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DOS & DON'TS











Illustration von Milano Chow


Vice: Wann hast du zu schreiben angefangen?
Chuck Palahniuk:
In der fünften Klasse, ermutigt vom Lob meines Lehrer, Richard Olson, der heute in der winzigen Stadt Burbank in Washington immer noch die Bibliothek leitet. Diese Schreibphase hielt an, bis in der sechsten Klasse der monsterhafte Mr. Dorn auftauchte. Dann fing ich erst wieder an, als ich mir ein Slumhaus in einer Gegend ohne Fernseh- und Radioempfang kaufte. Um mich zu stimulieren. Nein, das klingt schmutzig ... Sagen wir: um mich zu „unterhalten“.

Wie sieht dein üblicher Tagesablauf beim Schreiben aus?
Frühmorgens gehe ich rudern oder mache etwas anderes körperlich Anstrengendes, damit ich später stillsitzen und schreiben kann. Beim Duschen denke ich über den Teil der Handlung nach, den ich an dem Tag angehen will. Oder ich mache ein Brainstorming für neue Ideen. Den ganzen Tag lang, beim Sport oder beim Autofahren, notiere ich mir in einem Ringbuch Details, die ich noch in die Story einbauen will. Und schließlich muss ich mich dann hinsetzen und die ganzen Ideen zusammentippen und dann eine Kopie ausdrucken, die ich am nächsten Tag noch mal Zeile für Zeile überarbeite.

OK. Wir sprechen uns nach der Story noch mal, Chuck.






rag mich nicht, woher ich das weiß, aber wenn du das nächste Mal denkst, du bist zu fett, mach dir bewusst, dass du wesentlich schlimmer aussehen könntest.

Wenn du also im Fitnessstudio bist und deine Sit-ups abzählst oder dich am Reck hängend noch oben krümmst, um deine Bauchmuskeln zu trainieren, solltest du dir klar machen, dass manche Leute an dieser Stelle ihres Körpers eine komplette Person hängen haben. Dort wo bei uns „Rettungsringe“ sitzen, haben diese Leute Arme und Beine, also fast einen ganzen Menschen.

Die Ärzte nennen das einen „epigastrischen Parasiten“.

Unter Ergotherapeuten bezeichnen sie diese Extra-Person manchmal als einen „Heteradelphiker“—ein vornehmer Aus-druck für einen unvollständigen Zwilling. Das heißt, dass jemand, der eigentlich als dein Bruder oder deine Schwester auf die Welt kommen sollte, einfach mit dem Kopf in deinen Bauch geboren wurde. Diese Extra-Person hat kein Hirn. Kein Herz. Sie ist einfach nur ein Parasit, und du bist der Wirt.

So was kann man sich nicht ausdenken.

Wenn ich dir das jetzt erzähle und du jemand bist, dem gerade eine andere Person unter dem Arm herauswächst, dann lass dich deswegen nicht aus dem Gleichgewicht bringen.

Hör gut zu. Ich erzähle dir das, weil mir so was auch schon mal passiert ist.

Könnte es noch schlimmer kommen? Noch schlimmer, als dass irgendwelches rumwaberndes, subkutanes Fett plötzlich in Form einer wildfremden Person aus dir herauspoppt. Manchmal passiert das sogar noch viele, viele Jahre nach deiner Geburt.

Wo ich das her habe, darfst du mich auch nicht fragen. Aber wenn du nach einhundert Millionen Sit-ups auf sexy Chippendale-Tänzer machst, weil du als nackiger Exotic-Dancer angeheuert werden willst, fragen sie dich natürlich: „... leiden Sie unter epileptischen Anfällen?“

Diese Frage steht auf dem Formular, das sie dir bei der ärztlichen Prüfung kurz vor deinem Vorsprechen geben. Die Schwester gibt dir ein Klemmbrett voller Papiere, einen Stift und einen Pappbecher, den sie mit Pisse gefüllt zurückhaben will. Und die Tanzgruppe, sind noch nicht mal wirklich die Chippendales. Aber egal welchen ehemaligen, runtergekommenen Exotic Dancer du fragst, bei welcher Truppe er war, wird er sich eine längere Erklärung sparen und einfach „Chippendales“ sagen.

Diese Copyright geschützten weißen Papiermanschetten und die schwarze Fliege erkennt jeder.

Tatsächlich hatte ich mein Vorsprechen bei den Savage Knights. Knights wie Ritter, nicht Nächte. Die Savage Knights sind energiegeladene exotische Tanztruppe, die die Chippendales kopiert. Sie gefallen besonders dem weiblichen Publikum. Ihre Zentrale schaltete diese Anzeige für ein Vorsprechen in der Zeitung: Auf der Sportseite, und quer oben drüber stand: „Live your Fantasy.“

Mein Lächeln in der Lobby des Holiday Inn an diesem Sonntagnachmittag war eine Lüge. Meine Bräune war eine Lüge. Mein blondes Haar ebenso. Als ich 185 Pfund in die Bewerbung schrieb, war das auch eine Lüge. Unter „Augenfarbe“ schrieb ich die Farbe meiner Kontaktlinsen. Im Bewerbungsgesprächs sagte ich, dass ich ein Savage Knight werden wolle, weil ich sehr gern an interessante Orte reise und neue Leute kennen lerne.

In Wirklichkeit wollte ich einfach nur eine Karriere, bei der mir jede Nacht hunderte junge betrunkene Jungfrauen mit den Zähnen Geldscheine in die Unterhose stopfen.

Unter „Alter“ log ich drei Jahre weg und schrieb 24.

Meine Zahnkronen, jede eine strahlend weiße Lüge.

Ich rasierte mein Schamhaar und dann sagte mir die Agentin der Savage Knights, dass sie noch eine Stelle als Mister Elegant haben.

Rund um die Uhr, sagte sie, durchkreuzen sechzehn verschiedene Truppen der Savage Knights die Weiten des Globus und widmen sich dem Bedürfnis nach männlichen Strippern von Milliarden Menschen weltweit. Zu jeder Truppe gehört ein Feuerwehrmann, ein Soldat und ein Bauarbeiter mit einem gelben Bauhelm. Wie bei einem verdammten Berufsberatungstag an der Hauptschule. Und dann noch Mister Elegant, der seinen großen Auftritt in einem Frack bestreitet, das man in der Mitte auseinander reißen kann, und dann Frauen an den nahegelegenen Tischen Rosen überreicht. Alles sehr fesch und mondän. Eine Art cooler James Bond.

Der letzte Mister Elegant der Truppe 11 hatte Schiss gekriegt und sich verdrückt, nachdem ihm ein vollgekokstes Birthdaygirl aus Fairbanks eine Zerrung an den Eiern verpasst hatte.

Und da fing dann mein eigener Parasit an zu wachsen.

In dem Ballsaal in diesem Holiday Inn sah ich aus wie etwas, das ich vorher noch nie im Badezimmerspiegel gesehen hatte. Gebräunt und voll mit Babyöl. Blond und lächelnd.

Die Agentin schüttelte mir die ölige Hand und sagte: „Gut, von jetzt an sind Sie Mr. Elegant ...“

Die Geburt meines neuen, herzlosen, hirnlosen Zwillings.

Das Leben ist nichts als ein schlüpfrige schiefe Bahn.

Was dagegen richtig war, rechnete ich mir aus, war, dass ich, wenn ich mich schonungs- und pausenlos anstrengte, als 24 durchgehen könnte, für immer.

Fürs Vortanzen fand ich den Song „Bodyrock“ von Moby einfach die beste 3:36-lange Einstiegsnummer. Kann sein, dass mein Geschmack ein bisschen Retro ist, aber wenn man mit einem Song anfängt, den die Leute mögen, hat man schon halb gewonnen. Wenn die Instrumente am Ende immer weniger werden, wenn der Track zu ‘ner bloßen Gesangsnummer wird, ist das der perfekte Zeitpunkt, um noch einen kleinen Stunt einzubauen. Ich legte einen Salto aus dem Stand aufs Parkett, ließ mich in den Spagat rutschen und sprang mit einem Satz wieder auf die Beine. Nach dem ganzen Bräunen und Rasieren und Lächeln drückte mir die Agentin der Savage Knights einen Zettel mit einer Wegbeschreibung zum Krankenhaus in die Hand. Da gab mir die Schwester eine Tasse für Pisse. Und das Formular fragte mich: „Haben Sie schon mal epileptische Anfälle gehabt?“

Nach dem ganzen Bullshit, den ich während des Bewerbungsgesprächs von mir gegeben hatte, war nichts leichter als das kleine Kästchen für NEIN anzukreuzen. Sicherheitshalber nahm ich aber noch mein Clonazepam.

Falls ihr das Video gesehen habt, dass sie ins Netz gestellt haben, wo der nackte Muskelmann wie ein Fisch auf dem Boden zappelt, umgeben von Frauen mit Rum Hurricanes und Blue Hawaiis in der Hand, und dem eins seiner rosafarbenen Eier aus dem G-String gerutscht ist und nun in einer Pfütze seiner eigenen Pisse hängt, dann versteht ihr, was für ein Fehler diese letzte Lüge war. Jeder auf der ganzen Welt hat dieses Video gesehen.

Kleine bescheuerte Teenager machen inzwischen schon einen Tanz, den sie Mr. Elegant nennen. Sie knien sich mitten auf der Tanzfläche hin und zappeln rum wie hyperaktive Spastis die gerade ‘nen Stromschlag verpasst kriegen. Die kleinen Wichser.

Die Leute denken, es ist so leicht ein Chippendale-artiger, energiegeladener Exotic Dancer zu sein. Und die Männer unter ihnen stellen sich wahrscheinlich vor, dass es deine größte Sorge ist, keinen hochzukriegen.

Eine andere Frage auf diesem ärztlichen Fragebogen: „Leiden Sie bei Stress an Inkontinenz?“

Und: „Hatten Sie je einen Narkolepsie-anfall?“

Schon bei diesen Fragen hätte ich wissen sollen, wo das hinführt. Die Anwälte denken sich diese Fragen ja nicht zum Spaß aus. Alle großen Tanzensembles vom Bolschoi Ballet bis zu den Chippendales haben ihr schlimmstes Horrorszenario klar vor Augen. Zum Beispiel, dass mitten im Schwanensee irgendein Schwan auf der Bühne ‘nen Anfall kriegt, die Augen hochrollt, so dass man nur noch das Weiße sieht, während ihm die Spucke aus dem langen gelben Schnabel läuft und er schwitzend seine schönen weißen Federn bepisst.

In der Lehrbroschüre der Savage Knights bringen sie dir bei, im Publikum nach Leuten Ausschau halten, die sich mit einem Stift und in einem Heftchen Notizen machen. So’n Verein, der sich ASCAP nennt—das steht für American Society of Composers und noch irgendwas—wenn die dich erwischen, wie du nach einem Song tanzt, für den du keine Gebühren zahlst, dann verklagen sie dich und die Savage Knights. Außer denen schickt jeder Bundesstaat noch Spione von der Alkoholkommission, die dir ne Strafe aufbrummen, wenn du eine Kundin unziemlich anfasst. Selbst wenn man bloß weiße Papiermanschetten und eine schwarze Fliege anhat, riskiert man, dass sie einem wegen Verletzung der Urheberrechte eine Unterlassungsaufforderung von den richtigen Chippendales schicken.

Frag mich gar nicht erst nach den Regeln bezüglich der Körperbehaarung.

Im Ernst, das Schlimmste an diesem Job ist, wenn du den Leuten einen neuen Tequila Sunrise kaufen musst, weil dir beim Tanzen ein Schamhaar rausgerutscht ist. Ein einziger genauer Blick auf deine Hüftzone kann heißen, dass du der gesamten ersten Reihe eine neue Runde Banana Daiquiris kaufen musst.

Live Your Fantasy. Und auch hier wieder: Man könnte sich so was nicht ausdenken.


CONTINUED:
MISTER ELEGANT
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