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DOS & DON'TS











Illustration von Milano Chow


Vice: Wann hast du mit dem Schreiben angefangen?
Tibor:
Ich hab immer kleinere Sachen geschrieben, schon als ich Teenager war. Ernsthaft hab ich vermutlich so mit 28 damit angefangen.

Warum so spät?
Ich habe von 1988 bis ‘90 in Ungarn als Journalist gearbeitet, wegen den großen Veränderungen, die sich damals ereigneten. Nachdem das alles vorbei war, ging ich nach London zurück und hoffte, dort einen Job zu finden. Aus verschiedenen Gründen gelang mir das nicht. Ich saß also zu Hause rum und tat mir selber leid, aber glücklicherweise hatte ich etwas Geld angespart. Mir wurde klar, wenn ich mich nicht bald hinsetzte und einen ernsthaften Versuch unternahm, einen Roman zu schreiben ... na, ihr wisst schon.

Nee. Was denn?
Ich hätte Journalismus studiert, obwohl mich das eigentlich nicht interessierte. Also setzte ich mich hin und schrieb meinen ersten Roman
Under the Frog.






or ihr quälte sich eine Mutter mit Kinderwagen die Treppe hoch, beladen mit Taschen und einem schreienden Kind. Arbeiter auf dem Heimweg schlängelten sich an ihr vorbei, die Aussicht auf ein baldiges Abendessen hielt sie davon ab, ihr Hilfe anzubieten.
Die komatösen Angestellten der Londoner U-Bahn dachten nicht daran, der Mutter zu helfen. Sie würde ihnen ja auch nicht helfen. Vor zehn Jahren, als sie nach London gezogen war, hätte sie das noch getan. Unmerklich, aber dennoch spürbar, vergiftete die Stadt einen. Man parkt vor der Einfahrt anderer Leute, bedankt sich nicht, wenn einem jemand die Tür aufhält, … begeht Morde. Irgendwie erwischte es einen.

London gab einem zu verstehen, dass ein aufrichtiges Leben gar nichts bringt, nicht mal ein Glas kostenloses Wasser. Nicht, dass es einen unbedingt weiter brachte, wenn man sich schlecht verhielt. Aber es war nun mal einfacher und machte mehr Spaß—und schließlich bekam ein Berufskrimineller aus Albanien oder ein ethnischer Säuberer aus Ruanda, wenn er sich in London aufhielt, die gleiche medizinische Fürsorge wie man selber und noch dazu bessere Mieterrechte.

Man wollte kein Mensch werden, der einer Mutter, die sich in Schwierigkeiten befindet, nicht hilft. Aber man wurde einer. Ihr hatte auch keiner geholfen, als sie Hilfe brauchte. Und nun waren ihre Bereitschaft zu helfen verkümmert. Allein erziehende Mütter waren besonders nervend, weil sie so scheinheilig taten. Kaum eine von ihnen wurde diesem Anspruch wirklich gerecht. Stattdessen lebten sie entweder auf Kosten von Freunden oder Verwandten und kassierten Geld und Hilfeleistungen ab, oder sie verbockten es und bestanden dabei immer noch darauf, alles bestens zu meistern.

Draußen auf dem Fußweg kniete ein portugiesischer Junkie, während vor ihm ein feister Exorzist seine Bibel schwenkte und ihn mit Rückendeckung zweier weiterer Beschwörer mit Weihwasser besprengte.

Dem Bekehrungsversuch ausweichend, schlängelte sie sich durch Trauben von Bettlern, vorbei an Drogendealern, Schläger-typen und den vor Wut kochenden Berufspendlern. Das war Brixton. Sie lief rennend. Zu Hause anzukommen, war alles, was sie wollte. Die Unbedingtheit ihres Wunsches war schon fast beängstigend.

Sie dachte darüber nach wegzugehen. Sie dachte an fast nichts anderes mehr. Und sie hatte nicht nur darüber nachgedacht. Sie hatte Bewerbungen geschrieben. Sie war überzeugt, dass sie mehr Bewerbungen rausgeschickt hatte als jeder andere Mensch auf dieser Welt. Alle waren abgelehnt worden. Sie hatte noch mehr geschrieben. Alle abgelehnt.

Und als sie schließlich bereit war, London zu verlassen, konnte ihr Freund nicht. Harun arbeitete als Assistent in der Informations-abteilung der Türkischen Botschaft, aber als er endlich, nach drei Jahren, seine dortigen Verpflichtungen erledigt hatte und sie sich auf ein baldiges Entkommen und die Aussicht Englisch zu unterrichten und eine Familie zu gründen gefreut hatte, trennten sie sich. Sie wusste, dass sie nicht alles haben konnte. Harun furzte viel und musste in Fragen internationaler Politik immer Recht haben, aber er hatte einen Sinn für Humor und war pünktlich. Jetzt war sie wieder auf das Londoner Nachtleben ausgewiesen.

Wie sah eine Londoner Clubnacht aus? Man musste um Einlass betteln, einen ohrenbestöpselten Vollidioten passieren, und wenn man einmal drin war, hatte man darum zu kämpfen, bedient zu werden. War das geschafft, verschwand das Geld in einem Tempo, als würde man dafür bezahlt.

Den Kredit für ihre Wohnung hatte sie nur dank dem Erbe ihrer Großmutter bekommen. Ihre Großmutter war nicht wohlhabend gewesen, und sie hatte nicht viel vom Trinken, Rauchen oder reichlichen Essen gehalten, ebenso wenig von Einkäufen oder Ausflügen ins Kino—ja eigentlich hielt sie es grundsätzlich für überflüssig auszugehen. Sie spielte lieber mit alten Freundinnen Bridge und gehörte zu der Generation, die entweder arbeitete oder verhungerte. Wo immer sie hinging, ob im Urlaub oder geschäftlich, überall war es besser. Dublin, Kopenhagen, Istanbul, St. Ives, St. Petersburg, Palermo. Egal wo, es war besser als hier. Man ging in einen Laden, und der Besitzer sagte „Hallo“, anstatt darüber nachzudenken, wie viel man wohl zu klauen beabsichtigte. Alle, die sie kannte, redeten davon, London zu verlassen. Irgendwohin, wo es ruhiger war. Grüner. Sonniger. Irgendwo anders.

Als sie ihr Haus erreichte, konnte sie sehen, dass in der Erdgeschosswohnung, die Gloria gehörte, das Licht an war. Gloria, die zum Thema Slums in ärmeren Ländern promoviert hatte und in einer Wohnung lebte, die das widerspiegelte. Ihre Eltern bezahlten die Rechnungen, und Gloria hatte Sex, lautstark, mit peinlich berührten jungen Männern, die nie mehr als zweimal gesehen wurden.

In der Kellerwohnung lebten die Cooks. Ein älteres Ehepaar, das seit 40 Jahren hier wohnte und ohne Aufwand jeglichen Mythos über den Edelmut der weißen Arbeiterklasse beseitigte. Sie waren miesepetrig, stanken und konnten sich für jede erdenkliche Form der Hässlichkeit begeistern. Es machte ihnen offenbar nichts aus, in der Scheiße zu leben, denn sie taten nichts gegen den Müll, der sich kniehoch vor ihrer Tür türmte. Im ersten Jahr hatte sie die Beiden noch gegrüßt, aber sie wurde konsequent ignoriert. Zweimal hatte sie heimlich vor Ekel den Dreck vor ihrer Tür beiseite geräumt. Dann gab sie auf—geprägt von London.

Im ersten Stock wohnte Rolf. Ein älterer, gescheiterter Schauspieler, der allein lebte und nie Besuch von Freunden bekam, weil er ein bettlägeriger, selbstbezogener Miesepeter war. Und zwar ein bettlägeriger, selbstbezogener Miesepeter, der auch schon, bevor er bettlägerig wurde, ein selbstbezogener Miesepeter war. Aber wenigstens würde er nicht zu den Rentnern gehören, die man erst lange nach dem Eintritt der Verwesung fin-den würde, denn dafür war er viel zu unangenehm. Reihenweise Sozialarbeiter kraxelten missmutig, aber zuverlässig, zu seiner Wohnung hoch.

Als sie neu eingezogen war, hatte sie sich höflich Rolfs Geschichten darüber angehört, wie er in Äthiopien festgesessen hatte, als er einen Lakaien in einem Film spielte, dem das Geld ausgegangen war. Genauso geduldig folgte sie seinen Erklärungen dafür, warum er einen Billardtisch im Treppenhaus stehen haben musste—einen in voller Größe, an dem die anderen Mieter kaum vorbeikamen.

Zu seinem Glück wohnte Rolf unter ihr. Sein Bad setzte regelmäßig Glorias Wohnung unter Wasser, aber er machte keine Anstalten, deswegen ernsthaft etwas zu unternehmen. Es war faszinierend, wie jemand, der sich rein gar nicht um andere kümmerte, trotzdem Leute hatte, die sich um ihn kümmerten. Einmal hatte sie im Sommer auf einen riesigen Campingplatz in der Normandie gearbeitet und ihr war aufgefallen, dass die netten Gäste immer die fiesesten Betreuer bekamen und die netten Betreuer immer die fiesesten Gäste. Es passierte einfach nie, dass die fiesen Betreuer die fiesen Gäste und die netten Gäste die netten Kunden bekamen.

Im zweiten Stock, sah sie einen schwachen Lichtschimmer aus ihrer Wohnung kommen. Obwohl sie annahm, dass sie morgens beim Weggehen einfach das Licht angelassen hatte, gelang es ihr nicht, ein leises Angstgefühl zu unterdrücken. Dies war eine Stadt, in der alles getan wurde, um Einbrechern möglichst völlig freie Hand zu lassen.

Obwohl niemand sie beobachtete und man sie in der Dunkelheit sowieso nicht erkennen würde, kam sie sich lächerlich vor, wie sie so mit dem Schlüssel im oberen Loch herumstocherte. Sie hatte vorher nie ein Problem mit dem Schloss gehabt, aber egal, wie oft sie den Schlüssel hineinsteckte, er wollte sich nicht drehen. Nach einigen Minuten erfolgloser Versuche beschloss sie, dass das Schloss ausgewechselt worden sein musste, so konsequent, wie es sich weigerte, sich zu drehen. Hatte tagsüber jemand eingebrochen? Wenn die Schlösser ausgetauscht worden waren, warum hatte man keinen Zettel hingehängt? Sie entschloss sich bei Gloria zu klingeln, um herauszufinden, was los war.

Aus der Sprechanlage kam eine männliche Stimme.

„Guten Abend,“ sagte sie. „Ist Gloria da, bitte?“

„Hier gibt’s keine Gloria.“

CONTINUED:
ZERQUETSCHTE MEXIKANISCHE SPINNEN
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