Der „Straßenjunge“ hat ein neues Album, Alta! Selbst der BRAVO-Abgesandte bei der Pre-Listening-Session hat verzückt in die Patschehändchen geklatschtdann muss es ja gut sein. Hat aber auch ordentlich Hit-Potenzial, Alta! Dicke Produktion, viel Humor, unerwartete Features mit Pierre von Seeed und ein obligatorisches Ami-Feature für die Credibility mit Smif-N-Wessun. Sido kann sogar ernst sein, wenn er will. Meistens will er aber nicht, nur in dem Song über seinen Sohnemann und in seinem gerappten Testament. Er kann auf dem Klo schon mal Platz für die nächste Goldene machen. Amen, Alta!
DAN YO
BESTES ALBUM DES MONATS
CLINIC
SCHLIMMSTES ALBUM DES MONATS
P. DIDDY
BESTES COVER DES MONATS
BLOOD BROTHERS
SCHLIMMSTES COVER DES MONATS
DANITY KANE
FIVA & RADRUM
Kopfhörer Kopfhörer Recordings
Vergiss die Pisa-Studie. Ein viel verlässlicherer und kostengünstigerer Indikator dafür, wie dumm dieses Land wirklich ist, wäre der direkte Verkaufszahlenver-gleich der beinahe gleichzeitig erscheinenden neuen Alben von Sido und Fiva & Radrum. Vulgärer Dienst an der Zielgruppe gegen pointierten Wortwitz. Massive Brachialbeats und Sample-Kitsch gegen old school Beat-Purismus und subtile Produktionskniffe. Rap-Verfall gegen Rap-Bewusstsein. Holzhammer gegen Raffinesse. Leistengegend gegen Herz. Wir alle ahnen, wie dumm dieses Land wirklich ist. Wir fürchten uns allerdings ein wenig vor der Gewissheit. Wir hoffen, dass wenigstens du zu diesem Album findest. Es lohnt sich.
HUSTLER KEATON
P. DIDDY
Press Play Bad Boy/Atlantic
Wann wird diese widerliche spackige Weichflöte endlich aufhören, seine und unsere Zeit zu verschwenden und aus dem Musikgeschäft zurücktreten? Wenn er in seine Texte nur halb so viel Zeit investieren würde wie für das Posen auf den Coverfotos und im Booklet, dann hätte er es vielleicht, nur vielleicht, vermeiden können, für eines der belanglosesten Alben aller Zeiten verantwortlich zu sein.
SUSAN GROWLER
LUDACRIS
Release Therapy Def Jam/Mercury
Ich weiß nicht, warum dieser Typ nur dann anständiges Zeug abliefert, wenn er auf anderer Leute Tracks zu Gast ist. Mittlerweile ist er bei Album Nr. 5 angelangt und immer noch kein Stück besser als auf seinem Debüt Back for the First Time. Abgesehen von „Grew Up A Screw Up“ gibt es nicht viel, worüber man reden könnte, es ließe sich höchstens über die Logistik seiner neuen Frisur diskutieren oder darüber, warum er bisher noch nicht die große Platte gemacht hat, von der wir wissen, dass sie in ihm steckt.
YOUNG TWIZZLE
DANITY KANE
Danity Kane Bad Boy/Warner
„Diddy, you once said you have the ‚Midas Touch‘ being that ‚everything you touch turns to gold‘ ... Well, I certainly feel like gold!“ (Aubrey Kane)Hat irgendjemand geglaubt, die R’n’B-Retorte, die P. Diddy öffentlich in Making The Band zusammengewürfelt hat, wird von Talent, Ausdruck und Looks zusammengehalten? Nein, es dreht sich alles um den Gefügigkeitsdienst am Produzenten. Darin sind Danity Kane so gut, dass ihre Produzenten alles andere vergessen. Insbesondere die Beats.
HUSTLER KEATON
SLEEPY BROWN
Mr. Brown Purple Ribbon/Virgin Music
„Ich wollte ein Album für die Frauen machen“schön blöd und in null Komma nichts schon die Hälfte potentieller Plattenkäufer vergrätzt. Außerdem geht es bei Mr. Browns Vorstellung von R&B fast ausschließlich ums Pimpern. Das ist ohne das starke Geschlecht zwar auch möglich, aber natürlich nur halb so schön. Ob Sleepy die Mädels mit seinen geschmachteten Schweinereien („I’m on top of you, you are under me/there’s no place in this world I’d rather be“) jedoch wirklich zu multiplen Orgasmen trällert, sei vorerst dahingestellt. Trotzdem: Mit Outkast- und Neptunes-Verstärkung gehen einem bei vorliegender Organized Noize-Produktion tatsächlich Herz und Hose auf. Dennoch ist das Zeug hier eher was für Kuschelpartys, Gangbang klingt anders.
Hat Label-Boss Staiger seine geliebte Rock’n’Roll-Attitüde diesmal also zum Compilation-Thema gemacht. Spitze. Dabei bleibt man in etwa so innovativ, als hätte man einen Rocksong mit Gitarre aufgenommen: Sex, Drugs, Randale, blutige Fleischphantasien und Ferkeleien mit den Müttern eurer Lieblingsrapperso die Ordnungspunkte. KIZ rocken mit unspektakulärer Ausschussware vom Grabbeltisch, Staiger macht auf Blixa Bargeld des Rap und die Rhymes von Proll-Püppi Catee sind so brauchbar wie ein Fahrrad im Zwölffingerdarm. Rock’n’Roll is dead, jetzt ist es wenigstens offiziell.
DAN NY KREVITZ
ARTIST UNKNOWN
Present Datapunk
Das ist Electro de luxe. Unglaublich gute Platte des extrem geheimnisvollen Berliner Duos, das seine wahre Identität lieber verbirgt, anstatt all den Ruhm abzugreifen, den es verdient hat. Dabei sollte einer von euch für uns vor ihnen auf die Knie gehen, um sich angemessen für diesen formvollendeten Brückenschlag von den Achtzigern ins Jetzt zu bedanken.
MARK MANDEL
PONI HOAX
Poni Hoax Tigersushi
Man weiß, dass ein Album nur schlecht sein kann, wenn sogar das beiliegende Presse-Info mit verlogenem pseudo-poe-tischen Geschwafel wie, „sie entfachen das Feuer einer schillernden musikalischen Flamme, gespickt mit infektiösen, beinahe tödlichen Melodien“, daherkommt und die Band selbst als „dekadenten Morrissey“ bezeichnet. Morrissey irgendwas, ob dekadent oder anders, kann niemals, niemals etwas sein, womit man gerne verglichen wird, klar? Das ist ja, als säße man in der Wohnung seines Chefs beim Abendessen und würde seiner Frau beteuern, dass das Tiramisu wie Pferdescheiße schmeckt, in der falschen Annahme, man würde ihr damit ein Kompliment machen. Man nehme noch ein nacktes Girl mit einer Eule (Hallo! Gefährlich!) aufs Cover, und alles weist auf eine GROSSE FETTE KATASTROPHE hin. Überraschenderweise gefiel mir die Musik ganz gut. Widersprüchlich? Moi?
NEALE LYTOLLIS
SUICIDE INSIDE
Learn To Swallow Invasion Wreckchords
Unsere Freunde aus Minsk treten an. Kalter Schweiß und Waffen im Club. Im CD-Inlet befindet sich eine Rasierklinge. Köpfe knallen auf Beton. Irgendetwas, ein Schraubenzieher, fräst sich in deinen Oberschenkel. Tanzt, bis ihr verreckt! Zerstörung ist die einzige Lösung, ob Gucci-Filiale, Pulsader oder weniger Greifbares. Egal, was danach kommt, es lohnt sich auf jeden Fall.
LYDIA MITTAGESSEN
JEANS TEAM
Kopf Auf Louisville
Es passiert so oft, dass man das Radio anmacht oder den Anfang eines Tracks im Club hört und ganz begeistert ist von den krachenden Gitarren, den spastischen Drums und den Boom-Boom-Basslines, nur dass der ganze Effekt komplett ruiniert wird, weil jemand anfängt, auf deutsch zu singen. Ich fürchte, diese Sprache ist nicht dafür gemacht, in Songs verwendet zu werden … nicht mal in diesen lächerlichen Schlagern. Sogar Deutsche denken, dass deutsche Songs Müll sind. Glücklicherweise haben Jeans Team das wundersame Talent, uns vergessen zu lassen, dass sie nur auf deutsch singen, weil ihr Mischmasch aus Rock, Elektro und Belle-and-Sebastian-Pop so wohltuend ist. Wenn da Heino plötzlich als Gastsänger auftauchen würde, man könnte nur weise ni-cken und ihre Einstellung loben.
NEALE LYTOLLIS
T.RAUMSCHMIERE
Random Noize Recordings Vol. 1 Shitkatapult
Erinnert sich noch jemand an Alphabetti Spaghetti? Man bekam einen Teller davon und suchte dann den Rest des Essens vergeblich nach dem einen fehlenden Buchstaben (in meinem Fall ein Y). Tja, dieses Album ist so ähnlich. Man hört es sich bis zum Ende an, um herauszufinden, was der Sinn ist, nur um dann feststellen zu müssen, dass es keinen gibt. Aber ein fehlendes Y hat mich nicht daran gehindert, Alphabetti Spaghetti trotzdem zu mögen.
NEALE LYTOLLIS
V/A
Collection 01 Dirt Crew/Players Paradise
Collection 01, die massive Kopf-an-Kopf-Kollision zweier Berliner Labels, ist eine essentielle Einführung in die Welt des gnadenlosen Minimalismus der Dirt Crew, angeführt vom etwas unpassend benannten Break 3000. Mit zehn durchgängigen Dancefloor-Bangern ist die Dirty Crew-Seite definitiv für den frühen Morgen. Die Zusammenstellung von Players Paradise liefert eine von rarem Italo beeinflusste Auszeit, gibt aber auch gut Gas. Vorsicht.
DR. MCAWESOME
KILL SWITCH ENGAGE
As Daylight Dies Roadrunner
Einer Band, die das Stromlinienförmige ihres pathetisch-kitschigen Chartsmetals damit entschuldigt, dass sie ein nicht zu unterdrückendes Faible für Pop-Songwriting unterhält, sollte man Slayer-, Napalm Death- und At The Gates-Platten um die Ohren hauen, bis ihnen darin das Wort Metal wie ein ewiger Tinnitus widerhallt. Gib mir mal das Tokio Hotel-Album, ich brauche was mit Integrität.
GROWLKEEPER
BLOOD BROTHERS
Young Machetes Wichita
Das ist die Art von Band, die richtig Hype werden könnte für ihre groovigen Schnipsel und diese junge, dünne angsty-indie-angsty-nervy-angsty-kantige Angstitiness, du weißt schon, zwischen den Screamo-mäßigen Parts. Man kriegt also den perfekten Mix, der die tanzwütigen Scenesters und die Fans der ersten Stunde versöhnt. So viel menschliche Ahnungslosigkeit, Konformismus, Angst und Elend auf dem Weg bis zur eigentlichen Platte. Musik ist schön, aber das Leben ist schrecklich.
THRONE OF ZBALE
INCANTATION
Onward To Golgotha Relapse
Das klingt jetzt vielleicht arrogant, aber wenn du Incantation und ihr Vermächtnis von brutalem Death Metal nicht kennst, dann hör bitte auf rumzustehen und geh dir die Haare kämmen oder so. Versteh mich nicht falsch, ich bin kein Incantation-Experte. Ich war noch nie ein Death-Metal-Fan. Ich komme vom Punk, hab dann eine Menge Heavy Metal und etwas Trash gehört, Death gewissermaßen übersprungen und bin gleich zum Black Metal übergegangen. Die Leute, die echte Incantation-Fans sind, behaupten, sie hätten zuvor viel bessere Alben gemacht. Das ist spannend, denn beim Hören bekomme ich das Gefühl, hier etwas Wesentliches auf meinem Weg verpasst zu haben. Etwas zu entdecken, das schon die ganze Zeit da und absolut großartig war, ohne dass man es mitgekriegt hat, ist fast genauso toll, wie dabei zu sein, wenn etwas Neues geboren wird. Und ich war mehr als einmal dabei, Kinder.
DE FINNES OVERDRIVE
XASTHUR
Subliminal Genocide Hydrahead
Eine der zentralen Figuren des zeitgenössischen Black Metal, Xasthur (die Ein-Mann-Band eines Amerikaners namens Malefic), ist derart respektiert, dass ein cooles Label wie Hydrahead, wo man so was normalerweise nicht veröffentlichen würde, mit Stolz sein neues Album präsentiert. Es geht dabei nicht um Geschwindigkeit oder darum, böse zu klingen. Es befindet sich auf einem ganz anderen Level, wo Atmosphären erzeugt werden und Einflüsse und Traditionen aus der gesamten Geschichte des Black Metal verar beitet und erweitert werden, was dann ab und zu wirklich majestätisch und verstörend zugleich klingt. Es erinnert daran, dass die „dunkle Seite“ nicht das Territorium verpickelter Kids in übergroßen T-Shirts ist, sondern etwas, das jede Art von großer Kunst versucht zu thematisieren und einzufangen. Es ist immer noch nicht so gut, wie ich erwartet hatte, aber ich bin auch nur ein verachtenswertes Würmchen.
HULTZA VETAKLIT
HORNA
Ääniä Yössä Debrmur-Mortis/Twilight
Black-Metal-Fundamentalismus wie dieser hier ist in neun von zehn Fällen völlig langweilig. Horna machen das, was alle anderen „true“-Bands machen, sind aber eher die Midtempo-Variante mit langen Songs, das ist erstmal ganz gut. Sie klingen, als hätten sie sich selbst auf einem Kassettenrekorder im Schlafzimmer aufgenommen, was natürlich Teil des Konzepts ist, und heutzutage bedarf es einer verdammten Anstrengung, um so scheiße zu klingen. Konzeptionell gesehen, ist es also eine Lüge, denn damals entstand dieser Sound aus Notwendigkeit und Dringlichkeit, er wurde nicht absichtlich gewählt. Horna sind also im Prinzip so nostalgisch wie einer dieser Hits der 80er-Touren mit Bands wie T’Pau. Aber es ist ein cooles Album. Finde es selbst raus.
SHNEY KUNI LEMEL
THE HOPE CONSPIRACY
Death Knows Your Name Deathwish
Erinnert sich jemand an die Zeit als diese Band cool war? Ich meine, so richtig cool? Irgendjemand? Ist schon ein Weilchen her, nicht wahr? Auf dem neuen Album hetzen sie gegen die Kajal-verschmierten Scheitelschwuchteln, mit denen sie alle paar Tage auf einer Bühne stehen („You’re a fucking disease“) und lassen Dwid Integrity Verse wie „Sin before thy name in vain/Cursed deceit splinter in shame“ über ihren mittlerweile wieder ganz passablen New School Hardcore würgen. Nichts weswegen man sich vor Aufregung in die Hosen machen müsste, aber immerhin zeigen sie guten Willen.
BLACK HAIRED EMO BOY
HEAVY HEAVY LOW LOW
Everything’s Watched, Everyone’s Watching Victory
Doppelte Dopplung im Bandnamenlustig. „Originelle“ Songtitel („Texas Chainsaw Mascer-uh“)lustig. Breakdown-durchpflügter Mathcorelustig. Irgendwie ist das alles für fünf Minuten ganz lustig. Nach fünf Minuten von deren lustigem Mathcore wünscht man sich aber doch in den Math-Unterricht zurückder war auf Dauer weniger langweilig.
KLASSENPRIMUS
UZI & ARI
It Is Freezing Out Own Records
Wenn Ben Shepard, der Sänger dieser Band, die Langeweile mit seinem Falsettgequengel streichelt, dann zuckt es uns unweigerlich in genau dem Bein, mit dem wir Thom Yorke gerne dafür in den Hintern treten würden, dass er Autisten-Singsang in seinem Genre verbreitet, als wäre es ein hartnäckiger Tripper. Wir passen besser auf, wohin wir treten.
RADIOHEAD NO MORE
OASIS
Stop The Clocks Big Brother/Sony BMG
Ihr alle schätzt Vice erbarmungslosen Enthüllungsjournalismus. Zugegeben: dazu, eine Oasis-Best-Of als kolossal überflüssig zu entlarven, gehört nicht viel. Was Noel wohl dazu sagen würde? Vermutlich würde er im Morgenmantel auf die Veranda eines seiner zahlreichen Anwesen treten, sich am Hintern kratzen und Ausschau nach einem edlen Gehölz halten, um an dessen Fuß seine Morgentoilette zu verrichten, gerade so als lägen eben dort alle altklugen Musikkritiker der Welt versammelt. Oasis müssen keine Platten mehr verkaufen. Oasis werden nie wieder ein relevantes Album veröffentlichen. Oasis müssen für diese Zweitbis Drittverwertung ihrer alten Schinken noch nicht einmal Bonustracks freigeben. Oasis sind trotz allem immer noch die beste Band der Welt. Hands fucking down.
SUPERSONIC ME
AUDREY
Visible Forms Sinnbus
Junge, anmutige, zarte, schwedische Mädchen voller Gefühl. Klingt nach Höchstnote, nicht wahr? Wir korrigieren dennoch auf eine solide Acht, weil man sich durch uneingeschränktes Interesse bei den Mädchen selber schnell uninteressant macht. Klingt paradox, aber hey, ich habe die Regeln nicht gemacht. Eine Acht sollte gerade genug sein, um sie Backstage besuchen zu dürfen, wenn sie demnächst hier in der Nähe spielen. Eine Acht ist genau richtig. Ihr zauberhafter, wehmütiger Dreampop in der kleinen Nische zwischen Azure Ray und Pony Up ist aller-dings auch kein bisschen weniger wert. Das aber nur nebenbei.
I LOVE GIRLS IN TIGHT PANTS
MILBURN
Well Well Well Mercury/Universal
Schon wieder so ein jugendlicher Libertines-Ableger aus Sheffield, der sich vorgenommen hat, den fast schon zu Tode gehypten Arctic Monkeys-Kollegen musikalisch den mit Vorschusslorbeeren zugepflasterten Arsch zu versohlen. Gerade mal 20 Lenze zählt das älteste Milburn-Mitglied, doch kurzerhand wurde Pubertät gegen Plattenvertrag getauscht, und das Ergebnis kann sich wirklich hören lassen. Derbe Songs, derbe Scheibe, derbe Band. Well, well, well. Die Indie-Discos dieser Welt werden einen Altar dafür bauen.
GREAT BRIT DAN
V/A
New York Noise Vol 3 Soul Jazz Records
Je länger die Faszination für Postpunk anhält, desto mehr Labels werden anfangen, mal etwas tiefer nach den obskureren Sachen aus den Hochzeiten des Genres zu graben. Natürlich, Soul Jazz (lass dir von dem Labelnamen keine Angst machen) haben das gemacht, bevor alle anderen und du, ja du, überhaupt wussten, wovon zur Hölle ich hier spreche. Ich habe Monitorpop vor mehr als zwei Jahren vorgeschlagen, eine Compilation mit israelischem New-Wave und Post-Punk zu veröffentlichen, aber das Material war ihnen nicht groovy genug oder so, auch wenn sie immer noch behaupten, dass sie es machen wollen. Ich habe da wirklich spannende Sachen gesammelt, falls du also interessiert bist, dann schick ‘ne Mail ans Büro.
THE NEW GONDRY SUCKS
CLINIC
Visitations Domino
Die schon wieder. Der etwas andere Ritt auf einem hochgespritzten Kampfkaninchen, unterbrochen von Momentenselig mit dem Gesicht im Staub. „Der Sänger klingt wie der von Placebo“, ruft die Praktikantin ungefragt aus dem Off. Schwachsinn. Roky Erickson, The Fall und die Country Teasers gehen in Amsterdam einen saufen, so ungefähr muss man sich das vorstellen. Paralleluniversum-Punk also, der pluckert, kratzt und bombt. Trotzdem oder deswegen ist er eingängig und sogar tanzbar. Kaputtes Zeug für kaputte Zeiten halt. Davon gibt es nie genug.
JOHANNES BARES
JOMI MASSAGE
From Where No One Belongs, I Will Sing... Morningside Records
Jomi Massage war ein Massagegerät aus den frühen 60ern und mit solch einem lüsternen Objekt als Inspirationsquelle könnte man hier ein Album voller anzüglichem Trash und Zwinker-Zwinker-Kicher-Kicher-Anspielungen erwarten, was aber gar nicht weiter von dem delikaten, sensiblen Meisterwerk entfernt sein könnte, welches uns hier vorliegt. Der Opener „Redwinelips“ ist smooth wie heißes tropfendes Karamell und von hier bahnt sich das Album seinen Weg durch verträumte, Piano-dominierte Balladen wie „Be Brutal“ und „What to Pass On/What to Keep“, zu zackigerem Material wie „High Heels Acending“ und dem militaristischen „A Detail“. Der Vergleich mit den Dresden Dolls kommt zweifellos groß und schnell daher, aber das ist nichts Schlechtes. Sollte das musikalische Genre „Dänische Melancholie“ bisher noch nicht existiert haben, dann tut es das ab sofort.
NEALE LYTOLLIS
MEN WOMEN & CHILDREN
Men Women & Children
Inkubator/Soulfood
Als würden N*Sync jetzt Discopunk machen. Das ist ganz offiziell die beste Boyband ever. Kommt jetzt noch Synchrontanz?
JC CHASEZ
THE WALKMEN
A Hundred Miles Off
Talitres
Hier ist ein Haufen Amerikaner, die amerikanische Musik in Amerika spielen. Es ist sehr nett. Man kann diese CD einem Mädchen vorspielen, das man nach Hause eingeladen hat, um ihr zu zeigen, dass man irgendwie sensibel aber trotzdem keine Pussy ist. CDs zu verwenden, um flachgelegt zu werden, ist aber keine Praktik, die notwendigerweise für sich alleine funktioniert. Zusätzlich sollte man wahrscheinlich hygienisch sein (außer sie ist ein schmutziger Punk, dann ist es wohl besser, ihr etwas Sakamerdes vorzuspielen), lustig (außer sie ist ein Goth, in welchem Fall man sie sowieso nageln wird) und vielleicht irgendwie attraktiv. Wenn du die drei Kriterien auf dieser Liste erfüllst, schmeiß diese CD rein und du wirst vielleicht Sex haben. Obwohl ich das nicht wirklich wissen kann.
AVERAGE HOMEBOY
TO LIVE AND SHAVE IN LA
Noon & Eternity Menlo Park
Diese kleine Meditation über die Lage der Nation, die keinen Spaß macht und nicht schmeckt, muss man nicht verstehen, sondern einfach auf sich wirken lassen. The real Avantgarde is smiling. Ja. In den besten Momenten allerdings bleibt sie fröhlich und tödlich im Hals stecken und erzeugt Blutgerinnsel im Gehirn des Feindes. Ihr müsst euch das so vorstellen: Das hier hat bei Idioten und Arschlöchern den gleichen Effekt wie dieser Country-Song bei den Aliens aus Mars Attacks! Versprochen.
ANTON KLIPPENSTADT
AKRON / FAMILY
Meek Warrior Young god Records
Wahrscheinlich eine der besten Bands dieser neuen amerikanischen Psyche-Folk-Szene. Sie wurden von Michael Gira von Swans entdeckt und sind nun nicht nur auf seinem Label, sie waren sogar die Backing-Band für seine Angels of Light. Also: 1.) Scheiß auf diesen ganzen fromm religiösen Mutanten-Gospel-Kram, und 2.) Die wirklich schrägen, fast schon leiernden Parts und die wirklich anständigen (aber trotzdem Outsider-) Folk-Parts sind der Hammer.
DIANE LANE’S COPY OF ACE OF SPADES
WEIRD AL YANKOVIC
Straight Outta Lynwood: SonyBMG
Ob das witzig ist, wissen 8-jährige Amerikaner am besten. Auf ihren kleinen Schultern lastet die Popkultur. Diese Platte impliziert, dass Bobby Conn eigentlich ein Intellektueller ist. Das Fleisch gewordene Mad-Heft ist wieder da. Wie immer mit allerlei Hit-Verhohnepipelungen und mehr über und für den Pancreas. Wer das braucht? Nun ja: Der Mann hat Platinstatus. Es gibt auch Menschen, die schauen zehnmal Der Schuh des Manitu. Magisch wird es natürlich da, wo Original und Imitat verschmelzen: „Die Tiere draußen blickten von Schwein zu Mensch und von Mensch zu Schwein, und dann wieder von Schwein zu Mensch; doch es war bereits unmöglich zu sagen, wer was war.“
PINKEL PIPI HERMANN
THE RESIDENTS
Tweedles! Mute
Ich weiß nicht, ob mich das langweilt oder völlig verstört. Leider kann ich kein ernst-haftes Review verfassen, da ich hier eine unnatürliche Resistenz verspüre. Die Residents sind Kult, und ich spucke auf all die Parasiten, die meinen, auf Institutionen spucken zu können, weil sie denken, das wäre Punkrock. Es ist knifflig mit den Residents, für ein ungeübtes Ohr mögen sie klingen wie lauwarme Avantgarde, die sich Richtung nirgendwo bewegt. Aber sie haben immer so was Schauriges und Verkrümmtes an sich. Etwas, das in diesem zerbrechlichen Moment meines Lebens zu viel für mich ist. Ich traue mich nicht mal, die Clowns und Penisse auf dem beachtlichen Cover anzusehen. Kann das bitte mal jemand wegtun. Ich fühle mich unentspannt. Lasst mich in Ruhe.
HALEVAY SHEANI YAMU
DDAMAGE
Shimmy Shimmy Blade Tsunami-Addiction
French Micromusic goes US Indie Hip Hop, Namedropping würde ungefähr fünfundfünzig Leser erfreuen, lohnt also die Schreib-Arbeit nicht. Lieber was für die Massen, vielleicht ähnlich möchtegernan-eckend wie der Name des Labels: Die Alliierten kehren zurück, um mit den Partisanen im Schulterschluss den Musikfaschismus auszumerzen. Kämpfend gegen die Schweine, als Mensch für die Befreiung des Menschen, revolutionär im Kampfe, bei aller Liebe zum Leben: den Tod verachtendas nenne ich: dem Volke dienen.
MARTIN L. KÖNIG
In Latvia they play a game called Top Shelf where you climb to the highest spot in the room and jump on passed out people. This guy should thank his lucky stars our culture is so advanced we’re satisfied with a few casual drool jokes.
Enough with these fucking LARP jackets. Dude, you do not look like a hitman who only comes out at night. You look like an Australian farmhand who drinks too much.