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DOS & DON'TS











Illustration von Milano Chow


Wir haben uns mit Don Herron unterhalten. Er ist ein Freund von Willeford und der Autor der Biografie
Willeford.

Vice: Wie ist Willeford zum Schreiben gekommen?
Don:
Er war in einer Air Force Base in Hammilton als Unteroffizier stationiert und redete schon damals immer davon. Er hatte bereits eine Gedichtsammlung geschrieben und erzählte von Romanen, die er noch schreiben wollte, seinen Theorien über das Schreiben und seiner Bewunderung für Proust. Irgendwann sagte dann einer seiner Kameraden zu ihm: „Hälst du bitte dein Maul? Du wirst niemals etwas schreiben.“ Das war der Startschuss. Willeford nahm sich sofort ein Zimmer im Powell Hotel und ging danach jedes Wochenende dorthin, um zu schreiben. So entstand sein erster Roman.

Welche Schriftsteller mochte er?
Er las alles, und es war ihm egal, ob das „Literatur“ war oder nicht. Kafka mochte er sehr. Er hatte alles von ihm. Gleichzeitig flogen bei ihm aber auch Taschenbücher von Phillip K. Dick rum.

Wie war er sonst so?
Lustig, freundlich … allgemein war er ziemlich talentiert, was das gesellschaftliche Leben betrifft. Aber er hat daran auch viel gearbeitet, zum Beispiel, indem er trainierte, in der Öffentlichkeit Reden zu halten. Einige der wenigen Dinge, die er wirklich nicht ausstehen konnte, waren sozial unverträgliche Menschen.

Hatte er sonst irgendwelche Macken?
Er sagte pausenlos „Weißt du?“. Er war ein bisschen wie ein „Valley Girl“.






n der Krankenhaussprache uriniert ein Patient nicht, oder geht pinkeln, pullern oder schiffen, und er pisst auch nicht. Er entleert sich. In meinem Fall bedeutet das: Er ist nicht in der Lage, sich zu entleeren.

Die Krankenhaussprache stammt aus viktorianischen Zeiten. Meine Hämorrhoiden wurden also nicht abgeschnippelt -gehackt oder wegoperiert. Mein Arschloch wurde erweitert und per Wundausschneidung kürretiert. Über Sex wird im Krankenhaus auch nicht geredet. Sexualorgane werden, wenn überhaupt, unter rein funktionalen Aspekten betrachtet und zwischen Frauen- und Männertoiletten unterscheidet man offenbar auch nicht. Wer zuerst kommt, hat gewonnen, Schlösser gibt es auch keine. Wenn die Türen beschildert wären, würde vermutlich „Notwendige Orte“ darauf stehen—ein Euphemismus für die Toiletten in unserem vergoldeten Zeitalter.

Vor ein paar Jahren, als es mir noch nicht mal im Traum eingefallen wäre, jemals ein Krankenhaus zu betreten, erzählte mir ein Kumpel, von einer Hilfsschwester, die bereit war, einem Mann für fünf Kröten einen runterzuholen. Damals überraschte mich diese Information nicht, und ich heftete sie irgendwo in meinem Kopf ab, um sie eventuell später einmal in einem Roman zu verwenden. Inzwischen habe ich bereut, dass ich meinen Freund nicht nach genaueren Einzelheiten gefragt habe. Draußen, wo so etwas nicht interessiert, hatte ich keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Aber wenn ich hier drinnen diese gehetzten, fies lächelnden Hilfs-schwester sehe—wahrscheinlich die Berufs-gruppe mit dem geringsten IQ im ganzen Land—wie sie so ineffektiv herumrennen und trotzdem 2,40 Dollar die Stunde verdienen, frage ich mich, wie mein Freund wohl zu dieser unkomplizierten Hilfsschwester gekommen ist. Wahrscheinlich musste er ihr es vorher aufmalen. Aber von der Begriffsstutzigkeit von Hilfsschwestern mal abgesehen hatte der Mangel an Privatsphäre, der Krankenhausgeruch und der allgegenwärtige Gestank des Todes während der zwei Wochen meines Aufenthaltes ohnehin jeglichen Gedanken an Sex vertrieben.

Mein Freund, davon bin ich inzwischen überzeugt, hatte mich angelogen.

An dem Morgen, an dem sie den alten Mann zum Sterben auf unsere Vierbettstation brachten, versuchte ich gerade, mich zu entleeren. Ich presste in unregelmäßigen Abständen, hielt dabei unter dem Decklaken meinen schlaffen Schwanz in der rechten Hand und in der linken die feuchtkalte „Metall-Ente“; um zehn Uhr, als sie den alten Mann zum Sterben reinbrachten, war ich bereits seit zwölf Stunden mit dieser heldenhaften Unternehmung beschäftigt. Drei Schachteln Zigaretten—sechs Minuten pro drei-Cent Zigarette—hatten sich in Dunst aufgelöst und der Druck auf meiner Blase war unerträglich geworden. Ich wartete darauf, dass die überdehnte Membran in meinem Bauch jede Minute explodieren würde wie ein mutwillig zerstochener Luftballon. Danach würde mich eine grausame Harnvergiftung innerlich aufblähen—mit dem Resultat eines plötzlichen Todes, einer glücklichen, ersehnten Erlösung von meinen Leiden. Das hoffte ich zumindest. Eine volle Blase kann, so wird berichtet, nach nur acht Stunden der Anschwellung platzen. Als die Zwölfstundenmarke erreicht war wusste ich, dass ich gerade das Unerträgliche ertrug.

Der junge blauäugige Praktikant, der die Umbettung des alten Mannes von dem Rollwagen auf das Bett überwachte, zwinkerte mir zu und sagte: „Bei dem dauert’s nicht mehr lange.“ Die Bemerkung war vielleicht etwas gefühlskalt, aber dafür zutreffend. Während die zwei schwarzen Krankenpfleger den winzigen alten Mann mit Hilfe zweier Schwestern von dem zitronengelben Laken auf das weiße Bett rollten (die leuchtend gelben Laken kamen von der Notaufnahme unten im Haus), nickte ich zustimmend. Der Alte war so klein wie ein 12-jähriges Kind. Seine knochigen Arme und Beine waren so dünn und gelb wie Bleistifte, seine faltige, safranfarbene Haut so blättrig und gammelig wie feuchtes Pergamentpapier.

Ein langer, orangefarbener Katheter-schlauch hatte sich um sein linkes Bein gewickelt und musste erst noch entwirrt werden, bevor der quadratische, orangefarbene Urinbehälter, zu dem er führte, auf den Boden unter seinem Bett platziert werden konnte. Sein weißes Haar war noch voll, und er trug es aus der Stirn nach hinten gekämmt, sein dichter Schnurrbart passte perfekt zu seinem Haar. Seine scharfen schwarzen Augen lagen in einer tiefen Höhle unter seinen knochigen struppigen Brauen; seine hoch geschwungene Nase war majestätisch gebogen, und seine falschen Zähne waren entfernt worden, damit sie ihn nicht störten. Seine hervorschnellende schwarze Zunge, zusammen mit seinem nach oben gedrehten Kinn und der gebogenen Nase verliehen dem alten Mann das Aussehen eines etwas mitgenommenen aber dennoch aktiven Habichts. Als er seinen langen dünnen Arm über seinen Kopf hob, wirkten seine verkrampften fleischlosen Hände wie haarige Krallen, die an einem Ast Halt halt suchten.

Er trug einen blauen Pyjama mit königsblauen Säumen, aber keine Hose, und ein paar weiße Seidensocken mit aufgestickten schwarzen Uhren. Es war einige Jahre her, dass ich ein Paar dieser sogenannten „Clock Sox“ gesehen hatte, obwohl ich mich noch an die Zeiten erinnere, in denen sie als Inbegriff der Eleganz galten.

Mit einem kehligen Flüstern wiederholte der alte Mann pausenlos, wieder und wieder: „Aei, aei, aei, aei...“ Ich nahm an, dass er diesen wehmütigen Ausruf des Schmerzes schon so lange von sich gab, dass das Geräusch sein Bewusstsein bereits nicht mehr erreichte—so wie manchmal alte, taube Hunde kläffen, ohne es zu hören, bis ihnen jemand sanft die Schnauze zuklappt.

Eine der Hilfsschwestern zog ihm die Clock Sox aus. Die Füße des alten Mannes waren so blau wie die Säume seiner Pyjamajacke.

„Zieh sie ihm wieder an“, sagte ihre Kollegin. „Seine Füße sind bestimmt kalt.“

Ja, dachte ich bei mir, schon Sokrates sagte, dass die Kälte in seinen Füßen angefangen hatte.

Während der Praktikant mit dem Umbetten fertig wurde und sich mit dem Haufen dreckiger gelber Laken nach draußen begab, begann sich das kleine Krankenzim-mer plötzlich mit Leuten zu füllen. Eine fett-lippige, fettbeinige und fettlidrige kubanische Schwester, die wunderschönes Englisch sprach, als Dolmetscherin fungierte und die Pillen verabreichte, war mit zwei geschäftigen Hilfsschwestern vor Ort. Dazu quetschten sich ins Zimmer: der Franziskaner-

Priester, eine ältere weißgekleidete Nonne, zwei Kubanerinnen um die 30 (die Tochter des alten Mannes und ihre Schwägerin) und ihre Ehemänner, würdevolle junge Männer in den 30ern mit blonden lockigen Haaren und blassen blauen Augen, beide mit Arbeitshemden und Jeans bekleidet.

„Sag ihm“, sagte die Nonne zu der kubanischen Schwester, „sag ihm er soll immer und immer wieder sagen: ‚Vergib mir, oh Herr, für all meine Sünden.‘ Danach wird er sich bes-ser fühlen.“

„Soll er es auf Spanisch oder auf Englisch sagen?“, fragte die kubanische Nonne allen Ernstes.

„Egal“, sagte die Nonne ungeduldig. „Es macht keinen Unterschied.“

„Aie aie aie aie aie aie…“, flüsterte der alte Mann heiser.

„Frag ihn“, sagte die Nonne, „ob er das Kleine Josephgebet kennt.“

Die kubanische Schwester leitete die Frage auf Spanisch an den alten Mann weiter.

„Aie aie aie aie aie aie …“, flüsterte der alte Mann.

„Er kennt es, da bin ich mir sicher“, sagte die alte Nonne zu der kubanischen Schwester. „Sag ihm einfach, er soll es immer und immer wieder sagen. Er wird sich danach besser fühlen.“

Die kubanische Schwester übermittelte die Instruktionen auf Spanisch.

„Aie aie aie aie aie aie…“, antwortete der alte Mann.


CONTINUED:
Aus EINE KLEINE EINFÜHRUNG FÜR HÄMORRHOIDENLOSE
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