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DOS & DON'TS
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![]() Ich habe einen Cousin und eine Cousine, die im Irak leben. Dani ist 13 und Sara ist 15. Sie wohnen beide im Bagdader Stadtteil Al-Yarmouk, den die Anwohner, wegen der permanenten Angriffe und der willkürlichen Gewalt, die das Gebiet plagt, „die Straßen des Todes“ getauft haben. Sie sind also ziemlich im Epizentrum des Krieges zu Hause. Diese einst prosperierende bürgerliche Gegend ist nun verlassen, trostlos und lebensgefährlich. Mit diesem Wissen im Hinterkopf rief ich sie an, um sie zu fragen, wie es ihnen geht.
Sara: Na ja, früher wurde ich jeden Morgen vom Schulbus abgeholt, der morgens vor unserem Haus hielt. Es ist nur eine Viertelstunde Fußweg, aber es ist zu gefährlich. Jetzt gehe ich überhaupt nicht mehr zur Schule. Warum nicht? Dani: Es ist nicht sicher. Das letzte Mal, als ich in der Schule war, war fast keiner da. Nach und nach kamen immer weniger Leute. Alle haben Angst, dass sie aus Versehen umgebracht oder für Lösegeld festgehalten werden. Früher, bevor die Amerikaner ka-men, war es viel leichter sich hier in der Gegend fortzubewegen. Man konnte mit Freunden nach Hause gehen oder, wenn die Schule in der Nähe lag, allein nach Hause laufen. Jetzt muss man alles im Voraus planen. Man kann nicht mehr mit Freunden nach Hause gehen oder einfach rumlaufen. Wir gehen nur raus, wenn es wirklich sein muss. Und was ist mit dir, Sara? Sara: Vor der Invasion ging ich auf die Bagdader Schule für Musik und Ballett. Ich musste da bald, nachdem die interreligiöse Gewalt anfing, weg. Meine Familie hatte Angst, weil ich fast 14 war und mir etwas zustoßen könnte. Viele Leute sind der Meinung, dass tanzen haram ist. Das heißt soviel wie unheilig und von Gott nicht erlaubt. Das war sehr schwierig für mich, weil ich das Tanzen liebe und es einfach nicht dasselbe ist, es zu Hause zu machen. Ich musste dann an eine normale Schule gehen. Dani: Diese Leute haben uns viel genommen. Wem gebt ihr die Schuld?
Vermisst ihr das normale Leben? Sara: Ich vermisse meine Freunde. Dani: Ich auch. Es ist schwer außerhalb der Schule jemanden zu treffen. Denkt ihr, dass die Anzahl der Leute, die entführt werden, übertrieben wird, und dass manche der Dinge, die ihr hört, nur Gerüchte sind? Sara: Nein, überhaupt nicht. Jeder kennt jemanden, der von einer Miliz festgehalten wurde. Entführungen sind etwas Alltägliches. Manchmal, wenn man die Straße lang läuft oder im Auto sitzt, sieht man wie ein Auto neben jemandem anhält, Männer raus springen und denjenigen ins Auto zerren. Man kann nichts dagegen sagen oder machen, denn sie würden einen umbringen. Vor ein paar Monaten wurde ein Mädchen aus meiner Schule ihrem Vater entrissen, als sie gerade nach Hause liefen. Sie war 13. Ich kannte sie nicht und war nicht in der Schule, als es passierte, aber am nächsten Tag redeten alle davon, wie der Vater sich zu Boden warf und bettelte und flehte, sie sollten sie ihm zurückgeben, aber sie taten es nicht. Die bewaffneten Männer schoben sie ins Auto und verlangten ein Lösegeld von 2.000 Dollar. Das ist heutzutage eine Menge Geld. Wisst ihr, ob sie wieder frei kam? Sara: Ja, drei Tage später bezahlte ihr Vater das Lösegeld. Sie war unverletzt, aber das ist nicht immer der Fall. Ich habe sie nicht wieder in der Schule gesehen. Und wenn ihr in der Schule seid, habt ihr dann Angst davor, bombardiert zu werden? Dani: Natürlich. Wir wissen, dass man, wenn man in Bagdad das Haus verlässt, gute Chancen hat nicht mehr lebend zurückzukommen. Sara: Ein paar Bomben sind in der Nähe meiner Schule hochgegangen. Was ist passiert? Sara: Zwei davon waren Autobomben. Das andere war eine riesige Explosion in einem nahe gelegenen Bürogebäude. Wurde an eurer Schule jemand verletzt? Sara: Die letzte Explosion drückte die Fenster ein, so dass wir mit Scherben überschüttet wurden. Es war ein lauter, mächtiger Knall, der das ganze Gebäude erschüttert hat. Alle haben geschrien und geweint und sich unter ihren Tischen versteckt. Aber ich musste lachen. Warum? Sara: Weil es aufregend war. Ich konnte nicht anders. Ich hab geschrien, aber nicht wie die anderen. Es hat Spaß gemacht. Ich bin rumgesprungen, nachdem es passiert war. Alle haben geheult. Also macht es Spaß bombardiert zu werden? Sara: Nein, so hab ich es nicht gemeint. Es hat Spaß gemacht wie beim Achterbahnfahren. Bist du schon mal Achterbahn gefahren? Sara: Nein, aber ich hab es in Filmen gesehen. Ich würde total gerne mal Achterbahn fahren. Ich stelle es mir so ähnlich vor wie die Bombe. Ich möchte auch gerne mal Bungee-Springen. Mein Onkel hat es vor ein paar Jahren in England gemacht und hat mir ein Video davon gegeben. Dani, bist du je in der Nähe einer Explosion gewesen? Dani: Ja, oft. Was ist da passiert? Dani: Vor einem Monat hatte ich echt Glück, dass ich nicht verletzt wurde. Ich war bei meinem Freund Hassan. Die Amerikaner standen draußen auf der Straße rum. Hassans älterer Cousin sagte, wir sollten ihnen was zu trinken rausbringen, weil es so heiß draußen war. Ein paar Stunden zuvor waren Hassan und ich auf einen Baum geklettert und hatten zwei Soldaten mit unreifen Datteln beworfen. Es war lustig, weil sie ewig gebraucht haben, um rauszukriegen, wo die herkamen. Wir waren selbst dran schuld, dass sie uns gefunden haben. Wir konnten nicht aufhören zu lachen und einer von ihnen hat uns gehört, als wir den Stamm runtergeklettert sind. Was hat er gemacht? Dani: Er ist uns hinterher gerannt. Weil ihr ihn mit Datteln beworfen habt?
Was macht ihr so den ganzen Tag, jetzt wo ihr nicht mehr zur Schule geht? Sara: Ich muss immer noch lernen, als würde ich noch in die Schule gehen. Da sorgen meine Eltern dafür. Dani: Ja, ich auch. Ich lerne und nachmittags mache ich gelegentlich ein Schläfchen, weil es so heiß wird. Manchmal spiele ich Fußball. Wann seid ihr denn das letzte Mal bei einer Party oder so was gewesen? Sara: Ich kann mich nicht dran erinnern. Es ist ewig her, dass ich meine Schulfreundinnen gesehen habe, von einer Party ganz zu schweigen. Dani: Ich bin vor einem Monat auf einer Party gewesen. Es war der 14. Geburtstag von einem Mädchen aus meiner Klasse. Ich bin nur hingegangen, weil mein Kumpel auf sie steht. Es war aber keine richtige Party. Es lief ein bisschen Musik und paar Leute haben getanzt, aber nicht so wie früher. Man merkt einfach, dass die Eltern alle total nervös sind und Angst haben. Sie sind alle mit uns zusammen dort geblieben, weil sie zu viel Schiss davor hatten, ihre Kinder allein zu lassen. Und, bleibt ihr im Irak? Sara: Nee. Wir verschwinden von hier. Die Situation ist tödlich. Jeden Tag wird ein Nachbar oder jemand, den wir kennen, von den Milizen gezwungen, sein Haus zu verlassen. Das wird uns sicher auch passieren, wenn wir bleiben. Dani: Ich finde es sehr traurig, weg zu müssen, aber wir haben keine Wahl. INTERVIEW VON ZEENA ZAKARIA | ||||||||||||||||||||||||||||||