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DOS & DON'TS










Illustration von Milano Chow






ürgen Teller ist wahrscheinlich für so ziemlich alles verantwortlich, was du an Fotografie magst. Zusammen mit Terry Richardson und Wolfgang Tillmans ist er ein Teil des heiligen Trios, das die Modefotografie in den Neunzigern vor dem endgültigen Absturz bewahrte. Teller hatte keine Angst in seinen Fotos Menschlichkeit, Härte, Humor und Hässlichkeit zu zeigen und lockerte dadurch die in den Modezeitschriften üblichen schwülstigen Sets auf, die an kitschig-theatralische Abschlussballfotos erinnerten. Als seine kommerziellen Arbeiten das erste Mal erschienen, kam das einer Offenbarung gleich.

Teller bewirkte eine Trendwende und schlug einen neuen Weg ein, der aber leider schnell von einer unbändigen Meute von Spaßvögeln mit schäbigen Yashica T4 Kameras und sehr wenig Talent überrannt wurde. Seine Bilder transportierten einen Look, der sich bald als Standardrezeptur in der Mode- und Porträtfotografie etablierte: heller Blitz, einfaches, echtes Set, ein Hauch von beiläufiger Degradierung—so die Zutaten.

Also entwickelte Teller gemeinsam mit Richardson und Tillmans eine Strategie, die Mitläufern das Handwerk legte. Sie begaben sich in die Welt der Galerien und Museen und wurden erfolgreiche Künstler. Teller transformierte die Eindrücke, die er in der kranken Modewelt gewonnen hatte, zu Kunst: Sein Buch Go-Sees von 1999 zeigt Modelcastings, die vor seiner Haustür in London stattfanden. Daraus entstanden Porträts von vielen verschiedenen Gesichtern hübscher Mädchen, die sich allesamt in der psychologisch bizarren Situation befinden, ausschließlich auf ihr Aussehen angewiesen zu sein. Einige davon waren lustig, einige befremdlich, andere wirkten gruselig und zerbrechlich. In einem weiteren Schritt seiner künstlerischen Entwicklung besann sich Jürgen Teller auf sein deutsches Erbe und verwandelte es in Fotos—zu sehen in seinem kürzlich erschienenen, brillanten Buch Nürnberg.

Mit seinem scheinbar unerschöpflichen Output an neuen Büchern, Ausstellungen und Ideen ist Teller zu einem der Fotografen mit dem weltweit höchsten Wiedererkennungswert geworden. Wenn ihm danach ist, macht er immer noch Modefotos. Aber irgendwie schafft er es, dass seltsame und gleichzeitig schöne Kunst daraus wird.

Mögen Sie die Modeindustrie? Ich weiß, das ist eine ziemlich platte Frage, aber ich möchte es wirklich wissen.

Jürgen Teller:
Ja, ich mag sie. Für mich hat sie etwas sehr Leichtes, sie macht Spaß und ist aufregend. Zum Beispiel freue ich mich riesig über diese Stiefel, die ich anhabe. Ich kann die weißen, flachen Converse, die ich 30 Jahre lang getragen habe, nicht mehr anziehen, weil ich, als ich älter wurde, Schmerzen in den Füßen und im Kreuz bekam. Jetzt trage ich Absätze, und ich finde es super. Diese Stiefel verändern mich. Plötzlich trage ich einen Schal, eine Rolex und ein Jackett.

Sie haben sich verändert.

Ich nehme die Mode einfach nicht mehr so ernst. Es ist eigentlich lustig. Aber klar, Mode ist ein Riesengeschäft. Wenn man die richtige Einstellung hat, es nicht zu ernst nimmt und die Grenzen der Kommerzialisierung überschreiten kann, kann es Spaß machen.

Was ist die richtige Einstellung?

Ich will einfach machen, wozu ich Lust habe.

Welche Kleidung tragen Sie zurzeit am liebsten? Ich habe Sie jetzt ein paar Mal getroffen und Sie hatten immer verschlissene T-Shirts an.

Mit den Jahren werde ich etwas schicker. [lacht] Mir gefallen diese Schals dieser altmodischen britischen Firma Turnbull and Asser. Gerade habe ich einen Kaschmir-Schal um. In orange!

Orange. Das ist mutig.

Und Martin Margiela-Boots finde ich im Moment auch ganz toll.

Was sind das für Boots, so etwas wie Motorradstiefel?

Nein, das sind Chelsea Boots.

Beatle Boots. Die sind ziemlich britisch. Was haben Sie als Teenager gern angezogen?

Ach, da hat sich nicht viel geändert. Damals waren es genau die gleichen ausgewaschenen T-Shirts. Oft habe ich auch Pyjamahosen angezogen.

So sind Sie auf die Straße gegangen?

Genau. Jahrelang. Ich habe sie in New York und einfach überall getragen. Das hat damals irgendwie Sinn gemacht. [lacht]

Haben Sie angefangen, Design anders wahrzunehmen, als Sie stärker in die Modeindustrie involviert wurden? Haben Sie sich dann zum Beispiel für … was weiß ich ... Silhouetten interessiert? Oder wer seine Nähte diese Saison auf welche Art und Weise macht?

Nein, das war mir immer egal. Aber es würde mir auffallen, wenn ein Mädchen irgendetwas Besonderes trägt, das macht sie dann interessant für mich.

Sie haben sich also eher dafür interessiert, wie jemand etwas getragen hat, als dafür, was er getragen hat.

Ganz genau.

INTERVIEW VON JESSE PEARSON


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