|
|
DOS & DON'TS
|
|||||||||||||
Vice sah das französische Elektro-Duo bei dem grandiosen Transmusicales Festival in Rennes, Bretagne, wo sie letzten Monat die dickste Show ihrer jungen Karriere spielten, vor mehr als 8000 Menschen in einem eiskalten Flugzeughangar, Samstag, morgens um drei Uhr. Davor waren die beiden Pariser, die auf die Namen Xavier de Rosnay und Gaspard Augé hören, von ihrem Manager Pedro Winter, dem Besitzer des Ed Banger Labels, der grundsätzlich nie relaxt, sondern immer am Posen für Fotos oder am Zutexten von Journalisten ist, durch den Backstage-Bereich gezerrt worden. Dabei sahen sie aus wie die Rockstar-Fantasie eines American Apparel-Stylisten: buschige Koteletten, Russel Brand-Schals, schwere Silberketten mit Kreuzen, enge schwarze Jeans und fette Gürtelschnallen. Ihr beeindruckendstes Accessoire war aber das drei Meter hohe weiße Neonkreuz, dass zum Takt ihres DJ-Sets funkelte und blinkte als wäre es die Silhouette für einen riesigen Kirchentags-Rave. Man könnte sogar jemanden daran kreuzigen, auch wenn das Material, Fiberglas oder so, die Nägel nicht so gut vertragen dürfte. In jedem Fall ist das Kreuz, übrigens ein überdimensionales 3D-Modell von Justices MySpace-Avatar, ein sinnvolles Requisit, da es abgesehen von hippen Klamotten bei einer Justice-Show nichts Besonderes zu sehen gibt. Ihr Set war beeindruckendund das war auch gut so. Der Primetime-Slot in der Nacht zum Samstag ist traditionellerweise für jenen aufsteigenden französischen Dance-Act reserviert, dem die Geschmacksagenten im kommenden Jahr den Durchbruch prophezeien. 2004 spielte Vitalic um diese Uhrzeit, letztes Jahr rasteten Jackson & His Computer Band völlig aus. Dafür dass die beiden Jungs von Justice noch gar nicht so lange auflegen, gelang ihnen ein nahtloser Mix, in dem sie Kraftwerk und Daft Punk durch diesen unverwechselbar brutalen Glitch-Processor jagten, der ihre Tracks so schmutzig klingen lässt. Einen Ausschnitt des Sets gibt es unter dailymotion.com/video/1382171. Der Clip ist ein Teaser für ihre neue Single, in der offenbar von einem Kinderchor rezitierte Michael Jackson-Titel und ein Goblin-Song aus dem Soundtrack von Dario Argentos Film Tenebre eine Rolle spielen. Das hört sich doch großartig an. Kann da was schiefgehn? Als uns dann aber jemand den Track über Kopfhörer vorspielte, klang es eher nach Bob Sinclair. Ziemlich cheesy. Egal, it’s all about the Hype, und selbst wenn Justice nur für ein Zehntel des hysterischen Gekreisches geradestehen, haben sie bereits alles richtig gemacht. MSTRKRFT und Digitalism durften am gleichen Abend die Bühne mit ihrem belanglosen Electro-House-Geballer beschallen. Bei einem Auftritt in einem Flugzeughangar das nötige Feingefühl zu finden, ist bestimmt nicht leichttrotzdem wirkten beide Acts auf freche Art vulgär, lustlos und berechenbar. Gehirnamputierter Techno dieser Art ist in einem Club offenbar besser aufgehoben. Klaxons Set am Freitagabend war deren bisher größter Gig, und sie hatten alles im Griff. Rund zwei Dutzend Fans wedelten mit Leuchtstäben vor der Bühne rum. Dieses Jahr müssen sie richtig Gas geben, was kein Problem darstellen sollte, wenn man bedenkt, dass kein einziges überflüssiges Stück auf ihrem erstaunlich zugänglichen Debüt Myths of the Near Future ist und ihr Drummer berserkerhafte Züge trägt. Verrückte Vorstellung, dass sie vor gerade mal einem Jahr zum ersten Mal im Old Blue Last gespielt haben. Jetzt, einer Kombination aus großen Songs, wahnsinnigem Hype und gewieftem Management sei Dank, dürfte es ihnen besser gehen als je zuvor. Andere Live-Highlights des Transmusicales waren die gar nicht so nervigen Shy Child, die Kaiser Chiefs, deren neue Songs eingängiger sind als der erste Haufen, und die französischen House-Dinosaurier Cassius, die einen Weg gefunden haben, ihren Dinnerparty-Discosound live zu spielen und zwar mit etwas, das aussieht wie die Backingband von Lenny Kravitz. Der Stand mit den bretonischen Austern war auch eine der Hauptattraktionen. Nichts zieht einen um zwei Uhr in der Früh besser hoch, als sechs Austern zu schlürfen. Hier ist dieser Trend aber noch nicht angekommen. Am Donnerstag vor dem Trip nach Rennes performte der öffentlichkeitsscheue französische Disco-Gott Black Devil zum ersten Mal in England, genauer gesagt in London, im Plastic People in Shoreditch. Mit 61 Jahren dürfte Bernard Fevre aka the Black Devil die älteste Person sein, die je in diesem Club gespielt hat, aber eine schwarz gefärbte Haarmatte half ihm, sein Alter zu verbergen. Da der gute Herr zwei echte Cosmic Disco-Kultklassiker vorzuweisen hat, nämlich die 1987er „Disco Club“-EP und den verspäteten Nachfolger, das 2006er Mini-Album „28“, war der Laden gefüllt mit neugierigen Musiknerds und ganz normal aussehenden Fans, denen Fevre mit seinem Sidekick Gwen Jamois über eine Stunde lang mitreißenden Synth-Pop um die Ohren haute. Zwar klang ein Großteil des Sets nach Playback aus dem G4, aber die gespenstischen Harmonien sang Fevre live durch den Filter eines Synthesizers und am Ende sah er dann auch ganz gut erledigt aus. Die Verehrung, die man dem Black Devil entgegenbrachte, war an diesem Abend allgegenwärtig. Er mag nichts besonders Ungewöhnliches oder Unerwartetes gespielt haben, doch allein die Tatsache, dass er da war, leibhaftig, machte dieses Event denkwürdiger als es eigentlich war. Ganz kurz noch: Da dies die Girls Issue ist, möchte ich darauf hinweisen, dass das holländische Label Clone ein obskures 80er Popjuwel, Knight Actions Single Girl, neu aufgelegt haben. Die beste Platte, die dort seit langem erschienen ist. DUKE KENSINGTON | ||||||||||||||