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DOS & DON'TS










Maniküre. Tortur.






ag Drei
Beim Aufwachen wurde mir plötzlich klar, was mir die ganze Zeit zum wirklichen Normalsein gefehlt hatte: künstliche Nägel und knackige Bräune! Wie konnte ich das vergessen! Also lief ich zum nächstgelegenen Nagelstudio. Dort knöpfte sich eine schweigsame Frau die abgekauten Enden meiner Finger vor und verwandelte sie in wundervolle damenhafte French-manicure Nägel. Sie schliff, polierte und feilte und danach war ich eine neue Frau. Eine neue Frau, die nicht mehr in der Lage war eine Computertastatur zu bedienen, ihren Reißverschluss zuzumachen, sich einen Zopf zu machen, Dinge in die Hand zu nehmen oder sich ohne größere Schwierigkeiten den Arsch abzuwischen. Aber schaut mal wie hübsch sie sind!

Als Nächstes war das Bräunungsspray dran. Ich dachte, man müsste sich da nackt in ein Zimmer stellen und wird von einer winzigen blonden Frau mit braunem Zeug eingesprüht. Ganz falsch. Stattdessen schlurfte ich mit Schlappen und einer Duschhaube bekleidet in einen Arzt-Sprechzimmer ähnlichen Raum. Ich bekam einen kleinen roten Schlauch, durch den man atmet und musste dann in einen Metallapparat steigen, der aussieht wie eine Dusche. Dort drückt man auf einen Knopf, macht die Augen zu und dreht sich im Kreis, während ein ekelhaftes, giftig riechendes, sirupähnliches Chemiezeug auf einen niederprasselt. Bei mir verlief das nicht ohne Zwischenfälle. Ich bekam die Bräunungsdusche nicht in Gang und musste deshalb in dem weißen Umhang, den sie mir gegeben hatten, zwei Mal in den vollbesetzten Vorraum traben, um dort vor jungen Mädchen, die darauf warten, dass die Kabine endlich frei wird, zuzugeben, dass ich zu blöd war, dieses Ding zu bedienen.

Der eigentliche Vorgang dauerte dann aber nur eine Minute und nach ein paar Stunden hatte ich eine natürlich wirkende Bräune, nicht die grell-orange Tönung, mit der ich gerechnet hatte.

Am Abend entschied ich, dass es Zeit für sportliche Betätigung war. Ich fragte eine Bekannte, ob ich mit ihr in den Tennisklub gehen könnte, um die Squashfelder auszuprobieren. Ich bat sie ein paar Fotos für mein MySpace-Profil zu machen, auf denen ich „sexy“ und „energetic“ aussehe. Nach dem Spiel gingen wir in den Hot-Tub und hielten nach „Schnuckelchen“ Ausschau (um ehrlich zu sein, waren hauptsächlich Rentner dort, und die einzigen „Schnuckelchen“ waren der Abtrockner und der Barmann). Außerdem bemühten wir uns, den 17-jährigen Mädchen, die mit Sonnenbrillen im Gesicht an der Bar saßen und mit Mamis Kreditkarte ihre Gin Tonics bezahlten, möglichst vernichtende Blicke zuzuwerfen. Ach ja und in die Sauna und den Dampfraum sind wir auch noch gegangen, um unsere Poren zu reinigen. Normale Mädchen haben reine Poren.

Zum Abendessen gingen wir in ein beliebtes Touristen-Restaurant mit unfassbarer Deko und einer ca. zehn Meilen langen Speisekarte mit Gerichten aus aller Welt. Alles war so billig, dass selbst die Frühlingsrollen wie ein Stück Plastik schmeckten. Ich versuchte mit unserem Kellner zu flirten und bat meine Freundin, ihm zu sagen, dass sie Fotografin sei und gerne ein Foto davon machen würde, wie er mich füttert.


Tag Vier
Wieder stand ich früh auf, um ein paar Übungen zu machen und mich zu stylen. Dann verbrachte ich zwei Stunden mit einer Freundin im Fitnessstudio. Ein Hardcore-Sporttag als Vorbereitung auf ein langes Partywochenende. Ich strampelte mich ab und versuchte gleichzeitig, so natürlich wie möglich zu wirken. Es war hart, aber das tun normale Mädchen nun mal: schwitzen und sich anstrengen, bis sie kotzen.

Später hing ich eine Weile zu Hause bei den Eltern einer Freundin ab, und wir kuckten gemeinsam fern. Ich musste aber bald für mein erstes Clubbing-Experiment nach Hause. Meine Recherchen über normale Mädchen hatten ergeben, dass Schminken und Haare machen fürs „Clubbing“ von entscheidender Wichtigkeit sind.

Glücklicherweise habe ich einen Freund, der bis vor kurzem bei MAC Cosmetics gearbeitet hat und sich bereit erklärte, mir bei meinem Bestreben nach normaler Schönheit zur Seite zu stehen.

Ich dachte, es reicht, wenn er mir in einer Stunde ein paar Tipps gibt, aber fünf Stunden später hatte ich 12, ZWÖLF!!! Seiten handgeschriebener Notizen und Tipps. Ich bekam außerdem eine praktische Einweisung und ein Probeschminken für den Abend und sammelte jede Menge neuer Erkenntnisse über die Techniken des Wellens, Glättens und des Stylens. Wisst ihr, wie viel „Zonen“ ein Augenlid hat?! Der Hammer!

Danach probierte ich ungefähr zwanzig furchtbare Outfits an. Schließlich entschied ich mich für eine ziemlich langweilige Nummer, da mir klar wurde, dass die wahre Kunst des „Outfits“ sowieso in der Wahl der richtigen Accessoires besteht. Ich weiß, dass ich immer noch scheiße aussehe, aber wenigstens sehe ich anders scheiße aus als vorher.

Wir gingen in eine Bar namens KARMA—der bescheuertste Name, den ich je gehört habe. Der DJ hatte einen Misfits-Haarschnitt und ein Misfits-T-Shirt und spielte Hip Hop aus den 90ern. Party Time!

Meine „normale“ Freundin und ich setzten uns und fünf Minuten später ging es los. „Euch zwei Ladies hab ich hier ja noch nie gesehen.“ Ich kriegte die schärfsten Typen ab—untersetzte mit Ziegenbärtchen, längsgestreiften Hemden und nach oben gegelten Haaren. Im Ernst. Ich war umzingelt von denen. Sie machen alle was mit „Computern“ und konnten sich „dank ihres Jobs ein Auto leisten“. Normalerweise würde ich nicht so über sie ablästern, aber der eine Typ war wirklich ein Vollidiot. Er verbrachte ganze zweieinhalb Stunden damit, sich mit mir zu unterhalten. Ich war nett und normal, beantwortete seine Fragen mit Bedacht und versuchte die Unterhaltung so lebendig wie möglich zu gestalten (schließlich war das Teil des Experiments). Ich habe ihm weder schöne Augen gemacht, noch habe ich Andeutungen gemacht, dass ich mit ihm „nach Hause gehen“ würde. Aber in derselben Sekunde, in der wir aus der Bar geschmissen wurden, schlug die Stimmung um. Plötzlich griff rasende Torschlusspanik um sich, und die Kerle sagten ständig: „Du kannst mitkommen, wir können ein paar Bier trinken, einfach so’n bisschen quatschen und abhängen.“ Das kam wie aus dem Gewehr geschossen und gleichzeitig checkten sie die anderen Mädels ab, die noch vor der Tür rumhingen. Schließlich sagte ich geradeheraus: „Weißt du, heute geht es wirklich nicht, aber du kannst mir ja deine Nummer geben, dann rufe ich dich an.“ Da war er sofort weg! Er war bereit mich zu vögeln, aber wollte mir nicht mal seine Nummer geben! Das fand ich krass. Ich habe mit meiner Freundin drüber gelacht, aber im Ernst, ich war ziemlich schockiert. Läuft das bei normalen Leuten wirklich so?

JAIMIE WARREN


Diese herzförmigen Brillengläser waren eine Gratwanderung zwischen normal und sonderbar.
Fitness!


Ich habe es geschafft, dass der Kellner mich füttert.

CONTINUED:
MEIN LEBEN ALS MÄDCHEN
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