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DOS & DON'TS











Illustration von Milano Chow


Vice: Gab es, als du jünger warst, irgendwelche Schriftsteller, wegen der du dir gesagt hast: „Ich ziehe nach New York und mache das, was die machen?“
Richard:
Ja, alle, die oft besoffen waren und viel Sex hatten. In meinem Fall war das Dylan Thomas. Aber es hätten eigentlich auch dreißig andere sein können. Eben alle, die diese beiden Qualitäten hatten: betrunken und sexy sein.

Der Erzähler in deiner Geschichte spricht davon, dass Mädchen sich früher beim Sex immer aus vorgetäuschter Scham ein bisschen widerspenstig geben mussten ...
Reste davon gibt es heute noch. Von dem bisschen, was ich darüber weiß, scheint es mir, dass Sex heute von den Kids um die zwanzig oft wie eine Freizeitbeschäftigung unter vielen betrachtet wird. Manche Mädels lassen sich doch heute schon beim ersten Date ganz locker in den Arsch ficken. Das war in den 50er und 60er noch nicht wirklich üblich. Im Ernst, selbst Jack Kerouac war total verklemmt.

Wie er von Frauen spricht und Frauen von ihm, klingt es, als wäre das eine ziemliche Tortur gewesen.





estern saß im Kino ein hübsches Mädchen mit ihren Freundinnen vor mir und meiner Frau und die meiste Zeit waren ihre Haare das Einzige, was ich sehen konnte. Früher, wenn man in der Schule im Unterricht hinter einem Mädchen sitzen musste, konnte einen ihr Haar echt verrückt machen. Es war nicht wirklich lebendig aber hatte trotzdem mehr Persönlichkeit als die meisten Leute, einfach weil es auf seltsame Weise mit dem Mädchen, dem es gehörte, verbunden war. Es war unerreichbar, obwohl es direkt vor dir war, völlig schutzlos.

In der dritten Klasse war ich verrückt nach Mimi McLellen. So hieß sie. Wenn ich versuche, mich an sie zu erinnern, sehe ich kein Gesicht, nur ihr schmutzig-blondes Haar, wie es sich auf ihrem Kopf türmt. Aber eigentlich kann es nicht sein, dass jemand in dem Alter so eine Turmfrisur hatte. Das war 1958 und kaum jemand trug so eine Frisur, bis zwei oder drei Jahre später Jackie Kennedy auftauchte.

Ich lag nachts im Bett, dachte an Mimi McLellen und stellte mir vor, von einem Auto angefahren zu werden, damit sie meine Hand halten würde und ich ihr sagen könnte, dass ich sie liebe.

In der sechsten Klasse kam Janet Edelstein. Wahrscheinlich ist es Janets Haar, was ich eben versehentlich Mimi aufgesetzt habe. Denn Janet hatte wirklich einen hohen, dunkelblonden Dutt, der von Haarspray zusammengehalten wurde. Die Leute nennen diese Art Frisur einen „Helm“. Ich würde es eher einem seidenen Nebel, eine weiche, wohlriechende Wolke der Kristallisation nennen. Die jungen Mädchen trugen weiße Blusen mit Ringelkragen und Strickjacken und Hosenröcke. Vielleicht noch eine zartes goldenes Halskettchen, Tennisschuhe oder Mokassins und Rüschenstrümpfchen. Viele der Mädchen hatten schon einen Busen. Janets war größer als der von den meisten anderen.

Sie war eine der vielen, denen ich meine Liebe nie gestand. Ein oder zwei Jahre später, vielleicht sogar drei, liefen wir uns zufällig wieder über den Weg und redeten miteinander. Sie sagte mir, dass sie damals zur gleichen Zeit auch in mich verknallt gewesen war.

Das schien mir tragisch zu sein. Ich fühlte mich an Shakespeare erinnert.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich anfing zu masturbieren, aber es war lange, bevor ich richtig kommen konnte. Es gab keine Ejakulation, aber es fühlte sich wie ein Orgasmus an. Wir dachten, dass Wichsen etwas Perverses und Niederes sei, weil man alleine Sex hat. Ich hatte mir als Ausrede eine Technik zurechtgelegt: Ich fing nicht an zu wichsen, bevor ich nicht, ohne meinen Schwanz zu berühren, einen Ständer hatte.

Wenn ich jetzt an diese Fantasien zurückdenke, wünsche ich, ich könnte sie mir wie Filme angucken, ich hatte ja so wenig Ahnung von Sex, dass es wirklich interessant wäre zu sehen, woran ich dabei gedacht habe.

In den 60ern gab es in der Mad eine tolle Zeitungsbeilage mit Fotos von 3-D Versionen von Kinderzeichnungen—Fotos von Alltags-gegenständen, die nach den Zeichnungen der Kinder gebaut waren, so als wären ihre Zeichnungen korrekt. Zum Beispiel ein stummeliges kleines Flugzeug mit unterschiedlich langen Flügeln, die in verschiedene Richtungen zeigen, und Propellern, die wie zerbrochene Streichhölzer aussehen, und auf dessen Rumpf falsch geschriebene Wörter gekleckst waren.

Die besten menschliche Werke sind die, welche die Ungenauigkeit ihrer Abbildungen nicht verleugnen. Denn die Menschen er-reichen nie mehr als den misslungenen Versuch der Darstellung, Übersetzungen oder Entwertungen des Originals.

Dennoch war das Wenige, das ich mit 13 über die Mechanismen sexueller Aktivitäten wusste, für mich eine ganze Menge. Eine Bleistiftskizze, deren Genauigkeit nicht über zwei Kringel mit jeweils einem Punkt in der Mitte oder ein Dreieck mit Kritzeln hinausging, reichte schon völlig aus, um einem Jungen zu einer gewaltigen Latte zu verhelfen. Ich verbrachte die Hälfte des achten Schuljahrs damit, mir beim Laufen die Schulbücher vor die Jeans zu halten, um die Beule zu verdecken. Manchmal entschlüpften ihr ein paar Tropfen Flüssigkeit, nur von der Reibung des Stoffs, der sich drüber spannte.

Als ich dann endlich ein oder zwei Finger in eine Vagina stecken durfte, so mit 13 oder 14, war es, als hätte man mir Eintritt in eine völlig neue Dimension gewährt, es war fast übernatürlich. Ich ging danach lange spazieren und hielt mir alle paar hundert Meter unauffällig die Hand vor die Nase. Dieser Geruch war der Beweis, das Wappenzeichen für mein neues Königreich, wie bei Arthur, wenn er das Schwert aus dem Stein zieht.

Richtigen Sex hatte ich erst, als ich 15 war. Mein Interesse an ihr bestand nur darin, dass ich dachte, dass sie mir vielleicht erlauben würde, sie zu vöglen. Sex treibt uns mehr an als alles andere. Viele sind wegen ihren Schwänzen gestorben. Denn wo sonst kommt rücksichtslose Aggression her, wenn nicht vom Testosteron, und wo kommt Testosteron her? Viele sind gestorben und viele um sie herum wurden total gefickt. Und genossen es oft sogar sehr. Aber das arme Mädchen, mit dem ich das erste Mal Sex hatte, hat es nicht genossen, aber scheinbar genoss sie auch sonst nicht sehr viel. Sie war Kellnerin in einem Big Boy Drive-In bei der Uni. Sie war 19, ein Hillbilly aus den Appalachen, und sie war nicht nur beschränkt und ungebildet, sondern auch noch dumm wie ein Brot und auch ungefähr so aktiv. Ich flirtete mit ihr, wenn ich mir Hamburger holte. Ich sagte ihr, ich wäre in meinem Vorpraktischen Jahr fürs Medizinstudium. Es dauerte nicht lange, bis sie mir den Schlüssel zu ihrer Wohnung überreichte.

Das Vorspiel war extrem unentspannt. So, als würde man sich durchs Unterholz kämpfen, sich ständig mit den Füßen darin verfangen und sich das Gesicht zerkratzen, während man sich mit rasendem Herzen weiter und weiter durchkämpft—einfach weil der Anreiz so stark ist. Die weiblichen Genitalien. Eine tropfnasse Pussy. Am Ende war ihre Pussy gar nicht so feucht, sie war zu nervös und fühlte sich wahrscheinlich ausgenutzt. Sie zu ficken, war grauenhaft, obwohl ich weiß Gott nicht genug davon kriegen konnte. Sogar als die Kleider weg waren und sie unter mir auf dem Bett lag, machte sie nicht mit, sondern wehrte sich zum Schein die ganze Zeit, bis ich in sie eindrang. Und auch danach lag sie—statt wenigstens ein bisschen mitzumachen—stoisch da und bäumte als Zeichen des Protests noch ein- oder zweimal die Hüften auf. Ich habe gehört, dass es noch soziale Schichten gibt, wo dieses Verhalten sogar unter Ehepaaren üblich ist. Gott sei Dank gibt es Pornografie, die sexuelle Revolution, die Pille und rebellische Mädchen, die ihren Spaß haben wollen. Obwohl ich zugeben muss, dass ich noch verklemmt und amerikanisch genug bin, um auf schmutzigen Sex zu stehen. Und ich steh auf Haare. Weil Haar tot ist und trotzdem persönlich, und weil es mich rührt, wie es sich verzweifelt und erfolglos bemüht, die Stellen, wo es wächst, zu wärmen und zu schützen.

RICHARD HELL