NEWSLETTER  



DOS & DON'TS










Foto von Alexa Karolinski






in Labortechniker kam mit seinem Kästchen mit Reagenzgläsern und zog dem alten Mann eine Blutprobe aus dem dünnen linken Arm. Überrascht sah ich das schwarze Blut in dem Glasröhrchen. Die Hilfsschwester kehrte mit einem Glas Orangensaft zurück, und der Priester zog rund um das Bett des alten Mannes die Vorhänge zu, um die letzte Ölung vorzunehmen.

Ich konnte das Murmeln des Priesters hinter den grünen Vorhängen hören, außerdem die schwachen „Aie’s“ von dem alten Mann und gelegentliche Wortfetzen auf Spanisch von der kubanischen Schwester. Die uralte Nonne hatte die Station jedoch verlassen, als der Priester die Vorhänge schloss.

Die Tochter, ihre Schwägerin und die beiden Ehemänner standen draußen unbeholfen in dem schmalen Gang herum. Ich zeigte der Tochter den Metallstuhl, aber sie schüttelte mit dem Kopf und sah weg. Die ganzen Verwandten bemühten sich tunlichst, nicht zu mir zu schauen. Aber weil mich das zu sehr von meinen eigenen Problemen abgelenkt hätte, wollte ich die Vorhänge rund um mein eigenes Bett nicht zuziehen. Außerdem war ich ja zuerst hier gewesen und wenn überhaupt waren sie in meine Privatsphäre eingedrungen.0

Eine Hilfsschwester mittleren Alters kam mit den kopierten Mittagsmenüzetteln auf die Station, gab einen davon mir und einen weiteren der Tochter.

„Besser Sie füllen es für ihn aus“, sagte die Helferin und deutete mit dem Kopf in Richtung der geschlossenen Vorhänge. „Es gibt zwei bis drei Optionen mit verschiedenen Fleisch- und Gemüsesorten. Machen Sie einfach ein Kreuz neben die, die er will.“

Die junge Frau sah etwas perplex und abgelenkt aus, obwohl sie die englischen Anweisungen verstanden hatte. Ihr Mann nahm ihr das Blatt und den Stift aus der Hand und zog sich mit seinem Begleiter (vielleicht sein Bruder?) ans Fenster zurück, um auf Spanisch das Menü zu diskutieren. Ich kreuzte mein Menü an, bestellte einen Apfelsaft, einen Eistee und Champignoncremesuppe. Als ich fertig war, winkte ich den Ehemann zu mir rüber und zeigte ihm meinen Zettel. Er kreuzte für den alten Mann dasselbe an und sagte „Danke“. Er nickte mit dem Kopf und lächelte mit blendend weißen Zähnen. „Vielen Dank!“

„De nada“, antwortete ich, und die Hilfsschwester mittleren Alters lächelte mir zu, während ich ihr beide Menüs überreichte. Ich hatte ihr Problem für sie gelöst.

Ein Praktikant und ein Krankenpfleger kamen mit dem Tropfgestell und der umgedrehten Flasche Glukosewasser. Der Priester, der mit seiner Salbung fertig war, zog den Vorhang zurück, und die beiden Pfleger begannen, sich an dem alten Mann zu schaffen zu machen. Er hob einige Male seinen dünnen Arm und schließlich mussten sie den Arm mit Gazestreifen an dem Bettgestell festbinden, damit sie die Kanüle hineinstechen konnten.

Der Arzt des alten Mannes erschien im Krankenzimmer. Er blickte ungläubig auf seinen Patienten und schüttelte den Kopf, während der Praktikant mit dem Schlauch an der Glukoseflasche hantierte, um die Flüssigkeit zum Fließen zu bringen.

Der Arzt war die Personifikation von Shell Scott. Kurzgeschnittenes weißes Haar, ein taubenblauer Leinenanzug, ein meerblaues Hemd und ein weißer Strickschal. Allerdings trug er schwarz-weiße Lackschuhe, was auf eine leicht ambivalente Persönlichkeit hindeutete. Er schien alterslos und hätte mit seiner tiefen Floridabräune ebenso gut 35 wie 55 sein können.

Die vier Verwandten umringten ihn schweigend und sahen ihm angstvoll ins Gesicht. Er ging rückwärts aus dem Krankenzimmer, während die Tochter sich an seinen rechten Arm klammerte und die Schwägerin sich in seinen linken Ärmel krallte. Die beiden Ehemänner folgten ihren Frauen dicht, während der Arzt zurückwich, bis er an der Tür Stellung bezog.

„Als Sie ihn vor sechs Wochen nach Hause geholt haben“, sagte der Arzt mit heiserer, müder Stimme und zog seinen Arm mit einem Ruck aus der Umklammerung der Frau, „hatte ich Ihnen bereits gesagt, dass ich nichts mehr für ihn tun kann, selbst wenn es mein eigener Vater wäre. Alles was getan werden konnte, habe ich getan.“

Die Frauen griffen wieder nach seinen Armen und starrten ihm ins Gesicht, während er rückwärts den Korridor hinunter ging und aus meinem Blickfeld entschwand. „Selbst wenn er mein eigener Vater wäre“, wiederholte er, „ich könnte ihm nicht helfen.“

Weinend kehrten die Frauen in das Krankenzimmer zurück. Ihre Männer hielten sich wortlos, mit ausdruckslosen Gesichtern in ihrer Nähe auf.

„Er ist jetzt tot“, verkündete die kuba-nische Schwester plötzlich auf Spanisch.

Die Männer führten ihre Frauen aus dem Krankenzimmer. Die kubanische Schwester rief die zwei Hilfsschwestern hinein, die ihr halfen, den intravenösen Schlauch aus der Glukoseflasche zu ziehen und die beiden ha-kenförmigen Schläuche aus der Nase zu entfernen, die immer noch zischend Sauerstoff ausstießen. Die Hilfsschwestern schoben zusammen mit der Schwester den Tropfständer aus der Station und für einen Moment war ich allein mit dem stillen alten Mann. Das Sauerstoffteam und zwei Träger mit einer Bahre kamen fast im selben Moment ins Zimmer. Die Sauerstoffmaschine wurde hinausgerollt und das „Nicht Rauchen“-Schild wurde von der Tür ent-fernt. Die Träger rollten den alten Mann auf die Bahre, deckten ihn zu und rollten ihn raus. Die zwei Hilfsschwestern kamen mit sauberen Laken wieder und machten das Bett, die kubanische Schwester beaufsichtigte sie von der Tür aus.

Ich werde pissen, bevor sie mit dem Bettenmachen fertig sind, beschloss ich, um mir irgendeine eine Frist zu setzen. Ich beobachtete die ungeschickten Hilfsschwestern aufmerksam; sie legten die frische Bettdecke über die sauberen Laken und falteten das untere Ende so unter die Matratze, wie wir es in der Armee immer als „Krankenhausecken“ bezeichnet hatten … und plötzlich begann ein dünner Strahl in die Aluminiumente zu rieseln, aus dem ein fließender Strom wurde. Dann versiegte er.

„Hier“, sagte ich, während ich die Ente unter dem Laken hervorzog und der Schwester hinhielt.

Sie brachte die Ente ins Bad und maß die Urinmenge. Sie legte die leere Ente auf den Nachttisch und lächelte mit ihren fetten Lippen.

„Sechzig Zentiliter, Sir“, sagte sie. „Das ist sehr gut.“

„Was Sie nicht sagen“, entgegnete ich mit einem Schulterzucken und griff nach meinen Zigaretten.

CHARLES WILLEFORD


Hier ist ein kleines Interview, das wir mit der Witwe von Charles Willeford, Betsy Willeford, gemacht haben.

Vice: Ist das alles wahr? Hatte Charles Willeford wirklich diese Operation und lag er wirklich neben einem sterbenden Kubaner?


Das stimmt alles. Ich hatte ihn erst kurz vorher kennen gelernt und bin nicht die Frau, auf die er sich im Buch bezieht. Deswegen kann ich nicht jedes Detail bestätigen.

Warum hat er diese Geschichte eigentlich selbst veröffentlicht?

Er hat sie an ein paar Magazine geschickt, aber die wollten sie nicht haben, weil sie eine schwierige Länge hatte. Also entschloss er sich, selbst eine kleine Edition herauszubringen.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Wir haben zusammen beim Village Post gearbeitet, einem Magazin in Coconut Grove.

Wie hat er geschrieben?

Tja, auf jeden Fall hat er seinen Studenten immer gesagt, sie sollen vor jedem Toilettengang eine Seite schreiben. Wenn ihre Blase durchgehalten hat, hatten sie am Ende des Jahres ein Manuskript mit 365 Seiten.

Und wie war er als Mensch?

Noch besser.

Vielen Dank für das Gespräch. Nebenbei, wir denken, dass Charles Willeford einer der besten Romanautoren war, die es jemals gab.


Aus EINE KLEINE EINFÜHRUNG FÜR HÄMORRHOIDENLOSE | 1 | 2 |