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DOS & DON'TS










Selbstportrait von Hedi Slimane





ie kein anderer verkörpert Hedi Slimane die zeitgemäße Annahme, dass ein Mensch, der eine Sache beherrscht, auch in anderen Feldern überzeugen wird. Hedi Slimanes erste Kollektion für Dior Homme—er hatte Yves Laurent im Jahr 2000 verlassen—war etwas dezidiert Neues. Die rasiermesserscharfen Konturen, seine exquisiten Haute-Couture Schnitte, die versteckten Details und luxuriösen Materialien waren der Inbegriff von Verfeinerung und Sinnlichkeit. Folgerichtig rissen sie noch die abgestumpftesten Kritiker zu Begeisterungsstürmen hin. Es folgten weitere architektonische, eindringliche und hochsubversive Kollektionen, die seinen Ruf als wichtigste Stimme in der Welt der Männermode bestätigten—als der, der alles neu definierte.

Slimane fotografiert auch, er entwirft Möbel, beschäftigt sich mit Architektur und flirtet mit Grafikdesign. Außerdem entdeckt er laufend neue und nicht so neue Bands, die er dann nur einkleidet, sondern darüber hinaus auch auf vielerlei Arten beeinflusst. Es ist ihm gelungen, den aufrichtigen, aber zuweilen etwas wahllos zusammengeklaubt wirkenden Stil eines Teenagers auf die Ebene der high-fashion zu heben. Wir beschlossen, ihn zusammen mit Pete Doherty (den Slimane sehr bewundert—2005 zollte er ihm mit dem Buch Birth Of A Cult seinen Tribut) zu einem Gespräch einzuladen.

Hast du etwas an der Struktur von Dior verändert, als du dort anfingst? Ich meine, die Herren-Kollektion war damals auf Socken beschränkt, die in Duty-Free-Läden auf Flughäfen angeboten wurden ...

Als ich meine Stelle bei Dior antrat, spielte die Männermode dort keine große Rolle. Das Haus war, historisch gesehen, auf Frauen ausgerichtet. Also fand ich ein völlig freies Territorium vor. Ich begann damit, mir einen Arbeitsraum zu suchen und ihn architektonisch umzugestalten. Dann stellte ich ein komplett neues Team ein, etc. Es war ein ziemlich überwältigendes Projekt, aber auch total kreativ. Das war einer der Gründe, warum ich mich für Dior entschieden hatte. Ich schrieb ein ganzes Exposé, das ich mit „Dior Homme“ betitelte. Das war der Name, den ich dem ganzen Projekt gab. Bis dahin lief Männermode bei Dior unter der seltsamen Bezeichnung „Christian Dior Monsieur“. Das scheint mir hundert Jahre her zu sein.

Du bis auch Fotograf. Ist das für dich ein Teil des kreativen Prozesses?

Absolut. Ich habe schon als Kind mit dem Fotografieren angefangen. Irgendwie sehe ich alles durch eine Linse, deswegen spielen fotografische Konventionen, wie Tiefe, Komposition oder der Sinn für den Rahmen, für mich eine wichtige Rolle. Ich hänge sehr an der Fotografie. Meine Arbeiten werden seit 20 Jahren sorgfältig archiviert. Bei meiner Mode und den Kleidern mache ich das gar nicht. Die werden weder aufbewahrt, noch archiviert. Das Einzige, was von den Sachen bleibt, sind die Bilder davon, von den Jungs und Mädchen, die sie getragen haben. Das sind Erinnerungsstücke, die mir viel bedeuten.

Ist dir als Designer der narrative Aspekt wichtig?

Überhaupt nicht. Das Narrative liegt mir gar nicht. Ich muss mich immer im letzten Moment zwingen, mir etwas aus den Fingern zu saugen, um meine Kollektion zu beschreiben. Manchmal schreibe ich auch ein bisschen Quatsch zusammen, denn es gibt nichts, was mir weniger liegt, als über Mode oder so genannte Inspirationen zu sprechen. Das ist ganz schlimm für mich. In Wahrheit habe ich keine Ahnung davon, wie das alles zu Stande kommt und worum es geht. Ich habe auch keinen Schimmer, in welche Richtung es mit der Männermode geht. Es ist mir auch vollkommen gleichgültig. Es hat etwas von der Technik des automatischen Schreibens, ich stelle aus Zeichen und isolierten Fragmenten eine Gleichung auf. Das Ergebnis ist für mich selbst eine Entdeckung. Irgendwie fügt sich dann alles zusammen. Intuition und Chaos liegen mir mehr als das Narrative und Konzepte.

Und was findest du vom visuellen Standpunkt aus interessanter, Aktivismus oder Entzauberung?

Aktivismus ist—wie zuweilen auch Entzauberung—interessant. Aktivismus deshalb, weil die Psychologie bei der Männermode eine sehr spezifische ist. Sexualität spielt bei Männern eine zentrale Rolle, jedenfalls kann das so sein. Die Wahrnehmung der Männlichkeit ist immer eine Frage der Perspektive. Mit dieser Wahrnehmung habe ich mich immer beschäftigt. In diesen Jahren musste ich mich viel mit Vorurteilen herumschlagen. Die Entzauberung dagegen hat für mich eine romantische Qualität, etwas, was die Franzosen einen „Spleen“ nennen. Ich bin besessen von diesem kurzen Moment der Gnade bei Jungen und Mädchen—diesem Augenblick, in dem alles möglich ist, unmittelbar vor dem Niedergang oder dem Chaos, bevor also diese Ernüchterung einsetzt, weil einem bewusst wird, dass alles einmal zu Ende geht.

Richtest du dich gern nach bestimmten Formeln, oder verlässt du dich ganz auf deine Intuition?

Ich folge konsequent meiner Intuition. Allerdings halte ich einer intuitiven Idee auch gerne eine Art System, eine absurde und choreographierte Logik entgegen. Aber die Idee, die Hingabe, oder die Intuition kommen immer zuerst.

Was hat es mit deinen berühmten Street-Castings auf sich?

Das ist eigentlich das Schwierigste. Typen in einer Modelagentur zu finden, das ist ein echter Alptraum für mich. Ich möchte immer sicher sein, dass es einen Kontext gibt, dass die Persönlichkeit passt. In den letzten 20 Jahren habe ich Hunderte von Jungs entdeckt, von denen die meisten in Agenturen gelandet sind. Mir gefällt es, wenn sie einen starken eigenen Stil haben, dann wissen sie instinktiv, wie sie an meine Mode herangehen sollen. Ich caste wirklich überall, da gibt es keine Regeln. Meistens klappt es dann zufällig, da habe ich ein ganz glückliches Händchen. Wenn sie dann letztlich auf den Schauen laufen, freunden sie sich oft miteinander an, gründen eine Band zusammen, und so. Oft entsteht so eine Art Gemeinschaft. Außerdem gefällt mir die Vorstellung, dass die Jungs auf einen Schlag selbstsicherer werden, obwohl das in letzter Zeit nicht mehr so die Rolle gespielt hat. Heutzutage sind es meistens Briten.

Was denkst du über den Umstand, dass dieses männliche Schönheitsideal, das du geprägt hast, inzwischen quasi institutionalisiert worden ist. Heutzutage begegnet man dem enge-Hosen-Hoodie-Lederjacken-Look ja an allen Ecken und Enden. Und es geht so weiter.

Daran kann ich nicht viel ändern. So ist das wohl. Eigentlich ist es sogar ziemlich überraschend. Zunächst habe ich mir nämlich viel Ärger eingehandelt, als ich anfing, diese Vorstellung zu verteidigen.

Gibt es eine Dialektik von Jungs und Mädchen, oder ist das obsolet?

Ich habe nie so recht an dieses Gender-Ding geglaubt. Die Jungs und Mädchen, die ich mag, sind fast austauschbar, so wie in dem Blur-Song. Ich würde gern mehr für Mädchen machen, sie mehr um mich haben. Und wenn ich mir Jungs vorstelle, dann sind das zwar ganz klar Jungs, aber irgendwie auf eine fast unbeabsichtigte Weise.

Glaubst du daran, dass man ein System „von innen heraus“ verändern kann, etwa in dem Sinne, dass du deine Stellung im Establishment als Werkzeug einsetzt?

Nun, ja. Das ist ja genau der Grund, warum ich in ein Couture-Haus eingetreten bin. Das Establishment ist ein Ort, an dem man die Dinge in Bezug zueinander setzen kann, früher oder später hat das dann auch Konsequenzen. Man braucht aber absolute Hingabe und sehr feste Überzeugungen.

Glaubst du, dass Morphologien sich mit dem Zeitgeist verändern? Was sagst du dazu, dass manche Leute nicht in deine Kleider passen?

Meiner Ansicht nach ist Morphologie ein hochinteressanter Aspekt in der Evolution der Mode. Jede Dekade des vergangenen Jahrhunderts hatte ihren ganz eigenen Körperbau, und damit auch eine eigene Körpersprache. Die Grundeinstellung und die Art, wie man Kleidung trug, wie man sich bewegte und wie man sich aufeinander bezog, das war immer ganz unterschiedlich.

Das ist vielleicht das Wichtigste überhaupt für mich. Leute, die nicht in meine Sachen hineinpassen? Na ja, irgendwann musste ich mich einfach dazu durchringen, mich konsequent an den Look zu halten, den ich vor Augen hatte. Es gibt ja auch andere Sachen, die man anziehen kann, oder mit ein bisschen Hilfe auch die Möglichkeit, doch irgendwie hineinzupassen.

Mädchen müssen ständig mit so etwas umgehen, da ist es doch eigentlich nur fair, dass Jungs auch mal an sich arbeiten müssen, finde ich. Außerdem, vielleicht ist es am Ende ja auch nicht so lebenswichtig, ob man meine Sachen tragen kann oder nicht.

Beeinflusst du Musiker, oder beeinflussen sie dich?

Das kommt wohl auf die Musiker an, denke ich. Ich fühle mich in ihrer Gesellschaft sehr wohl. Musik geht für mich eigentlich über alles. Alles, was ich in der Männermode gemacht habe, hat mit Musik und Musikern zu tun. Und wenn seitdem viele von ihnen meine Sachen tragen, dann hängt das wohl damit zusammen, dass meine Arbeit für sie irgendwie einen Sinn ergibt.

Was für Musik hörst du zurzeit?

Good Shoes. Einer meiner Assistenten ist der Drummer der These New Puritans. Die mag ich sehr, deswegen habe ich sie auch gebeten, Musik für meine letzte Schau zu komponieren.

Und was trägst du zurzeit?

Das kann ich eigentlich gar nicht beantworten. Ich trage immer die alten Sachen, die ich habe. Westen, ziemlich oft eine Jacke mit Nadelstreifen und enge Jeans.

Nächste Projekte?

Im Wesentlichen Ausstellungen in Berlin, eine Gruppenausstellung bei Arndt & Partner im Juni und eine Ausstellung alter Bilder in der Ellipse Foundation For Contemporary Art in Lissabon im Mai.

HECTOR MUELAS & PETE DOHERTY*
*Wie zu erwarten war, zeigte er sich letztlich dann doch weit weniger kooperativ, als wir es uns vorgestellt hatten. Wie töricht von uns.