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DOS & DON'TS










Foto von Chris Bennings






inen betrunkenen Irgendwen dazu zu kriegen, dir mit den Zähnen Geld in die Hose zu stopfen, ist schwerer, als es klingt. Für immer 24 zu bleiben auch.

Du wedelst mit deinen Eiern irgendeiner mit Long Island Ice-Teas zugedröhnten Noch-Junggesellin vor dem Gesicht rum, und die Alte ist so dicht, dass du förmlich riechen kannst, wie dir ihre Kippe die Scham-haarstoppeln versengt. Dann steckt dir aber schon ihre hässliche Brautjungfer mit der Zunge einen Dollarschein in den Arsch, während ihre Mutter das Ganze auf Video aufnimmt. So verhalten sich besoffene Jungfrauen. Polizisten oder Feuerwehrmän-ner—ich meine richtige Polizisten oder Feuerwehrmänner—beklagen sich über Stress im Beruf. Die wissen nicht was wirklicher Stress ist. Tänzer mit denen ich gearbeitet habe, haben ihre Eier in Salzwasser gebadet, so wie Boxer vor einem großen Kampf ihr Gesicht mit Salzwasser härten. Jede Minute deiner Freizeit verbringst du damit, deine Eier in Salzlauge einzulegen und deine Körperbehaarung im Zaum zu halten.

Der andere, wichtigste Teil der Ausbildung ist es, anhand der Songs die Zeit zu schätzen.

Mit David Bowies „I’m Afraid of Americans“ hast du genau fünf Minuten flockige Power Chords.

Keith Sweats „One on One“ ist ‘ne langsame Schmusenummer (5:01), perfekt um einen Elefantentanz zu choreographieren. Damit meine ich einen Tänzer, der zu muskulös ist, um etwas anderes als Wettkampfposen zu machen. Schritt, Pose, Schritt. Der Doppel-Bizeps. The Crab.

Wie man verhindert, dass man einen Ständer bekommt, ist, indem man die ganze Zeit zählt, um zu wissen, wann die Nummer zu Ende ist. Sag mir irgendeinen Songtitel und ich sag dir die Dauer—und zwar nicht nur die Minuten, sondern die Sekunden, so wie sie auf dem CD-Cover stehen. Ich kann dir die genaue Zeit sagen, die die Anzeige am Mischpult anzeigt. Ein guter Tänzer kennt den Digweed Remix von Brian Ferrys „Slave to Love“, und obwohl auf der CD vier Minuten 31 Sekunden draufsteht, sind es in Wirklichkeit 24. Nur ein fauler Tänzer steckt noch bis zur Hüfte zwischen besoffenen Frauen, wenn die Musik aufhört.

Den Arsch zu dem dröhnenden Mix von Underworlds „Mo Move“ kreisen zu lassen, sind sechs Minuten und 52 Sekunden unablässiger bassiger Herzschlag—das ist Kunst. Aber wenn du, wenn die Musik stoppt, nicht von der Bühne verschwunden bist, und du deine rasierten Gefilde auch nur einen Moment lang in der Stille vor fremden Damen hin und her wackeln lässt, ist das sofort Belästigung.

Auch hier wieder: eine schlüpfrige schiefe Bahn. Und frag mich nicht, woher ich das weiß.

Stille. Stille und die Lichter gehen an, hell, aus Cinderella wird ein grinsender, nackter, fettiger, verschwitzter Typ, dessen Penis zu dicht vor deinem Gesicht und dem wässrigen zehn Dollar teuren White Russian hängt.

Wie in der Savage Knights-Ausbildungs-broschüre beschrieben, kommt Mister Elegant auf die Bühne und verteilt Rosen an den vorderen Tischen. Er tanzt den Joey Club Mix von Raven Maizes Version von „Fascinated.“ Eine drei Minuten 42 Sekunden lange Einstiegsnummer. Dann be-gibt er sich an den Bühnenrand und tanzt noch einem kurzen Song mit Power, um die gefalteten Geldscheine anzulocken. Er arbei-tet sich an der Kante und auf dem Parkett lang, besteigt Schöße und kassiert Trinkgelder und verschwindet von der Bühne genau einen Takt, bevor der Einstiegssong von dem Polizisten anfängt.

Am nächsten Abend in Spokane, dieselbe Nummer. Dann in Wenatchee. Pendelton. Boise.

Ein Job, der so einfach ist, dass ihn sogar ein hirnloser, herzloser Parasit machen kann.

Mister Elegant liebte das Trinkgeld und die Telefonnummern. Auf Dollarscheine ge-schriebene Telefonnummern. Telefonnum-mern auf Serviettenfetzen, unter die Gummibänder seines G-Strings geklemmt.

Bis Salt Lake City rauf.

Frag mich nicht, woher ich das weiß, aber es gibt Leute, die haben ein chronisches Trophödem. Denen fehlen an den Beinen die Lymphknoten, deswegen kriegen die koffergroße Füße und baumstammgroße Beine. Oder Zyklopie, wo man ohne Nase und mit beiden Augen in der gleichen Augenhöhle auf die Welt kommt.

Mister Elegant, dessen Brustwarzen zu klein und blassrosa waren, lernte, sie mit einem Lippenvergrößerer zu bemalen. Das kriegt man in einer Flasche mit einem kleinen Pinsel, wie Nagellack und wenn man es sich auf die Brustwarzen malt, oder Lippen, oder den Kopf von seinem Schwanz, dann schwellen sie an und werden riesig.

Mister Elegant half seinem Waschbrettbauch nach, indem er die Konturen der Muskeln mit Mascara nach-zeichnete und sie dann mit einem Wattebausch verwischte, damit er nicht wie ein Käsekästchen-Spiel aussah.

Wenn er eine der blauen Kontaktlinsen herausnahm und sich im beschlagenen Spiegel des Motelbadezimmers ansah, ja, dann ging er noch als 24 durch. Aber zwischen Billings und Great Falls und Ashland und Bellingham, zwischen den Läusen, mit denen der Feuerwehrmann sie ansteckte und dem Geschnarche des Soldaten, begann Mister Elegant, sich erschöpft zu fühlen.

Als sie Salt Lake City erreichten, fingen seine salzverkrusteten Eier an durchzuhängen.

Mister Elegant stolzierte mit einem Arm voller Rosen auf die Bühne. Noch mit dem zerreißbaren Frack bekleidet, verteilte er die Rosen und fing dann mit den Knöpfen seines Faltenhemds an. Aber etwas war an Salt Lake City anders als an Carson City, Reno oder Sacramento. Denn nachdem der Frack gefallen war, Mister Elegant seinen zweiten Song anzählte, lächelte, sein Schamhaar aus den Drinks der Leute herauszuhalten versuchte, zusah, wie die Dollarscheine aus den Portemonnaies hervorkamen und Jungfrauen ihre Telefonnummern auf alte Geldautomatenquittungen schrieben und er nach einem Spagat mit einem perfekten Hüpfer wieder auf die Beine kam und vor dem Sprung in den Handstandüberschlag noch mal tief Luft holte—danach passierte es. Zwei Minuten und 36 Sekunden nach Beginn des N-Trance Covers von „Staying Alive“—4:02—begannen die Drinks und die Gesichter zu verschwimmen. Mister Elegant zog die Gummibänder an seinen Hüften ordentlich für einen Handstand nach oben, beugte die Knie, sprang—und an mehr kann ich mich nicht erinnern.

Falls du es noch nicht gemerkt hast, die Musik hat aufgehört, und ich bin immer noch hier und wedel dir meinen Schwanz ins Gesicht.

Als hätte ich es nach der ganzen Zeit nicht besser gewusst. \

Was für ein Idiot.

So lang wie ich zurückdenken kann, hab ich das Starrsyndrom, eine Form der Schläfenlappenepilepsie. Wenn sich zum Beispiel meine Eltern gerade mit mir unterhielten, erstarrte ich plötzlich. Mein Blick verschwamm und meine Muskeln versagten. Ich konnte meine Mutter dann noch reden hören, wie sie mir sagt, ich solle mich konzentrieren, oder wie sie vor meinem Gesicht mit den Fingern schnippte, und ich konnte weder sprechen, noch mich bewegen. Diese halbe Minute, in der das Einzige, was ich noch konnte, atmen war, schien mir wie eine Ewigkeit.

Sie brachten mich zur Hirntomographie und zum EKG. Ich durfte nur noch auf völlig leeren Straßen Rad fahren. Manchmal kletterte ich auf Bäume, und mir begann, alles vor den Augen zu verschwimmen. Ich wachte dann auf dem Boden wieder auf und meine Freunde fragten ob ich in Ordnung sei. Bei einem Krippenspiel in der Schule warteten das Christkind, Maria, Joseph, sechs Hirten, drei Kamele, ein Engel und zwei Könige einmal eine Ewigkeit, während ich erstarrt mit meiner Weihrauchgabe dastand und die Lehrerin, Mrs. Rogers, sich von hinter der Bühne vorbeugte und flüsterte: „Segne mich, denn ich bringe dir diese bescheidene Gabe ... Ich bringe dies!“

Aber nach zehn Jahren auf Clonazepam, hatte ich das mehr oder weniger unter Kontrolle.

Das Problem war, dass mir in Carson City der Vorrat ausging. Wenn ich müde bin, wird es noch schlimmer. Alkohol und Zigarettenrauch, Müdigkeit, laute Geräusche sind alles Risikofaktoren.

In Salt Lake City legte ich das, was man einen tonisch-klonischen Anfall nennt hin, früher bezeichnete man das als Grand-Mal-Anfall. Ich wachte in einem heulenden Krankenwagen wieder auf und sah gerade noch, wie ein Nothelfer sich einen Stapel Pissegetränkter Eindollarscheine ins Portemonnaie stopfte, wobei er „Mr. Elegant ...“ sagte und mit dem Kopf schüttelte. Eine mit Gurten umwickelte Decke hielt mich auf die Trage gepresst und es roch nach Scheiße. Ich fragte den Nothelfer, was passiert sei. Und während er sein Portemonnaie wieder in die Hosentasche steckte, sagte er: „Kumpel, das willst du lieber nicht wissen ...“

Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war Truppe 11 schon in Provo mit einem neuen Mister Elegant, den man ihnen zum Veranstaltungsort geschickt hatte. Im Motel 6, wo wir am Abend vorher abgestiegen waren, bewahrte man noch meine Koffer für mich auf.

Eine Therapeutin saß neben meinem Krankenhausbett und erklärte mir, dass das menschliche Hirn nichts weiter sei als ein andauernder Kreislauf elektrischer Aktivität. Sie sagte, ein Anfall sei wie eine Explosion statischer Energie, wie ein Gewitter im Kopf.

„Erzähl mir was, was ich noch nicht weiß, Lady“, sagte ich.

Also erzählte sie mir von der Contergankrankheit, bei der man mit den Händen direkt an den Schultern geboren wird. Keine Arme. Früher wurde dieser Geburtsdefekt sogar als „Robbenarme“ bezeichnet. Es wird mit dem Beruhi-gungsmittel Thalidomid in Verbindung gebracht, aber es gab die Krankheit schon lange davor.

Sie erzählte mir von Sirenomelie, wo man mit zusammengewachsenen Beinen geboren wird, so dass so eine Art Fischschwanz entsteht. Daher der Name Sirenomelie. Wahrscheinlich ist man auch so auf die Idee mit den Meerjungfrauen gekommen.

Die Ergotherapeutin, sagte mir also, dass ihr Name Clovis sei und dass sie selbst einmal eine Tänzerin, ein Exotic Dancer gewesen sei und dabei versucht habe zu verheimlichen, dass sie Narkolepsie hatte. Sie hatte früher langes blondes Haar und blaue Augen, lange ebenmäßige Beine und makellose braune Haut. Jetzt neben meinem Bett waren ihre Haare braun und lockig. Ihre Augen waren braun und die Schenkel in ihrem weißen Hosenanzug saßen so straff, dass sie kaum die Beine übereinanderschlagen konnte.


CONTINUED:
MISTER ELEGANT
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