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DOS & DON'TS
















er grundsatz „Kleider machen Leute“ verliert sich hier in der Uniformität von Anstaltskleidung und Trai-ningshosen. Die Justiz stellt einen so genannten „Blau-mann“ zur Verfügung: Navy-blaue Jacke und Hose, blauweiß gestreiftes, kragenloses Fischgrätenhemd mit dunkelblauem Pullover. Selbst die Unterhose hat einen graublauen Ton und auch die Bettwäsche ist in einem blauweiß karierten Bayern-Look gehalten. Bis auf den Pullover und die Strümpfe ist alles aus Baumwolle. Außer zur Arbeit besteht keine Pflicht zum Tragen von Anstaltskleidung, nur in den abgeschotteten Stationen, in denen hier auffällig gewordene Dealer, Schläger, Schuldner und Ausbrecher gezüchtigt werden. Nur wenn die Arbeitszeit vorbei ist, kommt ein bisschen Individualität zum Vorschein. Doch die Leidenschaft bleibt auf der Strecke—für wen auch? Homosexualität ist im Knast verpönt, hier lebt der Mob im Trainingsanzug.

Als sie mich im Sommer auf der Straße mit italienischen Leder-Slippern wegschnappten, wurde ich in U-Haft mit „Rotkäppchen“ begrüßt. Die Slipper habe ich das letzte Mal zum Hof getragen, jetzt bin ich wieder der Schneekönig. Fashion ist hier nicht sehr vorteilhaft—bloß nicht auffallen. Lieber wie ein Chamäleon den grauen Knastalltag durchleben, denn hier machst du nur mit leisen, unscheinbaren Schritten Punkte. Aber zu Besuchszeiten wird dann doch das ein oder andere gute Stück hervorgeholt.

Natürlich erkennt das geübte Auge von Aigner bis Zegna, von Bally bis Prada feinen Zwirn und edles Laufwerk—aber wie gesagt, im Alltag ist Extravaganz nicht gefragt. Der Zeitgeist liegt zwischen Adidas und Nike, China—und Taiwan-Produktionen, Originalen und Plagiaten. Damit schwimmst du in der Masse und bist doch etwas Besonderes, wenn du einen aktuellen Trend einer Sportmarke auf den Knasthöfen verkörperst. Das Zusammentreffen vieler Kulturen durchbricht mitunter die Monotonie wie Eisbergspitzen das Polarmeer: Kaftan und Disch-Dasch (arabisches Gewand)—selbst im bayerischen Trachtenanzug mit Filzhut lief mir kürzlich im Hausflur ein Altnazi entgegen. Bei so viel Narzissmus grüsst man dann gerne mit „Salamon Alikom“ oder „Servus“. Seit vier Jahren hänge ich nun in Trainingsklamotten fest—und träume nachts von weißen gestärkten Oberhemden, von Stoffen und Farben die der Haut und den Augen schmeicheln, von Gerüchen, die Wohlgefühl und Übereinstimmung versprühen.

Am Morgen schlage ich dann wieder den Kragen der Küchenjacke nach oben, um mich dahinter in meinen Tagträumen zu verlieren und zwischen Cabrio und Strandpromenade dahin zu gleiten.

Letzte Woche kam es zu einem außergewöhnlichen Vorfall: Ein Mitgefangener, Lebenslänglicher, wurde bei den Vorbereitungen zu einem Ausbruchsversuch gestellt. Er hatte sich aus Aluminium einen Nachschlüssel gefertigt und aus Krücken, die er vom Arzt abgestaubt und über die Zeit gesammelt hatte, eine Leiter zur Überwindung der Mauer gebastelt. Es fehlte nur der Bullen-Parker, ein olivgrauer Mantel mit Kapuze, der am Oberarm das Justizwappen Berlins trägt. Mit Hilfe dieses Mantels wäre er dann grüßend am Wachturm vorbei zu einer bestimmten Stelle gekommen, die ihm die Flucht ermöglicht hätte. Aber auf der Jagd nach der Uniformität, also auf dem Weg in die Garderobe der Justizbediensteten, kam es zum Super-GAU: Er schloss mit seinem Nachschlüssel den Raum zur Kleiderkammer auf—wider Erwarten saßen da zwei Justizbeamte. Mit einem: „Oh, da bin ich wohl falsch hier“, schloss er die Tür wieder zu. Den Blick der beiden hätte ich zu gerne gesehen—ein Knacki mit Schlüssel? So schnell sind die noch nie aufgesprungen. Der Rest war eine Kleinigkeit, der Lebenslängliche sitzt für Minimum ein Jahr im abgeschirmten Bereich. Ja, auf den richtigen Look kommt es an, auch im Knast.

EUER MANN VOM PLANET TEGEL