NEWSLETTER  



DOS & DON'TS











Illustration von Milano Chow


Vice: Diese Story wird aus der Perspektive einer ziemlich verabscheuungswürdigen Person erzählt. Ein Rassist, der es auf eine schwarzen Kollegin in seinem Büro abgesehen hat.
Neil:
Ja, es ist interessant. Solche Sachen tauchen bei mir einfach plötzlich auf, wenn ich schreibe.

Es beruht also nicht auf einer Idee, die du schon lange mit dir herumträgst?
Nein. Wenn ich solche Sachen schreibe, ist das für mich eher eine Art Experiment.

Bist du irgendwann an einen Punkt gekommen, wo du beim Schreiben gedacht hast: „Hmm, das könnte jetzt zu viel gewesen sein.“
Für mich gibt es kein Zuviel. Ich möchte mein Publikum provozieren, im besten Sinne.

Du meinst, du willst, dass sie über die Dinge nachdenken.
Ja, und zu dem Publikum gehöre auch ich, gehörst du und die Leser. Ich möchte, dass die Leute auf so etwas reagieren. Die Politik und Machtdynamiken in Büros interessieren mich schon, seitdem ich In the Company of Men geschrieben habe. Das hier ist noch mal eine Annäherung an die ganze Thematik.





ch scheiße seit einigen Monaten in L’Tesha Jacksons Schreibtischschub-lade, und ich sehe keinen Grund, damit aufzuhören. Ich wüsste nicht warum. Alles fing mit einem kleinen Scherz an, eine Art Mutprobe, zu der mich ein Kumpel angestiftet hatte und dabei sollte es dann auch bleiben. Eine einmalige Sache. An dem Abend blieb ich also länger im Büro—ist ja kein großes Ding, machen viele, wenn sich die knappen Abgabefristen, die sie uns geben (sie könnten uns eigentlich genauso gut an unseren Tischen festketten) dem Ende nähern—und spielte auf meinem Computer rum, sortierte ein paar Ordner, machte mir in der Mikrowelle eine Fertigsuppe, usw. und behielt dabei die anderen im Auge, während die Reihen langsam leerer wurden (es war ein Freitag, machte ja auch Sinn, so kurz vorm Wochenende). Gegen zehn war der Laden wie ausgestorben. Ich war schon über eine Stunde alleine da, und der Mond schien durch die großen Fenster, die zu dem Park auf der anderen Straßenseite raus gehen. Sah so aus, als wäre es ein wirklich schöner Abend. Ich kontrollierte noch mal alle der hinteren Kabinen und die Toiletten—auf unserer Etage gibt es zwei davon—und ging dann schnell zu ihrem Schreibtisch rüber. Sie hatte einen von denen am Fenster, was fast nicht mit rechten Dingen zugehen konnte, denn sie war relativ neu hier, eine Bekannte von jemanden von oben, man konnte sie sozusagen gar nicht nicht einstellen, und sie hatte sich prompt häuslich auf dem vor kurzem leer gewordenen Platz am Fenster eingerichtet, auf den die meisten von uns schon spekuliert hatten. Es dauerte nicht lange, bis alles mit Bildern ihrer zwei Kinder übersät war—sie ist eine „allein erziehende Mutter“, was für ‘ne Überraschung—daneben Bilder aus Filmzeit- schriften von Kandidaten wie Denzel Washington, Will Smith, Jamie Foxx und solchem Scheiß, von dem man schon vom Ankucken bekloppt im Kopf wird. Sogar ein paar von diesen afrikanischen Weihnachtskarten (kein Scherz!) in den krassesten Farben und ein paar halbleere Luftballons von der Geburtstagsparty, die wir gezwungen waren, für sie zu veranstalten—am selben Tag wie der von Diana Ross, wie sie uns sofort mitteilte. Übrigens auch Leonard Nimoy und der Dichter Robert Frost—ich hab kurz im Netz nachgeschaut—aber die hat sie nicht erwähnt, was mich nicht im Geringsten verwundert. Wie auch immer, es war also ein schöner Abend, der Abend des ersten Anschlags, ich ging schnell durch den Raum, öffnete dabei meinen Kenneth-Cole-Designergürtel und ließ die Hosen runter, als ich an ihrem Platz ankam. Dann öffnete ich ihre oberste Schublade, in der sie ihre Stifte aufbewahrt—gleich neben ihrem „Prince von Bellair“-Radiergummi, und hängte meinen Arsch über die Holzkante. Ich achtete darauf, das alles—also die Scheiße—ordentlich auf ihrem neuen Lineal und ihren Büroklammern landete und schob dann das Schubfach wieder zu. Der Haufen war ziemlich beachtlich, und das Schubfach ging gerade noch so zu, aber mit ein bisschen Fingerspitzengefühl sah nach vollendeter Tat alles bald wieder normal aus. Fünf Sekunden später raffte ich meine Hose hoch und hoppelte zum Männerklo rüber, um mich ordentlich abzuwischen, möglichst ohne dass mein Hemdsaum meinen Hintern berührte. So einfach war das. 40 Minuten später saß ich schon zu Hause und kuckte CNN.

Aber das war noch nicht das Ende der Geschichte. Eigentlich hätte ich es damit gut sein gelassen. Die ganze Sache fing ja nur an, weil sie auf einem Platz parkte, den ein alter Kumpel von mir vom Sicherheitsdienst gerne für seinen alten 74er Novy haben wollte. Aber sie ließ nicht mit sich reden, weil man ihr diesen Platz zugewiesen hatte, als sie den Job bekam und der Parkplatz nahe beim Aufzug war. Fairerweise hatte der Typ ihr sogar Geld angeboten, aber sie machte ein riesen Theater daraus und schrie ihren Vorgesetzten an, mein Kumpel solle sie bes-ser „in Ruhe lassen“ und ihr „aus den Augen verschwinden“. Nachdem das passiert war, bat mich der Typ—Gary hieß er übrigens—um den kleinen Gefallen, in ihren Schreibtisch zu scheißen, um ihr eine Lehre zu erteilen. Damit hatte er sich das, was sie in Fernsehkrimis ein hieb- und stichfestes Alibi nennen, verschafft. Sie hatte mir schon den Fensterplatz weggeschnappt, deswegen war nicht viel Überzeugungsarbeit nötig—zwei Bier an der Bar um die Ecke—und ich sagte „OK“ und fing an, die Sache zu planen. Als wir an dem Montag danach wieder auf Arbeit kamen, war es, na ja, ziemlich unfassbar, wie die abging. OK, sie hatte einen Berg Scheiße in ihrem Schubfach, aber so wie die gebrüllt hat, hätte man meinen können, sie sei an irgendeinem afrikanischen Strand und schreie spanische Sklavenhändler an, die gerade ihre Söhne und Töchter auf Nimmerwiedersehen verschleppten. Der Moment, in dem sie es entdeckte, war grandios, wirklich beeindruckend: Sie fiel rückwärts von ihrem Stuhl und brüllte in voller Lautstärke (habt ihr je eine Schwarze brüllen hören?) los, dann fing sie fast an zu kotzen und stolperte auf ihren Stöckelschuhen herum, kniete sich hin und zeigte auf den Schreibtisch, dabei liefen ihr die Tränen runter. Mann, war das ein Auftritt. Natürlich machte ich bei den allgemeinen Mitleidsbekundungen mit und schüttelte den Kopf wegen dem Ganzen, verwischte mit jeder Umarmung meine Spuren und bat ihr, an es wegzumachen. Ich hab’s dann tatsächlich gemacht. Ich zog die ganze Schublade raus und schleppte sie in den Keller. Wegen der Angelegenheit müssen wohl so drei Arbeitsstunden ins Land gegangen sein—was mir nicht wirklich ungelegen kam. Wir mussten einzeln zu unserer Vorgesetzten gehen und ihr haarklein unsere Aktivitäten des letzten Arbeitstages (letzten Freitag) erläutern. Sie ist eine fette, neugierige Alte, die seit ungefähr 50 Jahren oder so was Abartiges dort arbeitet, und es ist mir absolut egal, was sie denkt, aber ich war extrem freundlich und dachte mir ein paar Lügen aus und war rechtzeitig an meinem Platz zurück, um allen noch tschüss zu sagen und mich nach Hause zu machen. L’Tesha musste natürlich mittags gehen, weil sie nicht verkraftet hatte, was ihr passiert war und sich schwach fühlte. Und sie musste sich noch nicht mal einen Tag frei nehmen, weil die Leute in der Verwaltung sich sowieso schon darauf vorbereiteten, verklagt zu werden (was sie bis heute nicht gemacht hat, das muss man ihr lassen). Wenn die Firma angeboten hätte, ihr zur Wiedergutmachung „Essensmarken“ zu geben, wäre die Sache wahrscheinlich anders gelaufen—ich mach nur Spaß, den Witz hab ich mal einem Kumpel aus einem Büro unter uns erzählt und wir haben uns beim Mittagessen darüber amüsiert. Auf jeden Fall ist es bisher, noch nicht zu irgendwelchen rechtlichen Konsequenzen gekommen. Und das ist vielleicht der Grund, warum ich es immer noch mache. Ihr ins Schubfach scheißen, mein ich.

Inzwischen ist es zu einer Art Angewohnheit geworden. Ich meine das ernst, denn eigentlich gibt es mir nichts mehr. Klar, es ist witzig, wenn sie wieder einen Scheißhaufen entdeckt. Inzwischen wurde sie viermal umgesetzt, und ich kann voller Freude berichte, dass der begehrte Fensterplatz von niemand Geringerem als mir übernommen wurde. Trotz dieser Maßnahmen wird L’Tesha nach wie vor von diesem Phänomen heimgesucht. Ich glaube ernsthaft, dass sie sich eingeredet hat, dass da irgendein Voodoozauber im Spiel ist, ihr wisst, wie solche Leute drauf sind. Einmal brachte sie eine Verwandte mit—eine ältere Frau mit wilden Haaren und solchen honigfarbenen Augen, die an ihrem damaligen Schreibtisch irgendwelchen religiösen Hokuspokus veranstaltete. Ich kann nicht beschwören, dass Hühnerblut dabei war, aber auf jeden Fall verrieb sie überall irgendwelches Zeug aus einer Tüte, die sie aus ihrer Tasche geholt hatte.

Ich lasse immer ein paar Wochen verstreichen und dann schlage ich zu: Bumm! Sie kommt verspätet ins Büro—das ist so eine Angewohnheit von ihr, und ich behaupte nicht, dass es etwas mit ihrer Rasse zu tun hat, denn ich bin kein bösartiger Mensch—sie jongliert eine Diät-Pepsi und irgendein sinnloses Kunstwerk, das ihr Sohn in der Schule fabriziert hat und kläfft „Guten Morgen!“ zu allen. So ist das mit ihr an den meisten Tagen. Sie ist nicht besonders arbeitsam, das ist einfach so, keine Beleidigung ihrer Rasse oder Hautfarbe oder ihres Glaubens (Ich verwechsle das immer, aber ihr wisst schon, was ich meine). Und es wartet schon auf sie, in einem Seitenschubfach zusammengerollt, oder auf ihren Akten oder wo ich halt sonst gerade Lust hatte. Noch eine Ladung. Es ist wirklich lustig, das würdet ihr auch zugeben, wenn ihr es einmal gesehen hättet. Bestimmt bringen sie es irgendwann mal für euch auf Amerikas lustigste Videos oder YouTube, außer vielleicht die Scheißszene. Und dann geht’s wieder los. Die ganze 32. Etage befindet sich in einer neuen Runde: Zusammenhalten, sie umarmen und die Betriebspsychologen gehen verzweifelt unsere Angestelltenprofile durch. Für zusätzlichen Schutz haben sie jetzt auf unserer Etage sogar Kameras installiert, was ich im Übrigen für gesetzeswidrig halte. Darauf habe ich sie dann mal freundlich (in einer anonymen Nachricht) hingewiesen, aber sie stellen die nur an, wenn das Büro leer ist. Nachts. Was sie natürlich nicht wissen, ist, dass ich es nur an Abenden mache (meinen Bombenflug, wie wir es inzwischen nennen), an denen Gary Schicht hat, so dass er am frühen Morgen an das Band ran kann, um die hässliche Wahrheit zu entfernen. Ich kann das Klappern der Sicherheitsdienstschuhe förmlich hören, wenn sie in den Keller rennen, um sich die Aufnahmen anzusehen, weil ein neuer Vorfall gemeldet wurde—und da sehen sie es dann: Unser armes bescheidenes Büro schlummert vor versammelten Monitoren durch die Nacht. Ein ziemlicher Klassiker.

Ich mag L’Tesha nicht wirklich, und wenn ich deswegen in den Knast gehen müsste (wo ich mit großer Wahrschein-lichkeit einen Cousin oder Bruder von ihr treffen würde) oder in einen dieser geheimen CIA-Bunker gesteckt und ein paar Tage lang gefoltert werden würde, hätte ich vermutlich auch keine Probleme zu sagen: „Nein, ich hab für die faule, blöde, nutzlose Kuh nicht viel übrig.“ Das wäre zumindest die offizielle Version, die ich bis zu meinem Tod wiederholen würde. Ich halte ihr nichts vor—nicht mal die Art, wie sie den Job gekriegt hat, und es hat nichts (oder sehr, sehr wenig) damit zu tun, dass sie offensichtlich eine Schwarze, oder einen Schwar-zen und weiß der Teufel was außerdem noch als Mutter oder Vater hat. Was Vietnamesisches vielleicht. Ich mache das und bin ehrlich gesagt auch in diesem Moment gerade dabei, es zu tun, weil es Spaß macht und man abhängig davon wird, es ist eine Art Ritual. Und, ganz ehrlich, komischerweise hilft es mir, sie—Ms. L’Tesha Jackson, mit ihrem einen Goldzahn und dem wirren Haar und ihrer Schwäche für dunkellila Kleidung—und ihresgleichen zu verstehen, wenn ich in solchen Krisenmomenten dastehe, sie im Arm halte und sie direkt auf mein Arrow-Designer-Hemd heulen lasse. Ich sehe, wie sie mit ihren großen Augen zu mir aufschaut, und ich kann das Heben und Senken ihrer Brüste spüren, Brüste, die selbst nach der Geburt zweier unehelicher Kinder noch voll, fest und reif zu sein scheinen. Und wenn ich so meine Arme um ihren Körper gelegt habe und meinen traurigen Blick über meine Kollegen wandern lasse, die alle nicken und in einem Ausdruck allgemeiner Trauer weinen, kann meine Hand gerade so unter dem billigen Stoff ihres geblümten Rocks den Ansatz eines erstaunlich fest wirkenden Arsches erfühlen. Und in diesen Momenten, diesen wenigen Sekunden, die wir jetzt ein- oder zweimal im Monat zusammen verbringen, fühle ich den ganzen Hass, die Angst und die Verzweiflung des schwarzen und des weißen Mannes, der schwarzen und der weißen Frau von mir abfallen, und wir sind frei. L’Tesha und ich, wie wir uns dort auf dem Büroteppich umschlungen halten. So frei, wie sich der erste Plantagenbesitzer gefühlt haben muss, als er das erste Mal eine junge dunkelhäutige Schönheit an seine bebende Brust drückte. Sie und ich sind nicht mehr als Verbündete, die gemeinsam eine kleine Bürotragödie durchleben. Aber in Gedan-ken sind wir frei, schweben aus dem Fenster neben meinem Schreibtisch und segeln in die Weite des Himmels über den Park und die umliegenden Gebäude hinweg und weiter auf den glühenden Ball der gelben Sonne zu, die in der Ferne am Horizont schwebt ...

NEIL LABUTE


Vice: Jep. Dieser Beitrag ist definitiv ein bisschen viel. Du erschaffst da eine Person, die ganz anders ist als du. Braucht es sehr lange, um eine Stimme zu entwickeln, die deiner eigenen so fremd ist?

Neil:
Nein. Es ging relativ schnell. Es war eher eine Frage von Tagen als Wochen.

Schreibst du viele Entwürfe für eine Geschichte?

Ich bin ein Bastler. Ich probiere viel aus, aber ich glaube nichts davon geht so weit, dass man es als einen Entwurf bezeichnen könnte.

Es ist komisch, wie sehr es mich immer noch beschäftigt, eine Schublade für diese Geschichte zu finden. Ist es eine Charakterstudie? Ein Angriff auf die Dummheit der Menschheit?

Nenn’ es besser eine Dokumentation. Ich hab es vor einer Weile geschrieben, und ich musste es wohl einfach loswerden.
[lacht]

Dir ist klar, dass mir das nicht weiter hilft, nehme ich an.