NEWSLETTER  



DOS & DON'TS










Illustration von Frank Höhne, www.frankhoehne.de





etzten Winter sah ich Jarboe zusammen mit Neurosis bei einem Gig in London. Niemand hatte mich davor gewarnt, dass sie ihre Augen so komisch nach hinten verdrehen kann. Ein weißer Punkt leuchtet dann auf ihren leeren Augäpfeln, während sie über die Bühne wankt wie eine frisch erwachte ägyptische Gottheit und gleichzeitig stockt dem Publikum der Atem. Es erreicht einen neuen Zustand, eine von Angst genährte Ehrfurcht. Eine Besucherin hinter mir bringt es auf den Punkt und murmelt nur noch ein verwirrtes „Bloody ’ell“, bevor sie den Raum verlässt. Währenddessen werde ich in das Unbekannte geworfen, wie bei einem halluzinogenen Trip, der sich als zu intensiv herausstellt, der mich nicht mehr loslässt und droht, mich zu zerreißen.

Bei einer kurzen Internetsuche erfährt man, dass Jarboe nicht gerade eine Disney Club-Sängerin ist. Beide Eltern beim FBI, wächst sie an der Südgrenze der USA mit religiösen Praktiken auf, die mit Schlangen zu tun haben. Während die meisten ihrer Klassenkameraden heute entweder Frauen-verprügler oder Idioten sind, wurde aus ihr die härteste Frau der amerikanischen Extrem-Musik, neben Lydia Lunch und Diamanda Galas. Sie wurde Michael Giras Partner und gründete mit ihm Swans. Swans war eine dieser 80er-Bands, deren frühe Platten man nicht oft hören konnte, weil sie zu unheimlich, zu eindringlich, zu fordernd, zu verdammt negativ waren. Man konnte ein suizidgefährdetes Wrack sein, im Vergleich zu Swans-Alben fühlte man sich wie Suzanne Vega. Dann fing sie an, Solosachen zu machen. Ihr Album Anhedoniac von 1998 ist ein vergessenes Meisterwerk.

Vice: Welche Rolle spielt Weiblichkeit in deiner Arbeit?

Jarboe:
Meine Definition von Weiblichkeit ist vielleicht etwas eigen. Ich habe oft das Gefühl, dass es noch ein drittes Geschlecht gibt. Nicht männlich oder weiblich, sondern etwas Drittes. Ich gehöre zu diesem dritten Geschlecht.

Gibt es für eine weibliche Künstlerin prinzipielle Unterschiede in ihren Wirkungsmöglichkeiten, wenn man die späten 80er/frühen 90er und heute vergleicht?

JA VERDAMMT! Unser ganzer Aktionsraum wurde ausradiert. Wir brauchen eine Revolution. Wir brauchen eine neue Seattle-Grunge-Szene oder eine New-York-Post-Punk-No-Wave-Szene. Verdammt noch mal!

Ist der Underground ein freierer Ort für weibliche Künstlerinnen als der Mainstream?

Es gibt KEINEN freundlichen Ort für Künst-lerinnen. Man muss sich Platz schaffen.

Aus meiner Erfahrung mit bulimischen Mädchen/Frauen kann ich sagen, dass sie, obwohl sie offensichtlich krank sind und ihr Leben gefährden, oft auch extrem charismatisch, intelligent, diszipliniert und willensstark sind. Glaubst du, dass es bei diesem speziellen Verhalten nicht nur darum geht, „dünn wie ein Supermodel“ zu sein, sondern dass man das in manchen Fällen auch als Reaktion von starken Frauen auf eine sie unterdrückende Umwelt sehen kann?

Als eine ehemalige Magersüchtige, die bei 1,70m 49 Kilo gewogen hat, kann ich sagen: JA VERDAMMT!

Hast du frühe Erfahrungen aus der Kindheit oder Jugend, von denen du behaupten würdest, dass sie dich als Künstlerin geprägt haben?

Als Außenseiterin, die in ihrer Kindheit von den Schulkameraden gehänselt wurde, waren die Rockbands, die ich im Radio hörte, meine einzige „Familie“. Ich schmiss Acid und hörte Psychedelic Rock in meinem Kinderzimmer. Das war mein EINZIGES Zuhause.

AVI PITCHON
Jarboes Seeress The Sweet Meat 7" ist bei Paradigms Recordings erschienen.