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DOS & DON'TS











Illustration von Milano Chow


Vice: Wann hast du angefangen zu schreiben?
Niall:
Sobald ich einen Stift halten konnte, denk ich mal. Ich komme aus einer typischen Liverpooler Arbeiterfamilie. Wir hatten nie irgendwelche Bücher zu Hause. Aber es war ein Haus voller Geschichten. Ich hatte walisische und irische Großeltern, und sie haben mir oft Geschichten über den Krieg und die alten Zeiten erzählt und solche Sachen.

Gab es einen Schriftsteller, der dir den Anstoß gegeben hat, auch selbst zu schreiben?
Als ich zehn war, fand ich auf dem Flohmarkt einen Roman des walisischen Autors Ron Berry, namens So long, Hector Bebb. Er schreibt in südwalisischem Akzent, und ich erinnere mich, dass ich dachte: „Das ist toll. Die Art, wie normale Leute sprechen, in Fabriken und auf Baustellen, kann echt Literatur sein.“






lso, er ist nicht mein richtiger Sohn, nicht von meinem Blut, sozusagen, aber ich musste ihn ja wohl in die Familie aufnehmen, als ich seine Mutter geheiratet habe. Hatte ja keine Wahl bei der Sache. Du merkst gleich, dass der nicht von mir ist, wenn du ihn nur ankuckst; da ist ja an ‘nem Besenstiel mehr dran. Da reicht ein lauter Furz und den pustet es weg. Dann kann es ja wohl nicht sein, dass der was von meinem Blut in seinen Adern hat. Aber seine Mutter mags gern ein bisschen deftig, und ich hab ‘ne Schwäche für blonde, finanziell abgesicherte, geschiedene Frauen mit Titten wie ein Paar Wassermelonen; schon gekauft und bezahlt, also musst ich den Jungen wohl nehmen, als ich sie geheiratet hab. Keine Ahnung, wer sein Vater war: irgendso ein Anzugtyp, Buchhalter oder was, der nicht einen Tag seines Lebens richtig gearbeitet hat. Schlechte Gene. Jetzt ist er Teil der Familie, ob es mir nun gefällt oder nich, und letzte Woche ist er 18 geworden und ich hab ihn gefragt, was für ein Geschenk er will—und was er gesagt hat? Ein Buch. Ein beschissenes Buch! Zu seinem 18.! Will den Tag, wo er ein Mann wird, damit verplempern zu lesen! Scheiß auf sowas. Was für ein Unsinn. Komm schon, sage ich, wir gehn und trinken dein erstes Bier, den ersten legalen Alkohol als Mann. Ich sage also der Alten, dass ich mit ihm in eine Bar gehe, so auf ‘n paar Bierchen und sie ist zufrieden. Mit ‘ner halben Flasche Gin und 20 Prozent im Blut ist es auch kein Wunder, dass die dumme Kuh glücklich war.

Der Kleine wollte nicht, aber ich war ganz sicher nicht bereit, ihn so einfach davonkommen zu lassen. Er sagt, ich komme nicht mit und ich sage, und ob du das tust. Ist Tradition, sage ich: Du bist ein Teil von meiner Familie, und du wirst dich an ihre Traditionen halten. Genauso hab ich es mit meinem alten Herrn an meinem 18. gemacht und er mit seinem. Das ist dein verdammtes Erbe, Junge, sage ich. Er sagt, dass er nicht trinkt. Ich sag ihm, jeder, der mein Junge ist, trinkt, Stiefsohn hin oder her. Außerdem, bei dem Laden, wo ich ihn hinschleppen wollte, ist es fast besser nich zu trinken. Besser den Saft für später aufheben …

Also bin ich mit ihm runter zur Dock Road ins Crown. War schließlich das Donnerstagabend-Special. Wir sind rein, und die Jungs waren alle schon da, Willy und seine Brüder, Bob Thompson, alle grade erst von der Schicht gekommen und schon voll bis zum Anschlag, die ganze Bagage, und es war noch nicht mal sieben. Der Junge ist plötzlich nur noch schüchtern und nervös, aber ich schiebe seinen Arsch auf die Bank und Willy legt seinen Arm um ihn und fängt an, „Happy Birthday“ in sein Ohr zu grölen, und ich gehe zur Bar und hole uns zwei Pints und einen doppelten Wodka und gieße den Wodka in das Bier, das ich dem Jungen gebe. Er nimmt ‘nen Schluck und wird ganz grün, sieht aus, als kotzt er gleich quer über den Tisch. Ich schwöre, in dem is nich ein Tropfen Blut von mir, keine Chance. Einfach nur peinlich ist der. Der Laden ist rammelvoll, alles nur Typen, weil Donnerstag ist, heiß und stickig. Der Türsteher hat jetzt schon Probleme, den Ansturm unter Kontrolle zu halten, und es is noch nicht mal das erste Mädchen auf der Bühne. So voll hab ich es noch nie gesehn. Der Junge sieht aus wie ein verstörtes Karnickel oder so was. Der hat so was sein Lebtag noch nich gesehn. Sollte eigentlich seinen Spaß daran haben, aber stattdessen sieht er aus, als würd’ er jede Minute aufstehn und sich verpissen. Ich wollte ihm sagen, dass es nicht so locker geht, erwachsen zu werden, dass es ist nicht so gedacht ist, dass es die ganze Zeit nur Spaß macht; es ist was, was man so … keine Ahnung … ertragen muss. War bei uns allen so. Gewöhn dich dran, Junge, stell dich der Sache wie ein Mann und sei stark, wollte ich ihm sagen, aber der Lärm ist so laut, dass man kein verdammtes Wort versteht, wie es donnerstags immer so ist, und es ist auch egal, Willy hat den Jungen immer noch im Arm und singt ihm ins Ohr. Er ist rot geworden wie ‘ne Tomate, der Junge. Ist echt nicht sein Ding, der Laden. Aber immerhin hat er sein Glas leer gekriegt, und Bob steht auf und holt ihm noch eins. Ich zwinker Bob im Vorbeigehen zu, damit er weiß, dass er noch einen Schnaps reinschütten soll, und er grinst und nickt. Ist ein guter Junge, Bob. Weiß Bescheid, der Mann; hat ja dasselbe an seinem 18. auch durch. Das macht man hier mit allen Jungs, wenn sie erwachsen werden: Ihr Alter nimmt sie mit ins Crown. Die erste legale Sauftour, ein erster Vorgeschmack auf Muschis. Erbe ist das. Tradition. So einfach. Und wo wären wir ohne Tradition und solche Sachen?

Foto von Alex Sturrock


Als das erste Mädchen anfängt, hat der Junge so fünf, sechs Bier intus, und ohne es zu wissen noch einige Schuss Wodka dazu. Auf der Bühne ist das dunkle Mädchen, nennt sich Melody oder so, obwohl ihr richtiger Name Eileen ist oder so was Bescheuertes. Die hat’s drauf, aber richtig. Nicht schüchtern, sag ich mal. Inzwischen ist sie beim Schlüpfer angekommen, rote Nummer, unten offen, und macht vorne auf der Bühne Spagat, so dicht bei uns, dass du es verdammt noch mal riechen kannst, und der Junge bekommt Stielaugen, ich sag’s dir. Hat so was wie Melody im Leben noch nich gesehen. Sah aus, als würde er gleich losheulen oder so, und dann zeigen die Jungs alle mit dem Finger auf ihn und rufen 18! 18! 18! und immer so weiter, und das Mädchen, diese Melody, kommt durch die Menge direkt auf ihn zu, alle grabschen nach ihr, und sie setzt sich auf seinen Schoß und reibt ihm die Titten ins Gesicht, wie sie es so machen und dann steht sie auf und schleppt den armen Jungen zur Bühne. Zerrt ihn an der Hand, hat echt Kraft, das Mädel; der arme Kerl hat keine andere Wahl, als ihr zu folgen. Weil, ihre Arme sind doppelt so dick wie seine. Die Menge kocht und er steht da oben und pisst sich fast in die Hose. Tat mir fast ein bisschen leid, der Junge, aber ernsthaft, er ist 18, er ist ein Mann; muss schließlich lernen, sich wie einer zu verhalten. Solche Sachen tun manchmal weh; das muss er lernen. Ist keine Kaffefahrt, ein Mann zu werden. Man muss nur mich anschauen: Drei Frauen in zehn Jahren, das ist kein Vergnügen. Scheidung ist eine verdammt unschöne Angelegenheit, das kannste wissen. Man hört auf, ein Kind zu sein und schon wird alles verflucht kompliziert. Nichts ist einfach in dieser Welt. Kann man sich drauf verlassen. Das muss man einfach kapieren. Man braucht nur jemand, der einem da durch hilft.

Sie zieht ihm die Hose runter. Knöpft sie auf und lässt sie einfach runterrutschen und die Unterhose auch, und da steht er nun, und zittert rum ohne was an und schwankt vor Angst oder vom Suff oder beides, mit so einem verschrumpelten Wurm-Ding zwischen den Beinen, vor aller Augen. Schlimm! Verdammt schlimm! Und diese Melody, die nimmt seinen Schwanz und zeigt ihn der ganzen Meute, und die drehen noch mehr durch, machen sich in die Hose vor Lachen, und der Junge fängt an zu heulen, steht einfach da mit runtergelassener Hose. Was für eine Erniedrigung, nicht mit anzusehen. Alle lachen ihn aus, und Melody schmeißt ihn um, so auf den Rücken, mit den Füßen zum Publikum und klettert auf ihn drauf und versucht ihn zu vögeln, wie ich gesagt habe, die ist nicht schüchtern, aber im Ernst … es ist, als ob sie versucht, ein wabbeliges Gummibärchen in eine Parkuhr zu schieben. Einfach nur peinlich. Bob und Willy und der Rest der Jungs haben einen Lachkrampf, und ich steh auf und ruf dem Jungen zu, er soll’s ihr für mich geben, aber da geht gar nichts. Ich schwör’s, bestückt wie eine chinesische Maus, der Junge. Saupeinlich. Und ich werde mich sicher nicht so zum Affen machen lassen, also sage ich „Scheiß drauf“ und gehe selber auf die Bühne. Melody sitzt mit dem Rücken zum Publikum und kann mich nich sehn, und ich bring mich hinter ihr in Stellung. Der Türsteher kommt rübergewalzt, aber er kommt nicht durch, und ich steck sowieso sofort in ihr drin bis zu den Eiern. Muss dem Jungen ja zeigen, wie’s geht … Klar muss ich. Bisschen meine Ehre verteidigen. Saupeinlich das Ganze. Stiefsohn oder nicht, man bringt ihn mit mir in Verbindung, und ich hab ihn hergebracht. Wie steh ich dann sonst da? Melody kniet auf allen Vieren über dem Jungen, und ich besorgs ihr ordentlich von hinten, so heftig, dass es sie nach vorne schiebt, und ich merke erst zu spät, dass wir dem Jungen nun direkt über dem Gesicht hängen. Er liegt ja immer noch flach auf dem Rücken auf den Brettern und heult wie ein Baby. Der hat nicht einen Tropfen von meinem Blut, ich schwör’s. Aber egal, er liegt noch in derselben Position, und ich kann ja nichts dafür, wo ich beim Rausziehen hinspritze. Konnte ich nicht ändern. Dürfte dem Schlappschwanz eine Lehre sein, hoffe ich. Wenn’s dich umhaut, steh wieder auf. Ende der Lektion. Ganz einfach. Wenn du ihn nich hochkriegst, mach, dass du wegkommst, aber zack, zack. Der Junge muss noch einiges lernen, ohne Scheiß.

Also gut, ich war fertig, hab mein Ding durchgezogen und mich dann verdrückt. War mir zu peinlich, da noch länger rumzuhängen, wo jeder dachte, er ist mein Blutsverwandter. Gedemütigt, das war ich. Bin ein paar Tage auf Sauftour gegangen, komme mit einem Höllenkater nach Hause, und sie legt los: Was hab ich mit ihrem Sohn gemacht, ist völlig fertig, kommt nich aus seinem Zimmer, hat sich eingeschlossen und so eine Scheiße. Das war vor ungefähr einer Woche, und ich hab den Jungen noch nicht wieder gesehn. Weiß auch nicht, ob ich so scharf drauf bin fürs Erste, um ehrlich zu sein; ich mein, was für ‘ne verdammt peinliche Geschichte war das denn! Kein Sohn von mir kriegt ihn nicht hoch. Versucht man ein bisschen von seinem Erbe weiterzugeben, versucht sie mit einzu-beziehen, sie in die Familiengeschichte einzubinden und was passiert? Was hat man davon? Einen Haufen Ärger, das hat man davon. Dass dich in der Werkstatt alle auslachen. Bei seinem nächsten Geburtstag, wenn wir da beide noch hier sind, kriegt er sein beschissenes Buch, das schwöre ich. Ich wünschte, ich hätte mir nicht die Mühe gemacht, ehrlich gesagt. Eine einzige Nullnummer, das war’s. Einfach peinlich.

NIALL GRIFFITHS


Vice: Hast du die Geschichte in Liverpooler oder Waliser Dialekt geschrieben?

Niall:
Irgendwas dazwischen, denk ich mal. Liverpool ist ja nicht weit von Wales.

In Großbritannien scheinen alle permanent besoffen zu sein.

Ja. Hier trinkt man auf eine hysterische und verzweifelte Art. In jeder Stadt ist am Wochenende nachts die Hölle los.

Es gibt den unbedingten Willen, diesen Eifer, sich jedes letzten Fetzens von Würde zu entledigen. Und in der Gosse zu landen: Die Frauen mit raushängenden Titten in einer Kotzlache, und die Männer, indem sie sich gegenseitig verprügeln oder den Schwächsten fertig machen. Samstagnacht in der Stadt ist der Horror.