mich etwas. Die Jungs von Red Bull hatten etwas sehr viel Fieseres und Erbaulicheres geschaffen als Pfadfinder, die bekloppte Rennautos aus Holz basteln. Die Teilnehmer an diesem Event waren etwas ganz Besonderes. Als ich die Bilder der fantastischen, thematisch gestalteten, mit Rädern bestückten Wagen, die einmal Seifenkisten gewesen waren, und ihre extravagant kostümierten Schöpfer sah, wusste ich, dass das meine Art Leute sind. Das waren die Freaks, die Penner, die Kiffer, die Gute-Laune-Jungs und -Mädels, die nicht wissen, was sie mit ihrer vielen Zeit anfangen sollen und sich aufgetakelt hatten, als hätte gerade das letzte Halloween aller Zeiten geschlagen. Um euch bloß mal einen Eindruck zu vermitteln: Die Gewinner des Rennens in Seattle, das A-Team, bauten den schwarzen GMC-Minibus mit den geilen roten Streifen aus der Fernsehserie nach und hatten sich als die verschiedenen Charaktere verkleidet. Ich fand es also angemessen, mich auch entsprechend einzukleiden und fuhr in meinem Superkuh-Kostüm nach Provi-dence. Und ließ es das ganze Wochenende über an.
Die Rennstrecke in Providence war anders als alles, was ich bis dahin gesehen hatte; wohl auch, weil ich noch nie zuvor eine Seifenkisten-Rennstrecke gesehen hatte. Sie bestand aus einer abschüssigen Strecke von einer Meile Länge, entlang der Waterman Street, die sie mit Heuballen und Metallbarrieren gesäumt hatten. Die Leute konnten also beim Versuch, die happigen Kurven zu meistern, grandiose Bruchlandungen hinlegen. Die Teams wurden nach drei Kriterien beurteilt: Geschwindigkeit, Kreativität und Unterhaltungswert. Ich glaube, meine Aufgabe (und die der anderen Juroren) war es, den Unterhaltungswert zu beurteilen. Bin mir noch nicht mal ganz sicher. Ich hatte ehrlich gesagt eh keine Ahnung, wie das überhaupt laufen sollte. Ist ja nicht so, dass ich eine Schule für Juroren besucht hätte. Ich saß sechs Meter über dem Rest der Zuschauer auf einer Bühne und lachte einfach für die komplette Dauer der Veranstaltung. Pras, dieser Wichser, dachte, dass er so einen auf Dieter Bohlen machen könnte und schnitt die ganze Scheiße mit, um es für seinen Show-Reel zu ver-wenden. Er gab den Leuten schlechte Bewertungen und zog über die Teilnehmer her. Nicht so ich. Ich weiß, was die beschissenen Leute wollen. Und die Leute wollen, dass ich noch ein Bier trinke. Ich trank den ganzen Tag, bis ich komplett hinüber war. Die anderen Leute in der Jury nahmen alles sauernst, während ich fleißig Heinecken aus einer Papiertüte schlürfte. Und wenn ich mit der Bewertung dran war, gab ich ihnen zehn Punkte! Immer zehn Punkte. Und jedes Mal, wenn ich meine 10 hochhielt, drehte die ganze Meute von Tausenden Zuschauern komplett durch. Die von Red Bull haben das irgendwie fürs Fernsehen aufgenommen und irgendwann kam die Chefin rüber, die Pras übrigens die ganze Zeit über flachlegen wollte: „Yeah, Baby! Weißt du eigentlich, dass ich ein Appartement in Manhattan habe? Warst du schon mal in Manhattan?“ Pras, Alter, wer ist heutzutage nicht schon mal in scheiß Manhattan gewesen? Ist ja nicht gerade Bali oder so’ne Scheiße, oder? Egal. Jedenfalls schob sie mir das Mikro ins Gesicht und fragte mich, warum ich der Seifenkiste, die wie ein Dinosaurier aussah, oder wie ein Krebs, oder ein Fred-Feuerstein-Auto eine Zehn gab. Ich war besoffen. Ich kicherte. Dann schaute ich zu Miss Rhodes Island rüber und sagte: „Ich mag einfach, was sie für den Weltfrieden und gegen den Hunger auf der Welt tun.“ Dann kicherte ich noch einmal. Miss Rhode Island hingegen kicherte nicht.
Die Regeln des Rennenswenn es euch interessiertlauteten: Alle Seifenkisten dürfen ausschließlich mit Muskelkraft betrieben werden. Motoren oder sonstige externe Energiequellen sind verboten. Industriell angefertigte Wagen sind nicht erlaubt. Die Wagen dürfen nicht breiter als 1,80 Meter und nicht länger als sechs Meter und, vom Boden aus gemessen, nicht höher als zwei Meter sein. Und schließlich durften die Autos nicht mehr als 80 Kilogramm wiegen (den Fahrer nicht mitgerechnet).
Vor dem Rennen lief ich die Boxen ab, wo sich die über 100 Seifenkisten befanden, und begrüßte jeden Einzelnen der Fahrer und checkte ab, was so Sache war (und filmte ein Special über das Ganze für VBS.TV). Als ich mir gerade einen Weg durch die Menge bahnte, sah ich einen behinderten Zuschauer ohne Beine in einem elektrischen Rollstuhl umher cruisen. Ich schrie: „Das ist Beschiss! Du bist über dem erlaubten Gewicht! Und es ist nicht erlaubt einen Motor zu haben! Das ist Beschiss!“ Er fand das anscheinend nicht so außergewöhnlich witzig wie ich.
Ich kann nicht mal annähernd beschreiben, wie genial jede Einzelne der Kisten designt war. Die Leute hatten echt so viel Zeit und Arbeit in ihre Blues-Brothers-Wagen, Wikingerschiffe, Enterprise-Raumschiffe und Riesenhummer gesteckt, dass ihr euch die Bilder einfach ansehen müsst, um es zu verstehen. Gewonnen hat ein Team namens „The Good, The Bad and The Nerdy“, die auf einem Taschenrechner auf Rädern den Hauptpreis einfuhren, einen Besuch bei einem NASCAR-Rennen, ein-schließlich eines Aufenthalts in den Boxen und eines Treffens mit dem Fahrer, sowie Zutritt zu der anschließenden VIP-Party. Den zweiten Platz belegten „Deuces Wild“ (einer meiner persönlichen Favoriten), ein Badezimmer auf Rädern, bei dem der Fahrer in der Badewanne saß und der Copilot (um das Gleichgewicht zu halten) neben ihm auf dem Klo hockte, an dem er sich krampfhaft festklammerte, um bloß nicht runterzufliegen.
Obwohl die Leute und die Seifenkisten also ziemlich unterhaltsam waren, war ich doch am meisten von den anderen Juroren begeistert. Auf der Fahrt vom Rennen zurück zum Hotel beschrieb Miss Rhode Island in geschwungenen Worten, wie bescheuert sie Paris findet: „Das sind doch alles irgendwie solche Wichsfressen dort! So ein Typ hat versucht mir an den Arsch zu grapschen!“ Dann meldete sich Miss Teen Rhode Island mit einer wirklich beispielhaft linearen Assoziation zu Wort: „Ich fahre dieses Weihnachten nach Mexiko.“ Ich schaute in ihr kleines Teenagergesicht, lächelte und sagte: „Ja, Mexiko ... das andere Paris!“
Mehr über das Rennen auf Chrisnieratko.com oder VBS.tv.
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