
ar Gloria ausgezogen? Gloria hatte schon im Haus gewohnt, als sie einzog , aber sie hatten sich nie gemocht. Sie hatte Gloria kennengelernt nachdem sie eine Viertelstunde zuvor eine unglaublich große, haarige Spinne mit einer Zeitung geplättet und dann noch eine weitere, unglaublich haarige Spinne mit den 966 Seiten des Londoner Telefonbuchs erschlagen hatte, Sie war irritiert, denn sie waren viel zu groß, um Londoner Spinnen zu sein.
„Ich bin Gloria. Sie haben nicht zufällig zwei etwas größere Spinnen gesehen?“ Wie sich herausstellte, züchtete Gloria Spinnen. Sie hatte immer gedacht, dass nur unscheinbare, einsame Männer exotisches oder giftiges Viehzeug sammelten, um sich interessanter zu machen, weil sie einen von insgesamt nur fünf seltenen „Pfeilgiftfröschen“ unter ihrem Bett hausen habendiese Geschichte hatte ihr mal ein Verehrer in einem Pub erzählt.
Sie hatte Gloria Einlass gewährt und sie bewegte sich in Richtung Spinnenpampe. „Kelvin, Melvin“, setzte Gloria zum Nachruf an. „Ich hab sie rausgelassen, damit sie sich ein bisschen sportlich betätigen,“ erklärte sie auf die Frage, wie sie entkommen konnten. Der Hass, den Gloria zu verströmen begann, als sie von den zerquetschten Spinnen erfuhr, war völlig ungerechtfertigt und unan-gemessen, und ihre Beziehung hatte sich seither nicht wesentlich verbessert.
„Wurden die Schlösser ausgetauscht?“, fragte sie. „Ich wohne im zweiten Stock und ich komme nicht rein.“
„Keiner hat die Schlösser ausgetauscht?“, beharrte die männliche Stimme.
„Könnten Sie mich bitte reinlassen?“
„Ich weiß nicht, wer Sie sind.“ Aus der Sprechanlage klickte der Hörer auf den Haken, Gespräch beendet. Sie drückte auf die anderen Knöpfe, aber keiner antwortete. In der Dunkelheit konnte sie gerade so erkennen, dass die Namen auf den Klingelschildern anders aussahen, aber es gelang ihr nicht, die Buchstaben zu entziffern. Sie überlegte, was sie tun sollte. Warten bis jemand rauskam oder reinging? Den Schlüsseldienst rufen? Es war kalt.
Während sie die Auffahrt runter lief, schaute sie zu ihrer Wohnung hinauf und sah eine Frau am Fenster stehen und zu ihr hinunter blicken. Vor Überraschung wusste sie nicht sofort, wie sie reagieren sollte. Der Eindringling war eine Frau, die ihre besten Jahre wohl mehr oder weniger hinter sich hatte; unwahrscheinlich, dass sie ein Einbrecher war, aber bestimmt geistig verwirrt. Die Frau ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, beobachtete sie einen Moment lang und zog sich dann ins Innere der Wohnung zurück.
Sie raste zu ihrem eigenen Klingelknopf: „Wer sind Sie?“
„Wie bitte?“
„Was machen Sie in meiner Wohnung?“
„Ich weiß nicht, wen Sie suchen, aber das hier ist die Wohnung im zweiten Stock.“
„Ich weiß. Ich wohne hier seit sieben Jahren.“
„Nein. Ich wohne hier seit sieben Jahren.“
„Wenn Sie mich nicht reinlassen, hole ich die Polizei.“
„Wenn Sie nicht verschwinden, hole ich die Polizei.“
„Das reicht jetzt.“
„Das reicht jetzt. Wenn es Ihre Wohnung ist, wie kommt es dann, dass ich hier drin bin und Sie da draußen?“ Wieder wurde die Unterhaltung mit einem Klicken beendet.
War dies alles eine sorgfältig geplante Verarschung? Eine Fernsehshow? Sie sah sich nach versteckten Kameras um. Falls es ein Scherz war, würde sie sich bitter rächen. Sie fischte ihr Telefon aus der Tasche, aber, um dem Ganzen noch eins drauf zu setzen, funktionierte es nicht. Vor Wut kochend stapfte sie zur nächsten Telefonzelle und rief die Polizei an. Nach ein paar Minuten in der Warteschleife erklärte sie, dass jemand in ihrer Wohnung war. Die nächsten 20 Minuten verbrachte sie damit, in der Auffahrt neben der orangen Badewanne auf und ab zu laufen, die dort seit Monaten stand und garantiert auch noch viele weitere Monate stehen würde. Schließlich schoss die Polizei mit lauten Sirenen an ihr vorbei. Ein paar Minuten später kamen sie zurückgefahren und hielten in ihrer Auffahrt.
Dem Auto entstiegen zwei skeptisch dreinblickende Polizistenjene Skepsis, die Polizisten zu Tage legen, weil sie damit rechnen, dass gleich jemand anfängt auf sie zu schießen. Eine davon war eine Frau, wohl das Ergebnis eines Ausbruchs von Gleichberechtigungswahnsie war kaum größer als ein Zwerg, pummelig und hatte einen Gesichtsausdruck, der zeigte, wie schwer es ihr fiel zu glauben, dass sie tatsächlich für den Job genommen worden war. Der andere war ein haushoher, schrankbreiter Veteran, dem sie nun ihre missliche Lage noch einmal erklärte.
Die Polizisten ließen die Frau aus ihrer Wohnung runterkommen. Sie hieß Mrs. Gardiner. Ihr Name stand auf dem Klingelschild. Mrs. Gardiner legte umgehend Belege ihres Briefwechsels mit den Stadtwerken vor, die sie als rechtmäßige Bewohnerin auswiesen. Der mysteriöse Mann aus dem Erdgeschoss blieb dabei, dass Mrs. Gardiner hier seit Jahren lebte. Sie gingen zur Wohnung hochauf der Treppe kein Zeichen von Rolfs Billardtischoben wurde ihre Behauptung, die Vorhänge in der Wohnung seien rot, widerlegt. All ihre Sachen waren weg. Die Wohnung war komplett renoviert und neu eingerichtet.
Man forderte sie auf, Beweise vorzulegen, dass sie hier wohnte. Sie hätte schwören können, dass sie einen Brief von ihrer Bank in der Tasche hatte, aber er war verschwunden. Mrs. Gardiner musterte sie nun auf die mitleidsvolle Art, die Leute sich für geistig Behinderte aufheben, die sich gerade etwas Schreckliches angetan haben. Während sie mit den Tränen kämpfte, zeigte der Polizist großmöglichstes Mitgefühl.
„Ich würde Ihnen ja gerne helfen“, sagte der Polizist. „Aber Sie sehen ja die Lage. Diese Dame kann nachweisen, dass sie hier wohnhaft ist. Sie können es nicht. Ihre Schlüssel passen in keins der Schlösser. Die Nachbarn sagen, sie hätten Sie nie gesehen. Nehmen Sie Medikamente?“
Mrs. Gardiner kommentierte: „Sie braucht Hilfe.“
Wütend ging sie. Sie konnte nicht länger ertragen, wie sie angesehen wurde. Sie wusste nicht, was sie tun sollte.
Sie ging zu einem nahegelegenen Zeitungsladen und wurde von der Besitzerin begrüßt, einer Asiatin, die kaum über den Ladentisch reichte.
„Sie kennen mich, oder?“
„Natürlich“, antwortete die Verkäuferin, aber sobald sie geantwortet hatte, wurde ihr klar, dass sie das Gleiche wohl auch zu einem völlig Unbekannten gesagt hätte.
„Wissen Sie, was da drüben los ist?“
„Was da drüben los ist? Da ist immer irgendwas los.“
Sie fing an mechanisch in Richtung U-Bahn zu laufen. Sie würde sich morgen um das alles kümmern. Heute bei jemanden übernachten und sich morgen hinter die Sache klemmen, aber keiner ihrer Freunde wohnte hier in der Nähe. Sie versuchte es noch mal mit ihrem Telefon: es ging immer noch nicht. Sie hielt an dem einzigen funktionierenden Münztelefon und versuchte ihre Freunde zu erreichen. Die ersten Versuche führten zu nichts. Als sie schließlich Don anrief, der so ungefähr der Letzte war, auf dessen Sofa sie sich vorstellen konnte zu übernachten, antwortete eine Stimme, die nicht Don war.
„Könnte ich Don sprechen?“
„Sie haben sich verwählt.“
Sie wählte noch einmal, extrem langsam, um sicherzugehen, dass sie alles richtig machte, aber hatte wieder die Nicht-Don-Stimme dran.
Sie fuhr mit der U-Bahn zurück nach Victoria und ging in das erste passabel aussehende Billig-Hotel. Sie wollte einfach nur noch schlafen. Die Rezeptionistin probierte ihre Kreditkarte und erklärte, dass sie nicht funktioniere. Da sie nur noch ein paar wenige Pfund Bargeld hatte, ging sie zum Geldautomaten an der Ecke. Nachdem sie dreimal vergeblich versucht hatte, ihre Nummer einzugeben, schluckte der Automat ihre Karte.
Es war inzwischen nach elf und sie merkte, wie schlecht sie roch. Sie versuchte es noch einmal mit ein paar Anrufen. Die Nummern waren entweder nicht erreichbar, oder es war keiner da, oder die Person, nach der sie suchte, wurde von einer unfreundlichen Stimme verleugnet. Schließlich ging sie wieder zu ihrem Büro zurück, in der Hoffnung, dort die Nacht verbringen zu können. Es wunderte sie nicht, dass der Schlüssel in der Tür stecken blieb
Es gab noch einen letzten Anruf, den sie machen konnte. Der, vor dem sie am meisten Angst hatte. Als unter der Nummer ihrer Eltern eine fremde Stimme antwortete, wusste sie, dass auch sie verschwunden waren.
Sie nahm den letzten Zug zurück nach Brixton, sank im Durchgang zwischen den zwei Bahnsteigen zu Boden und ließ ihren Tränen freien Lauf.
TIBOR FISCHER
Vice: Was zum Teufel ist da passiert?
Tibor: Ich werde es nicht erklären. Man kann den Leuten ein paar Anhaltspunkte geben, aber wenn man anfängt eine Kurzgeschichte zu erklären, bleibt nichts davon übrig.
Sag’s mir doch einfach. Ich schreib’s auch nicht in das Heft.
Nein ...
Hast du eine Ahnung, worum es da geht?
Hab ich, ja.
Hmm. Hasst du London auch so sehr wie die Erzählerin in dieser Geschichte?
Wahrscheinlich schon. Immerhin hab ich fast mein ganzes Leben lang hier gelebt. Ich hab es satt.
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