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DOS & DON'TS












Foto von Christoph Voy




Diese Stadt hat sich in den 14 Jahren, die ich hier lebe, sehr verändert—mein Leben hingegen kaum. Ich fühle mich hier wohl, in dieser Kirche und in dieser Nachbarschaft. Natürlich sind die Gemeinden kleiner geworden. Vor ein paar Jahren wurde diese Gemeinde mit einer aus der Nähe, aus Angermünde, zusammengelegt, um Geld zu sparen. Also muss ich jetzt jede Woche zwei Predigten halten. Aber es ist in Ordnung, weil ich in dem Haus dort übernachten kann. Alle Kirchen in Deutschland haben gerade ein Problem mit der Anzahl an Kirchgängern. Es ist ein bekanntes Symptom der modernen Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass Schwedt arm ist. Vielleicht hat es was mit der Wirtschaft zu tun, aber ich denke, der wahre Grund ist eine Art spiritueller Armut in unserer Kultur. Aber ich ärgere mich nicht darüber. Warum soll ich mich ärgern?



eine Kirche ist voll mit Polen. In den letzten Jahren sind ein paar polnische Familien nach Schwedt gezogen, und die sind alle katholisch. Um ehrlich zu sein, sind die Polen katholischer als die Deutschen. Es scheint, dass der Glauben dort stärker ist. Es ist ein bisschen so wie mit allem—Benzin, Zigaretten. Die Leute in Schwedt gehen lieber über die Grenze, wenn es um kirchliche Dinge geht. Die Kirche hat bessere Beziehungen mit den polnischen Kirchen hinter der Grenze als mit den Schwedtern. Manchmal führen wir interkulturelle Hochzeiten durch. Das bedeutet, dass ich da rüber muss, um mir eine Predigt anzuhören, die ich nicht verstehe. Totzdem ist das immer noch leichter, als die Leute in Schwedt zu motivieren. In den letzten zehn Jahren haben wie eine Reihe von Projekten ausprobiert—Kindertagesstätten, Jugendinitia-tiven und all die Sachen, die die Protestanten so machen—aber es hat alles 'ne Menge Geld gekostet und am Ende schien es das nicht wert. Die jungen Leute sind einfach nicht gekommen, und die, die es doch taten, waren in der Regel aus dem Mittelstand und hatten nicht dieselben Probleme, wie die Armen. Mir ist klar, dass es für einige der Arbeitslosen in Schwedt sehr schwierig ist und auch in meiner Gemeinde gibt es Arme. Und ich hoffe, dass sie zu mir kommen, wenn sie Probleme haben. Ich muss aber sagen, dass sie nicht sehr oft zu mir kommen. Ich glaube nicht, dass die Kirche noch für solche Dinge da ist. Ich bin für die spirituelle Seite ihres Lebens verantwortlich.

Wir haben eine Jugendgruppe mit neun Mitgliedern. Acht davon sind Mädchen, und der einzige Junge hat lange Haare. Sie treffen sich jede Woche und unternehmen verschiedene Aktivitäten. Ich organisiere das nicht. Letzte Woche hatten sie einen DVD- und Pizza-Abend und manchmal machen sie irgendwelche Spieleabende. Und sie haben Themenabende, wo sie die Rolle der Kirche in der heutigen Gesellschaft diskutieren. Ich bin froh, dass sie das machen. Ich finde es sehr gut. Manchmal kommen Teenager aus der Gemeinde zu mir, wenn sie reden wollen, und ein paar von ihnen sind ruhig und schüchtern, andere wiederum plappern einfach über alles, was ihnen in den Kopf kommt. Aber über die Arbeitslosigkeit reden sie nicht. Nur die üblichen Teenagerprobleme, die wir alle hatten. Ich glaube nicht, dass sich die Jugendlichen, die in die Kirche kommen, so viele Gedanken über die Wirtschaft machen. Es scheint ihnen egal zu sein. Die meisten von ihnen wollen einfach aus Schwedt weg. Ich glaube, es geht ihnen gut. Ich mach mir keine Sorgen wegen ihnen.

KONRAD RICHTER