| Illustration von Ira Mowen |

eit sie in meiner Abteilung im Callcenter das Pensum erhöht haben, schlafe ich nicht mehr. Ich will nicht. Ich kann nicht schlafen. Ich lege mich hin, ich stehe eine halbe Stunde später wieder aufes ist kurz vor einsverbringe eine weitere halbe Stunde vor dem Kleiderschrank, gleite in meine Prada-Wadenstiefeletten, die mich beinahe ein Drittel eines verdammten Monatsgehaltes gekostet haben (Ledergeruch so erregend wie der Duft einer feuchten Vagina) und trete aus der unüberwindbaren Einsamkeit meiner fünfunddreißig Quadrat-meter in die unauffällige Einsamkeit der Straße. Der Mondschein und das Licht der Laternen werden durch Sprühregen verwischt. In der Nähe der U-Bahnstation Majorstuen treffe ich auf diesen Typen, Ådne, er spielt in dieser Band, die gerade ein Album in den Staaten veröffentlicht hat, wie heißt sie noch ... er erzählte mir einmal, dass er anfangs mehrere Monate mit seinen Leuten in einem Wohnwagen gehaust hat, um ständig und auf engstem Raum an ihrem Sound zu arbeiten. Wo sind eigentlich meine Träume? Wir entscheiden uns für die gleiche Richtung. Vor uns laufen ein paar Kids, die plötzlich vor dem Eingang zur U-Bahn Halt machen. Stimmengewirr erhebt sich. Zu ihren Füßen liegt ein Penner, den sie mit leichten Fußtritten und Flüchen bedrängen, den sie bespucken. Wir laufen auf das Szenario zu, ich schnappe mir einen von den Punks, er reißt sich los. Der ganze Haufen zerstreut sich unter Gejohle. Der Penner blickt uns wortlos an. Er stinkt bis zu uns herauf. Ich krame in meiner Tasche nach 50 Kronen und werfe sie ihm vor die Füße. Er senkt seinen Blick, mustert meine Schuhe und flüstert: „Vergiss nie zu lächeln, mein Junge. Dem, der lächelt, winkt ein langes Leben.“ Ich verfolge seinen Blick und schaue an mir herunter. Oslo ist die Stadt der Welt mit dem höchsten Lebensstandard. Ohne ein Wort zu sagen, lasse ich Ådne neben dem Penner stehen und gehe. Ich gehe, um mich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken. Wie jede Nacht. Damit ich schlafen kann.*
Vice: Welche Geschichte hast du dir als Kind am liebsten zum Einschlafen vorlesen lassen?
120 Days (Ådne): Es gibt dieses norwegische Märchen namens
Bukkene Bruse. Es geht darin um drei Ziegen, die einen Troll um die Ecke bringen. Perfekter Stoff für anregende Träume.
Welche Autoren würdest du eurem Publikum empfehlen, um die Band besser zu verstehen?
Glücklicherweise braucht es keine Literatur-liste, um unsere Band zu begreifen, aber ein wenig Marquis de Sade, Leopold von Sacher-Masoch und Jens Bjørneboe können sicher nicht schaden.
Welche Autoren würdest du eurem Publikum empfehlen, um das Leben besser zu begreifen?
Genau die gleichen.
Wie viele Stunden liest du pro Tag?
Eigentlich lese ich nur, wenn ich nicht schlafen kann. Da ich aber zurzeit enorme Schlafstörungen habe, lese ich mehrere Stunden am Tag.
In welcher Geschichte würden 120 Days am liebsten mitspielen?
Wir spielen bereits in mehreren Geschichten mit, obwohl es außer uns niemand weiß. Es gibt in Norwegen viele Erzählungen über Askeladden, einen einfachen Jungen vom Land, der schließlich groß rauskommt. Genau wie wir.
Wie sieht ein fiktiver Ort aus, den 120 Days’ Musik beschreiben könnte?
Es gibt diesen Ort. Er heißt Oslo, und er ist kalt und grau.
AR
* Angeregt durch 120 Days’ 120 Days, erschienen bei Vice Recordings in den USA.