Das ist die Friseurin, die vor meiner Haustür erschossen wurde. Ihr Körper lag dort ungefähr vier Stunden, bevor eine amerikanische Patrouille vorbeikam und die Leiche beseitigt hat. Ich konnte nicht näher ran, weil ich mir nicht sicher war, ob sich eine Bombe im Körper befand oder er im Visier von Scharfschützen war. Fotos vom Autor.




Letzten Juni, nur wenige Tage nachdem ich meine Abschlussprüfung für das zweite Semester am pharmazeutischen Institut in Bagdad hinter mich gebracht hatte, fuhr ich nach Jordanien und blieb dort über drei Monate lang bei meiner Familie. Schließlich musste ich zurück in den Irak, weil es für Iraker zunehmend schwerer wurde, über längere Zeiträume in Jordanien zu bleiben.



ch kehrte am 10. Oktober über den Landweg nach Bagdad zurück. Diese Fahrt war das beängstigendste Erlebnis, das ich je hatte, obwohl ich auf dieser Route mindestens zwei Mal im Jahr unterwegs bin. Wir hielten die ganze Zeit Ausschau nach falschen Patrouillen oder Banditen, die uns verfolgen könnten. Wir brauchten 15 Stunden, um nach Bagdad zu kommen. Normalerweise braucht man von Amman acht Stunden.

Vor den Stadttoren Bagdads waren hunderte Militärs und Militär-fahrzeuge versammelt und jedes Auto, das in die Stadt kam, wurde gefilzt. Nachdem sie uns kontrolliert und rein gelassen hatten, sah ich mich auf den Straßen um. Meine Stadt hatte sich komplett verändert. Sie glich in keiner Weise dem Bagdad, das ich vor nur wenigen Monaten verlassen hatte. Die Straßen waren voll mit US-amerikanischen und irakischen Armee- und Polizeipatrouillen, Checkpoints und Betonbarrieren. Viele Gebäude waren staubig und zerstört, die Straßen waren menschenleer, der Müll stapelte sich auf den Fußwegen und die Ampeln waren kaputt—es sah aus, wie ein postapokalyptisches Horrorszenario.

Bald nachdem ich angekommen war, ging ich ein paar meiner Freunde besuchen. Sie erzählten mir von den Leichen, die wegen der interreligiösen Gewalt auf den Straßen lagen und davon, wie bislang gemischte Stadtviertel sich jetzt in entweder sunnitische oder schiitische Stadtviertel verwandelten. Die Leute waren gezwungen ihre Häuser zu verlassen, weil sie plötzlich die falsche religiöse Ansicht für ihre Gegend hatten.

Ich war durch das, was ich hörte, zutiefst besorgt und hatte zwei Wochen lang Angst, das Haus zu verlassen. Nach und nach gewöhnte ich mich dann aber an diese neue Situation. Ich gewöhnte mich daran, fast jeden Tag zu hören, dass einer unserer Verwandten, Freunde, Nachbarn oder irgendein anderer geliebter Mensch durch interreligiöse Gewalt, Autobomben, wahllose Schießereien oder IED-Explosionen ums Leben gekommen war.

Nach nur drei Wochen in Bagdad, wurde ich Zeuge von drei Ereignissen, die mein Leben für immer verändert haben.

Das erste ereignete sich, als ich mich auf der Straße vor meinem Haus mit einer Gruppe von Freunden unterhielt. Plötzlich kam, völlig unerwartet, ein seltsam aussehender Mann aus einem 20 Meter von uns entfernten Haus gerannt. Es war wie eine Szene aus einem Horrorfilm. Er hatte die Augen verbunden, sein Mund war mit Klebeband verklebt und ihm waren die Hände auf dem Rücken gefesselt. Er war von oben bis unten voller Blut. Der Mann rannte blind über die Straße und hielt vor einem Laden. „Bindet mich frei! Macht mir die Augen frei, bitte! Hilfe!“, schrie er. Ein paar Leute rannten rüber, um ihm zu helfen. Er sagte immer wieder: „Bitte bringt mich nach Hause, sie werden mich umbringen.“ Immer und immer wieder. Jemand setzte ihn in ein Taxi und sie fuhren davon.

Zuerst dachten wir, er wäre gekidnappt worden und man hätte ihn in dem Haus festgehalten, aber dann erfuhren wir seine Geschichte von der Familie, die dort wohnte: Sie sagten, dass sie in ihrem Hof gesessen hatten, um auf den Sonnenuntergang zu warten—es war Ramadan und sie fasteten—als plötzlich etwas, was wie eine Leiche aussah über ihren Zaun in den Hof geworfen wurde. Sie dachten zuerst, es sei ein toter Körper, aber die Leiche stand einfach auf und bewegte sich. Im Hof saßen auch Mädchen, sie fingen an zu schreien, als der Mann anfing herumzulaufen, weil es so ein bizarrer Anblick war. Ich meine, ich bin ja auch ausgeflippt, als ich ihn sah. „Bitte, schreien Sie nicht. Ich wurde gekidnappt. Sie werden Sie sonst hören“, flehte er die Familie an. Die Mädchen schrien weiter, also rannte er auf die Straße, wo wir ihn dann rauskommen sahen.

Vor kurzem schlug eine Granate direkt vor unserer Haustür ein. Wir hatten das große Glück, dass sie nicht zwei Meter näher bei uns gelandet ist.
Das hier war eine Autobombe in meiner Straße. Als das Ding hochging, sind meine Schlafzimmerfenster kaputtgegangen.


Ich kann nicht leugnen, dass ich panische Angst hatte. Ich stand wie versteinert da, bis die ganze Szene vorbei war. Danach wollte ich heulen. Wir können uns noch nicht mal mehr sicher sein, ob unsere Nachbarn unsere Freunde oder unsere Feinde sind.

Eine weitere Begebenheit ereignete sich fünf Wochen nach meiner Rückkehr. Sie war noch verstörender. Das Leben einer unschuldigen, jungen Friseurin endete auf schreckliche Weise, und ich sah zu, wie es passierte.

Sie war dabei nach Hause zu gehen. Nachdem sie ihren Laden um 17:30 abgeschlossen hatte, hielt sie ein Taxi an. Als sie gerade dabei war einzusteigen, hielt ein anderes Auto, in dem fünf junge Männer saßen, mit quietschenden Bremsen vor dem Taxi und versperrte ihm den Weg. Ein Bewaffneter—er konnte nicht älter als 18 sein—sprang aus dem Auto und zerrte die völlig überraschte Frau aus dem Taxi. Er stülpte ihr eine schwarze Plastiktüte über den Kopf, während sie schrie und um sich schlug, und dann erschoss er sie. Er stieg wieder ein und ihr Auto fuhr vor den ungläubigen Blicken der Passanten quietschend davon. Die Leiche der Friseurin blieb fast vier Stunden mitten auf der Straße liegen. Später kam ein amerikanisches Patrouillenfahrzeug und sammelte sie auf. Sie mussten mehrere Male auf die Leiche schießen, bevor sie sich ihr näherten, weil sie Angst hatten, es könnte eine Bombe drin sein.

Ich habe die Leiche, als sie da lag, aus der Ferne fotografiert, weil ich die schrecklichen Dinge, die in diesem unglückseligen Land passieren, dokumentieren muss.

Zwei Wochen später feuerten rivalisierende Milizen wahllos Mörsergranaten auf mein Stadtviertel. Über 50 Granaten wurden abgefeuert. Ich war an diesem Abend in meinem Zimmer und surfte im Internet, als ich einen ohrenbetäubenden Knall hörte. Der Raum füllte sich sofort mit Staub, und ich versuchte in meinem Schockzustand zu verstehen, was gerade passiert war. Dann hörte ich die Stimme meiner Mutter von unten: „Nabil! Nabil! Bist du OK?“ Ich rannte zu meinen Eltern runter, und es war niemandem etwas passiert.

Währendessen hörten wir, wie die Leute auf der Straße sagten, dass eine Mörsergranate einen Laden, der einem Freund von mir gehört, getroffen hätte.

Wir gingen nach draußen, aber es war zu dunkel, um irgendetwas zu sehen. Es gab keinen Strom. Ein Paar der Nachbarn hatten Taschenlampen und einer von ihnen kam an unserem Haus vorbei, hielt an und rief uns zu: „Hier. Hier ist es. Hier ist die Einschlagstelle. Hier ist sie detoniert.“ In der Straße kurz vor unserer Haustür klaffte ein tiefes Loch. Wir hatten Glück gehabt.

Erst vor ein paar Wochen explodierte 20 Meter von unserem Haus entfernt eine Autobombe, in der Nähe der Stelle, wo die Friseurin ermordet wurde. Glücklicherweise wurde keiner von den amerikanischen Soldaten oder von den Bewohnern unserer Straße verletzt, aber alle Telefon- und Stromleitungen wurden unterbrochen und seitdem gibt es in unserem Viertel keinen Strom mehr. Ich schlief, als sich diese Explosion ereignete. Es drückte meine Fensterscheiben ein und ich wachte mit einem wahnsinnigen Schock auf. Ich ging nach unten, um nach meinen Eltern zu sehen. Überall lag zerbrochenes Glas und Staub. Alle Fenster waren kaputt. Unter den Nachbarn kursierten Gerüchte, dass die Autobombe nur wenige Minuten vor der Explosion von Fremden hinterlassen worden war.

Vor kurzem—ich war gerade dabei, mich auf den Weg in die Schule zu machen—sah ich maskierte Bewaffnete, während sie Poster, Fotos und Notizen an Schaufenstern in unserer Straße anbrachten. Die Poster, die von Ansar al-Sunna, einer Aufständischengruppe, gezeichnet waren, warnten sunnitische Studenten und Professoren davor, in ihre Fakultäten zu gehen, um nicht Entführungen und Mordanschlägen schiitischer Milizen und Todeskommandos zum Opfer zu fallen. Auf einer Notiz hieß es, dieses akademische Jahr wäre an allen Universitäten, Instituten und Privathochschulen in Bagdad ausgesetzt, bis diese von den Todeskommandos „bereinigt“ seien. Wenige Tage nachdem die Poster verteilt worden waren, griffen Selbstmordattentäter die Mustansiriya Universität an, dabei wurden dutzende Studenten verletzt und getötet.

Seitdem vermeide ich es zur Uni zu gehen. Aber ich habe nicht wirklich die Wahl. Wenn ich mein Land nicht verlassen kann, muss ich mein Leben weiterleben oder vor Angst sterben.

NABIL KASIM
Nabil ist ein 20 Jahre alter Student in Bagdad und ist der Autor des Blogs nabilsblog.blogspot.com.

KOMMENTARE LESEN/POSTEN










If you’re worried about being mistaken for an old maid, try dressing like a used tampon that got left in for too long. It makes you look so fertile it’s almost ovarian.
KOMMENTARE/VERGRÖSSERN
ALLE SEHEN


Using Cyndi Lauper as your thrifting template is easy enough, but pulling it all together without a hint of cat-shit-induced mental illness makes her the Palos Verde Blue of girls.

KOMMENTARE/VERGRÖSSERN
ALLE SEHEN




AUSTRALIA | AUSTRIA | BELGIUM: FRANÇAIS/NEDERLANDS | BRASIL | BULGARIA | CANADA: ENGLISH/FRANÇAIS | DEUTSCHLAND
ESPAÑA | FRANCE | ITALY | 日本語 | MEXICO | NETHERLANDS | NEW ZEALAND | SCANDINAVIA | SCHWEIZ | UK | US

HOME | AKTUELLE AUSGABE | DOs & DON'Ts | ARCHIV | KONTAKT
© 2000-2009, Vice Magazine Germany | E-mail: info@viceland.de | Privacy Statement | Site Development: Solid Sender