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DOS & DON'TS
















ährend des Tanzens hielt sie ihre Krankheit mit Provigil unter Kontrolle, bis die Vorräte knapp wurden und sie ein paar mal die Einnahme übersprang, die Pillen halbierte, die üblichen Sparmaßnamen an der falschen Stelle. Eines Abends als Hauptattraktion in einer Biker Bar in Rufus, New Mexico, hatte Clovis ihren großen Auftritt, warf sich weit oben an die Stange und, von der Zentrifugalkraft nach unten gedrückt, drehte sie sich, mit wehendem blonden Haar, und ihr braungebrannter Körper kreiselte nach unten gen Bühne.

Beim Erzählen trübte sich ihr Blick.

Clovis konnte sich nicht erinnern, wie sie am unteren Ende der Stange ankam. Sie wachte hinter der Bühne wieder auf und war von ungefähr 32 Barbesuchern schwanger. Von manchen zweimal.

„Was für ein Song?“, fragte ich sie.

Mit traurigem Blick sagte Clovis: „Portisheads Version von ‚Sour Times‘“

Ah, natürlich. Die süße, dunkle Stimme von Beth Gibbons. Vier Minuten und 11 Sekunden.

„Vier Minuten und acht Sekunden“, sagt Clovis. Sie schaut mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an, sie sagt „Check immer die genaue Zeit auf der Anzeige. Verlass dich nie auf die Angaben auf dem Cover.“

„Was war Ihr Bühnenname“, fragte ich sie.

Clovis schaut auf ihre Armbanduhr. „Das ist lange her“, sagte sie. „Ich bin fast 30.“

Ich auch, sagte ich.

Und während sie einen Blick auf das Krankenhausformular auf ihrem Klemmbrett warf, sagte Clovis: „Ich dachte mir schon, dass das Alter, was Sie hier drauf geschrieben haben nicht stimmt.“

Bevor sie aufstehen und weggehen konnte, bat ich Clovis, mir zu erzählen, was passiert war. Was wirklich los gewesen war.

Das Baby kam zur Welt, sagte sie, neun Monate, nachdem sie aufgewacht war, eine Bilderbuchgeburt. Ein Junge. Er sah niemandem ähnlich und fuhr sofort in einer Limousine davon, um in der Malibu Colony bei zwei schwulen Filmstudiomanager-Millionären ein behütetes Leben zu führen.

„So viel zum Thema ‚Einen hirnlosen, herzlosen Fremden aus sich rauspoppen lassen‘“, sagte Clovis.

Sie hatte mir schon von den epigastrischen Parasiten erzählt.

Nein, sagte ich und fragte, was mit mir passiert sei.

Eine lange schmerzhafte Minute lang blinzelte mich Clovis schweigend an. Schließlich sagte sie, mit der Stimme eines offiziellen Krankenhausangestellten: „Es gibt eine Videoaufnahme der ... Geschehnisse.“

Irgendeine Junggesellin hatte einen Taschencamcorder mit in den Nachklub geschmuggelt und hatte gefilmt, wie ich die langstieligen Rosen verteilte. Als ich mit meiner Nummer anfing, hatte sie weitergefilmt. Sie mussten den Teil, wo meine Eier rauskuckten, digital verzerren, aber das Video war im Fernsehen gezeigt worden. Erst in einem japanischen Programm mit lustigen Amateurvideos, aber dann auch in Europa. Im Internet verbreitete sich der vier Minuten und 21 Sekunden lange Ausschnitt wie ein Virus und wurde auf der ganzen Welt heruntergeladen. Zielscheibe des Spotts in jeder Late Night Fernsehtalkshow.

Der ASCAP verklagte die Webseiten und Suchmaschinen wegen der illegalen Verbreitung von „Staying Alive“. Das Chippendale Konsortium war nicht begeistert, dass ich weiße Papiermanschetten anhatte. Jemand, der sich als Produzent der Late Show ausgab, rief die Vermittlung des Krankenhauses an, um sich mit meinem Zimmer verbinden zu lassen.

Ich sagte Clovis, dass ich es mit eigenen Augen sehen will.

Und Clovis sagte: „Nein. Das willst du nicht.“

Ich fragte: „Wie schlimm kann es denn sein?“

Und Clovis sagte: „Während des Anfalls hattest du kurzzeitig die Kontrolle über deinen Darm verloren.“

Der Geruch im Krankenwagen.

„In einem G-String“, sagte Clovis, „lässt sich nicht allzu viel verbergen.“

Ich hab mir das Video nie angesehen.

Utah war, um sich zu verstecken, gut genug, also blieb ich in Salt Lake City und ließ mir das Schamhaar wieder wachsen. Ich färbte meine blonden Haare braun. Ich schrubbte meine Bräune ab und aß, soviel ich konnte: Brathühnchen und Fruchttörtchen und Kartoffelchips mit Barbecuegeschmack—alles, was Mister Elegant nie essen konnte.

Wenn man die 30 erreicht, geht es im Leben vor allem darum, der Person zu entkommen, die man geworden ist, um der Person zu entkommen, die man geworden ist, um der Person zu entkommen, die man ganz am Anfang war. Also wurde ich für eine Weile Mister Fettbauchiges-Blasses-Verbittertes-Schwein. Ich machte einen Fast Food-Job und alle paar Millionen Cheeseburger starrte mich ein Kunde über die fettige Theke hinweg an und versuchte krampfhaft herauszukriegen, woher er mein Gesicht kannte.

Ich schnippte dann immer mit den Fingern und fragte: „Wollen sie Pommes dazu?“

Ich nahm nie einen Eindollarschein, ohne mir danach die Hände zu waschen.

Wenn ich angefangen hätte, mich in meiner eigenen Scheiße zu wälzen, hätten sich die Leute sicher ihren Teil gedacht. Aber dann starben diese ganzen Chinesen auf dem Überwachungsband in diesem albernen Kaufhausbrand, und die Welt der Comedy vergaß mich und mein schmutziges Desaster.

Aber Clovis vergaß es nicht. Und ich konnte es nicht vergessen.

Clovis kam zum Mittagessen auf ‘nen Cheeseburger vorbei und brachte einen jungen Patienten mit, dessen Finger zu einer Art fleischigen Zange zusammengeschmolzen und dessen Beine verkümmert und unbrauchbar waren. Ectrodactyly-Syndrom, was früher auch „Hummerzangensyndrom“ genannt wurde. Sie stellte mich einer jungen Frau mit Polymelie vor, die vier Beine hatte, also zwei Hüften nebeneinander und vier funktionierende Beine, die sie unter langen Röcken verbarg.

Ich aber maß die Zeit immer noch mit Liedern. Joe Jacksons „Stepping Out“ ist vier Minuten und 19 Sekunden lang, genug Zeit für eine Zigarette vor der Tür. Wenn Kim Wild „You Keep Me Hanging On“ singt, sind das vier Minuten und 15 Sekunden—die Zeit, die ich brauche, um einen Kohlensäurezylinder an der Getränkemaschine auszuwechseln.

Alles, was man vergessen will, kann man nicht vergessen. Jeden Moment, dem man entkommen will.

Schließlich lud mich Clovis in ihre Wohnung ein, um ein paar Leute zu treffen. Ich sagte ihr, dass ich den ganzen Tag nichts anderes tue, als Leute zu treffen. Und Clovis sagte, dass das etwas anderes ist.

In ihrer Wohnung stellte sie mir ein Mädchen vor, der zwei Arme und Beine, also fast eine ganze Person unter dem Saum ihres Oberteils hervorsprießen. Mein erster richtiger Heteradelphiker, sie heißt Mindy. Danach lernte ich einen Jungen kennen, dessen Gesicht riesig ist und so klumpig wie ein Kopfkissen. Neurofibromatose, die Elefantenmannkrankheit. Er ist 23 und heißt Alex. Ich traf eine süße Rothaarige ohne Beine, der nur die Füße aus dem Bauch wachsen, Osteogenesis Imperfecta. Ihr Name ist Gwen und sie ist 25.

„Du kennst Musik. Du kennst die Inszenierung“, sagte Clovis zu mir. „Es ist ihre Idee, aber sie hatten gehofft, dass du ihnen Exotic Dancing beibringen kannst ...“

Was sie meinte, war Strippen. Eine Truppe körperbehinderter Exotic Dancers. Sie waren alle jung, und Salt Lake City hing ihnen zum Halse raus. Sie dachten: sich ein paar Muskeln zulegen, sich die Haare blondieren und sich mit Bräunungscreme einschmieren—das kann jeder. Warum sollte man dem Publikum nicht mal was bieten, was nicht auf Lügen basiert? Warum nicht Tänzer präsentieren, die sich nicht hinter einem falschen Lächeln verstecken?

Ein Haufen verrückter, idealistischer Kids. Das gibt’s nur in Utah.

Klar, sie sind jung und voller Träume. Klar sind sie fürchterlich entstellt. Aber können sie auch tanzen ... ?

Und Clovis sagte: „Ich hab ihnen beigebracht, wie man das mit der Stange macht, aber ich hatte gehofft ...“

Mann, wenn man ein paar dieser mit Anabolika vollgepumpten Elefanten das Tanzen beibringe konnte, müsste das bei jedem anderen wirklich auch gehen.

Wie es in der Zeitung so schön hieß: Live your Fantasy.

Ich kann nicht behaupten, dass es einfach war. Die Leute verstehen nie deine Absichten. Ich werde beschuldigt sie auszubeuten. Außerdem ist, ein kleines Unternehmen zu leiten, kein Kinderspiel. In Boulder brannte Glenda, unser Mädchen mit den beiden Augen in einer Höhle, mit einem Börsenmillionär durch. In Iowa City schwängerte Kevin, unser Tänzer mit parastremmatischem Zwergenwuchs eine der Junggesellinnen. Es hilft, dass Clovis mit mir und der Truppe mit auf Tour kommt, als so eine Art Gruppenmutter. Vielleicht wird es im September besser, wenn unser neuer Begleitservice mitkommt.

Was mich betrifft: Es vergeht keine Show, ohne dass ich hinter der Bühne schwitze. Die Sekunden jedes Songs zähle. Nach ASCAP-Leuten mit Notizblöcken Ausschau halte und mir jeder einzelne Muskel in den Armen und Beinen zittert, während ich jeden Handstand, jedes Rad, jeden FlicFlac und Standsprung noch einmal durchlebe, den ich in meinem Leben aufs Parkett gelegt habe. Wenn ich diesen verrückten Kids dabei zusehe, wie sie die Geldscheine hervorkitzeln und fürs Trinkgeld Lapdance aufführen, erwische ich mich immer noch dabei, wie ich leise zu mir flüstere.

Flüstere: „Segne mich, denn ich bringe dir diese bescheidene Gabe ...“

Flüstere: „Ich bringe dies!“

CHUCK PALAHNIUK


Vice: Interessierst du dich schon lange für seltsame Krankheiten?

Chuck Palahniuk:
Ich versuche immer, die Leser sowohl auf der körperlichen Ebene als auch auf der emotionalen und intellektuellen Ebene einzubeziehen. Die beste Art, eine mitfühlende körperliche Reaktion zu bekommen, ist, über Gewalt, Sex, Unfälle, Drogen oder Krankheiten zu schreiben.

Beginnt Mister Elegant sein Leben als Stripper wirklich mit der Überzeugung, dass es da sehr glamourös und sexy zugeht?

Natürlich habe ich das. Jeder Exotic Dancer tut das.

Und was hat Eitelkeit mit Herzlosigkeit zu tun? Erklär uns das bitte mal.

Um mal eine wilde Vermutung anzustellen, würde ich sagen ... fehlendes Mitgefühl? Völlig versessen darauf zu sein, Liebe zu empfangen, ohne Liebe zu geben? Egoismus? Oder wie ist es damit, dass in beiden Wörtern ein „K“ vorkommt?



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