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DOS & DON'TS
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Es waren nicht die Schläge des Mannes, die mich irritierten: die waren anständig ausgeführt, lehrbuchmäßig sozusagen, doch insgesamt nicht schnell genug, um wirklich gefählich zu sein. Seine Deckung hingegen war exzellent: Jedesmal, wenn ich ihn mit einer Kombination angreifen wollte, hatte ich das Gefühl, er ahnte die schon, bevor ich sie auch nur geplant hatte, so schnell war er aus meiner Reichweite verschwunden. Nach sechs für mich sehr erschöpfenden Runden kam mir irgendetwas an ihm seltsam vor, doch was es war, begriff ich erst, als er im Umkleideraum neben mir stand: Während uns die Schweißtropfen von Stirn und Nase liefen und wir Flecken unter den Ärmeln, auf Brust und Rücken hatten, waren Kleidung und Körper des Mannes vollkommen tro-cken. Er roch auch nicht und machte keine Anstalten, unter die Dusche zu gehen. Offensichtlich hatte er sich nicht im Geringsten verausgabt. „Wie machen Sie das?“, fragte ich ihn. „Was bitte?“ „Dass Sie nicht schwitzen?“ „Oh, das. Habe ich mir abgewöhnt.“ Ich sah ihn an. „Und wie?“ „Ich habe einen Rhythmus gefunden, in dem sich, ohne zu schwitzen, leben lässt.“ „Ah ja“, sagte ich und ging unter die Dusche. Zuhause dachte ich über das nach, was der Mann gesagt hatte. Ich hatte Respekt vor ihm, vor seiner Körperleistung und Disziplin, denn auch ich schwitze nicht gern, wer schon? Trotzdem gingen mir ein paar Dinge nicht aus dem Kopf: Wenn wir schwitzen, tun wir das ja, weil das Leben besondere Anforderungen an uns stelltist es zu heiß, regulieren wir unsere Körpertemperatur über den Schweiß, und werden wir aus irgendeinem Grund nervös, aufgeregt oder haben Angst, schwitzen wir ebenfalls. Durch das Schwitzen lassen wir diese Gefühle aus unserem Körper hinaus, das Schwitzen reinigt uns, ist Ausdruck für das Leben selbst, nicht? Als wir uns das nächste Mal trafen, lud ich ihn nach dem Training zu einem Drink in die kleine Bar des Clubs ein. Warum er denn eigentlich so tunlichst darauf bedacht sei, nicht zu schwitzen, fragte ich. Es habe mit seiner Mutter zu tun, sagte er. „Sie wissen doch auch von den Bombenangriffen, die die Alliierten im Zweiten Weltkrieg auf die deutschen Städte flogen, nicht wahr? Nun, eine dieser Städte war Dresden, und meine Mutter, die aus Dresden kommt, dort auch geboren ist, verbrachte zu dieser Zeit fast jede Nacht im Luftschutzkeller. Ich weiß nicht, ob Sie schon mal in einem Luftschutzkeller waren; sie sind generell nicht besonders groß, dieser Keller aber war noch ein gutes Stück kleiner als die normalen Luftschutzkeller. Er war klein, feucht und stickig, und wenn die Angriffe geflogen wurden und sich mit den anderen Mietern des Hauses bis zu hundert Leute in den Keller drängten, wurde er noch kleiner, feuchter und stickigerund sehr sehr heiß und schimmelig.
Nun ist es so, dass meine Mutter immer schon eine sehr empfindliche Nase hatte: so empfindlich, dass sie den Beginn des Frühlings und das Sprießen der ersten Blüten sozusagen schon im Winter riechen konnte. Manchmal, wenn sie sehr gut gelaunt war, sagte sie ihren Eltern schon Ende Februar voraus, wie die Erdbeersaison werden würde. Genauso gut aber wie sie die schönen Dinge auf große Entfernungen roch, roch sie natürlich auch die schlimmen Dinge. Den Geruch von Hundekot auf der Strasse, zum Beispiel, spürte sie noch in der Nase, wenn sie schon drei Kreuzungen weiter war, und manchmal dauerte es Stunden, bis sie ihn wieder loswurde. Jedenfalls: Weil es so heiß war in dem Keller und sich so viele Leute darin befanden, die neben der Hitze auch noch die Angst um ihr Leben ertragen mussten, fingen diese Leute naturgemäß schon nach wenigen Minuten zu schwitzen an. Mit der empfindlichen Nase, die meine Mutter besaß, fällt es Ihnen sicher nicht schwer, sich vorzustellen, wie sie auf das feuchte Gemisch von Salz, Harnstoff, Glukose und den diversen Aminosäuren, das aus den Schweißdrüsen der Kellerinsassen gepresst wurde, reagierte: Meine Mutter wurde fast ohnmächtig vor Abscheu und Ekel und übergab sich. Die Tatsache, dass sich bei jeder Bombe, die in der Nähe des Kellers niederging, auch einige der Leute in die Hosen machten, trug ebenfalls nicht dazu bei, dass die Nase meiner Mutter sich beruhigte, im Gegenteil. Natürlich sträubte sie sich schon beim nächsten Luftangriff der Alliierten mit Händen und Füssen dagegen, wieder in den Keller zu gehen. Sie schrie meine Großeltern an: Lieber wäre sie tot, als auch nur noch ein einziges Mal diesen Gestank zu ertragen! Doch weil meine Großeltern nur daran dachten, ihr einziges Kind vor den Bomben zu schützen, zwangen sie sie in den Keller, egal, wie oft sie sich übergeben würde. Und meine Mutter übergab sich jedes einzelne Mal. Es war zu dieser Zeit, dass meine Mutter das bekam, was sie später ihren ‚Nasenschock’ nennen solltedie Unfähigkeit, für den Rest ihres Lebens auch nur die geringste Spur Schweiß zu riechen, ohne dass ihr schlecht wurde. Für meinen Vater wurde das später natürlich zu einem Problem, noch mehr aber für mich, denn mein Vater, an den ich mich nur schwach erinnere, starb schon sehr früh an einem Schlaganfall. So gab es nur noch meinen Schweiß, den meine Mutter kontrollieren musste: Sie tat es, indem sie mich regelmäßig und mehrmals am Tag von allen Ausdünstungen reinigte, die mein Körper ausstießunter der Dusche, mit Cremes und Teebaumöl. Sie predigte mir, immer an ihren Nasenschock zu denken und an das Leid, das sie damals als junges Mädchen in dem Keller erdulden musste. ‚Du willst doch nicht, dass es deiner Mutter schlecht geht, oder?’ Natürlich wollte ich das nicht. Wenige Kinder wollen das. Trotzdem kam es im Laufe meiner Jugend öfters vor, dass ich die Schweißphobie meiner Mutter vergaß: Besonders im Sommer, wenn ich an einem warmen Tag mit meinen Freunden Fußball spielte, passierte es manchmal, dass ich mir keine Gedanken darüber machte, ob ich mein Hemd nun durchschwitzte oder nicht. Spätestens aber wenn ich wieder nach Hause kam und meine Mutter sich fast über meine Turnschuhe übergab, fiel es mir wieder ein, und meine Mutter bestrafte mich jedesmal für diesen Fehler, indem sie mich unter die Dusche stellte und abschrubbte, bis ich blutige Striemen an Rücken und Schultern hatte. Und da ich es irgendwann satt hatte, mich von meiner Mutter so gängeln zu lassen, gewöhnte ich mir das Schwitzen ganz ab. Ich mied alles, was mich würde schwitzen lassen: Ich mied direkte Sonneneinstrahlung und hielt mich nur noch im Schatten auf. Ich mied extreme Temperaturschwankungen und sorgte für wohltemperierte Räume in Sommer und Winter. Ich mied fette oder scharf gewürzte Speisen und wählte eher Margarine als Butter. Ich mied heftige oder unkontrollierte Bewegungen, die meine Körpertemperatur steigen lassen würden. Und so, schweißfrei und sauber“, schloss er seine Erzählung, „stehe ich nun vor Ihnen.“ „Unglaubliche Geschichte“, sagte ich nach ein paar Minuten. Der Mann, der nicht schwitzte, sah mich an. „Was ist mit Sex?“, fragte ich. „Nur selten, und wenn, dann sehr entspannt“, sagte der Mann, der nicht schwitzte. „Und beim Sport? Ich meine, Sie boxen doch auch, da ist es doch praktisch unmöglich, nicht auch nur das kleinste bisschen zu schwitz...“ „Körperökonomie.“ „Was bitte?“ „Körperökonomie. Im Laufe der Jahre habe ich es durch Yoga und Entspannungsübungen geschafft, meinen Puls auf 50 Schläge pro Minute runter zu bringen, selbst bei körperlicher Anstrengung. Ihnen ist doch bestimmt aufgefallen, dass ich beim Boxen immer nur kurz und kontrolliert angreife und mich zurückziehe, bevor die Anstrengung zu groß werden könnte, nicht wahr?“ „Ist mir aufgefallen“, sagte ich. Und so, wie du boxt, lebst du auch, dachte ich. Er hatte recht, es gab keinen Zweifel: Es war ihm wirklich gelungen, die totale Kontrolle über seinen Körper zu erlangen. Er war ganz einfach der Mann, der nicht schwitzte. Der Saubermann. Ich verlor ihn dann aus den Augen. Ich heiratete und zog in eine andere Stadt, aber ganz vergessen konnte ich den Mann, der nicht schwitzte, nie: Wenn ich im Fernsehen eine Sportsendung sah, bei denen den Spielern Ströme von Schweiß aus den Haaren rannen, musste ich an ihn denken, und auch dann, wenn ich selber ins Schwitzen gekommen war und meine Frau mir sagte, ich könne mich mal wieder deodorieren. In diesen Momenten bewunderte ich den Mann, der nicht schwitzte. All diese Probleme hatte er nicht. Er ging durchs Leben in seinem eigenen Tempo, seinem eigenen Rhythmus, seiner eigenen, unveränderlichen Temperatur. Er war ein Eisblock, der selbst im Sommer nicht schmolz. Zwei oder drei Jahre nach unserem ersten Treffen, hörte ich wieder von ihm. Ich war inzwischen in einen anderen Boxclub eingetreten, und es war mein neuer Sparringspartner Ben, der mir von ihm erzählte. „Ich kenne einen, der schwitzt nicht“, sagte Ben, als wir nach einem besonders anstrengenden Training unter der Dusche standen. „Ich auch“, sagte ich. Natürlich musste es derselbe sein, so viele Männer, die nicht schwitzten, gab es nicht, also fragte ich Ben, wie es dem Mann denn ginge. Was Ben erzählte, überraschte mich: Der Mann, der nicht schwitzte, hatte sich verliebt, in eine hübsche, etwas jüngere Frau, wie es hieß. Ich freute mich für ihn, denn vielleicht war es ja jetzt möglich, dass er sich von den Zwängen seiner Vergangenheit befreite. Vielleicht konnte ihn diese Frau davon überzeugen, dass es manchmal auch in Ordnung und eine Befreiung ist, wenn man schwitzt, und dass man dabei keinesfalls jedesmal kotzen muss. Ein paar Wochen später jedoch erfuhr ich durch Ben, dass der Mann plötzlich gestorben sei„Aus heiterem Himmel, mit gerade Mal Anfang vierzig!“ Ein Herzinfarkt, sagten die Ärzte, sagte auch Ben. Manchmal denke ich, ich bin der Einzige, der weiß, was wirklich mit ihm los war. MARC FISCHER |