Foto von Nina Werner




ARCEL Ich wüsste nicht, wo ich wäre, wenn meine Freundin nicht gewesen wäre. Ohne meine Süße wäre ich echt verloren. Die hat mich vor dem Schlimmsten bewahrt. Also, nicht dass es mir jetzt richtig gut gehen würde, aber mit ihr geht es mir schon viel besser.

Früher bin ich richtig mit Glatze und Stiefeln durch Schwedt gelaufen. Jedem Zweiten, der mir nicht gefallen hat, habe ich auf die Fresse gehauen. Wir haben gesoffen und hatten echt Spaß. Das hat sich heute alles geändert. Es ist viel ruhiger geworden. Die ganzen Mode-Nazis sind weg, die sind jetzt Hip Hopper oder auch linke Assis geworden. Ich habe mir einfach nur ein bisschen Haare wachsen lassen, mehr nicht. Das ist für uns auch echt gefährlich geworden, weil, wenn du so mit Glatze durch die Gegend rennst, kriegst du entweder von der Polizei eins auf den Deckel, oder von den ganzen Russen, die Schwedt verseuchen. Ich würde jetzt auch nicht unbe-dingt sagen, dass ich Nazi bin. Ich habe noch meine richtige Meinung und wenn mir jemand Quer kommt, dann kriegt er halt eins auf die Fresse. Die Jugend von heute ist viel aggressiver. Da stechen schon 13-jährige Russen auf 15-jährige Mädchen ein. Das geht doch nicht. Da musst du auch austeilen können, damit die Respekt vor dir haben. Aber trotzdem ging es mir mit meinen Kameraden früher besser. Jetzt sind alle weg, nur noch ein paar Leutings sind in Schwedt. Das macht mich traurig. Weißte, ich habe eine Ausbildung als Drucker, aber ich kriege in dieser beschissenen Stadt einfach keinen Job. Keiner will einen Typen einstellen, der tätowierte Hände hat. Die stellen lieber irgendwelche Fidschies oder Russen ein. Keine Deutschen. Das nervt mich, immer werden die Ausländer bevorzugt. Wenn ich mich bewerbe, dann wissen die Firmen schon, wer da kommt—ist halt ‘ne Kleinstadt, da kennt jeder jeden—und dann laden sie mich erst gar nicht ein. Ich will aber arbeiten, damit ich mir was leisten kann. Auto, Führerschein, oder so. Damit ich arbeiten kann, brauch ich ein Auto. Ich muss eben beweglich bleiben. Und weil ich nicht beweglich bin, komm ich aus diesem Scheißnest nicht raus. Meine Freundin ist medizinische Krankenpflegerin. Sie verdient Geld. Wir wollen jetzt beide nach Berlin. Vielleicht geht es uns da besser. Wenn ich die Möglichkeit hätte, etwas in meiner Vergangenheit anders zu machen, dann würde ich diese Scheiße mit dem Koks rückgängig machen. Irgendwie muss ich ja auch Kohle verdienen. Ich fahr dann immer nach Kreuzberg, kaufe mir zehn Teile, mach zehn Teile rauf. Es gibt ja genug, die hier so was wollen. Und für mich bleibt auch noch genug. Koks ist echt ein Scheißzeug. Ich komm davon echt nicht runter, das macht meine Freundin auch unglücklich. Und mich noch viel mehr. Mein Traum, wenn alles nichts wird, ist es, irgendwann mal nach Kolumbien zu gehen und so ein richtiger Koksbaron zu werden, der überall hin sein Zeug vertickt. Dann interessiert sich auch niemand mehr für meine Tattoos.


JAN Schwedt als Stadt ist totale Scheiße. Aber eigentlich kann ich mich nicht beschweren, weil ich ‘ne Ausbildung hab—und das Glück hat hier nicht jeder. Ich mach eine Ausbildung zum Ofenbauer. Aber sobald ich damit fertig bin, gehe ich nach Österreich oder in den Norden. Hier bekommst du doch keinen Job, nicht als Abiturient, Hauptschüler, Maurer und schon gar nicht als Ofenbauer. Ich finde, ich lerne einen guten Job, denn wenn die Zeiten sich ändern, kann ich die ganzen Krematorien aufbauen. Und es ist Zeit, dass sich in Deutschland einiges ändert. Leider kann ich noch nicht wählen, ein Jahr noch, dann bin ich 18. Und mit Sicherheit wird die NPD meine Stimme bekommen. Die machen alles richtig, also das mit der Ausländerpolitik. Ich habe nämlich das Gefühl, nein, ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass Ausländer in Deutschland bevorzugt werden. Und ich verstehe nicht warum. Schwedt ist da ein ganz gutes Beispiel. Andauernd kommen irgendwelche Russen, Polen oder Zigeuner über die Grenze zu uns. Was passiert: die kriegen sofort eine Wohnung. Nicht irgendeine Wohnung, nein, die bekommen gleich schöne, große 4-Zimmerwohnungen, selbstverständlich saniert. Und wir Deutsche? Wir wohnen in winzigen Scheißlöchern, weil das Amt sagt, es steht uns nicht mehr als eine 3-Zimmerwohnung zu, und das bei vier Leuten. Es dauert ewig, bis wir Hartz IV bekommen. Die Russen haben schon nach einem Monat in Deutschland einen Opel Corsa, nach zwei Monaten kriegt die Frau auch noch ein Auto. Aber nichts Kleines, also einen Renault Clio oder so, sondern gleich einen VW Passat. Und dann kriegen die immerzu Kinder. Ich weiß genau, warum die das machen, damit die noch mehr Geld bekommen, die kriegen ja auch Kindergeld. So wie wir Deutschen. Ich meine, das ist doch echt ungerecht, meine Eltern können sich nicht mal was Anständiges zu essen leisten, und die werden mit Geld überhäuft. Einfach nur, weil sie Russen sind. Wenn ich die Chance hätte, würde ich alle Ausländer aus Deutschland wieder zurückschicken. Dann wäre hier Ruhe. Und es gäbe wieder genug Arbeit für Deutsche, und wir würden wieder vernünftig bezahlt werden. Weil, mal ganz ehrlich, wer will sich schon bei Dreckswetter im Winter auf den Bau stellen, für zwei Euro die Stunde. Also ich würde auch im Winter auf die Baustelle gehen, aber eben nicht für zwei Euro. Früher hat man dafür 40 Euro die Stunde bekommen. Das machen doch nur die Polen, die machen den ganzen Markt kaputt. Die würden sogar für einen Euro arbeiten. Deswegen sollen die verschwinden.


JENS Ich gehe auf das Gauss-Gmynasium in Schwedt. Ich bin in der zwölften Klasse und mein Lieblingsfach ist Politische Weltkunde, ich mache das sogar als Leistungskurs und werde mein schriftliches Abitur in diesem Fach ablegen. Im Unterricht diskutiere ich gerne über meine Gesinnung. Besonders weil meine Lehrerin für die Grünen in der Stadt unterwegs ist.

Ich würde nicht sagen, dass ich ein Nazi bin. Ich bin, sagen wir mal Mischmasch. Ich wähle die NPD, obwohl ich weiß, dass sie auch nicht alles richtig macht und häufig auch viel zu extrem ist. Das schreckt die potentiellen Wähler ab, alleine die Wahlplakate sind eine Zumutung. Aber die anderen Parteien, also die Regierungsparteien, kannst du auch nicht wählen, weil sie sich einfach nicht für den einen, richtigen Weg entscheiden können. In Schwedt haben wir ein sehr großes Ausländerproblem, wie in ganz Deutschland. Setzt dich mal auf den Platz der Befreiung und mach eine Strichliste, wie viele Ausländer an dir vorbeikommen, nach einer Stunde brauchst du das zweite Blatt Papier. Jeder Fünfte in Schwedt ist Russe. Das macht die ganze Stadt unsicher. Wenn du nachts durch Klein-Kasachstan spazierst, kommst du in Ecken, da kriegst du unter Garantie eine. Das war im Dritten Reich besser. Da konnte man sich sicher auf den Straßen bewegen, da wurde für Recht und Ordnung gesorgt. Das finde ich gut. Ich weiß natürlich, dass nicht alles, was Hitler gemacht hat, in Ordnung war. Die ganzen Arbeitsplätze zum Beispiel, die gab es ja auch nur, weil ein Krieg vorbereitet werden sollte.

Grundsätzlich habe ich nichts gegen Ausländer. Nur gegen die faulen, die von unserem Staat leben, gegen die habe ich etwas. Aus ganz Europa strömen Menschen zu uns, die nichts anderes tun, als in ihren Wohnungen zu sitzen und Unterstützung vom Staat erhalten. Ich weiß, dass wir nicht auf Ausländer verzichten können, das wäre auch dumm, wenn wir es täten. Aber eine amerikanische Regelung wäre gut, die USA hat ja auch ihre Green Card, die sortieren vorher aus. Die holen sich eben nur die Fachkräfte ins Land. So etwas müsste es in Deutschland auch geben. Es erhalten nur Ausländer eine Aufenthaltsgenehmigung, die auch nützlich sind. Die anderen werden abgewiesen.


STEVEN Ich bin aus der ganzen Sache raus. Ich habe mit dem ganzen Nazizeug nichts mehr so richtig zu tun. Ich bin jetzt 24 Jahre alt und meine Zukunft sieht nicht besonders aus. Meine Ausbildung als Zimmermann nützt mir hier in Schwedt nichts. Ich saß vier Wochen im Knast—weil ich einen Polizisten bei einer Verfolgungsjagd durch Schwedt umgehauen habe, und bekomme jetzt Hartz IV.

Das Problem ist, wenn ich besoffen bin, dann werde ich immer aggressiv, und wenn mir einer nicht passt, dann zack, knall ich ihm eine. Im Orange hat mir einer mit ner Billardkugel in einer Socke eins übergezogen, weil er mich von früher erkannt hat. Dann haben wir uns geprügelt. Ich muss aufpassen, weil ich noch meine Bewährungs-strafe absitze. Früher war ich als Nazi in Schwedt sehr bekannt, war immer dabei, wenn sie irgendwelche Zecken verprügelt haben, auch bei solchen Sachen, wie sie das bei American History X gemacht haben—das mit dem Bordstein. Wir haben diesen Film geliebt, haben uns den immer und immer wieder angesehen. Fast wie ein Lehrfilm. Naja, und bei mir ist das so ein bisschen wie bei dem Hauptdarsteller. Im Knast hatte ich viel Zeit, über mich nachzudenken. Und ich musste feststellen, dass ich viel Scheiße gebaut habe. Meine Mutter wollte fast nicht mehr mit mir reden. Da bin ich lieber einen Schritt zurückgetreten. Bin ruhiger geworden. Als Entschuldigung habe ich meiner Mutter versprochen, wenn ich meinen Vater treffe, schlage ich ihn grün und blau. Der ist nämlich vor 17 Jahren einfach abgehauen, hat nie einen Cent Unterhalt gezahlt. Der war ein Alkoholiker. Ich habe ihn dann auch getroffen, am Platz der Befreiung, und dann hab ich ihn verprügelt, bis er auf der Straße lag und sich nicht mehr bewegen konnte. Da hab ich einfach nur gesagt: Schlaf gut. Die Kameraden von früher sind weniger geworden, wir waren damals so um die 400 Leute, und wir waren echt radikal, uns war alles egal. Jetzt treffen wir uns immer zum Liederabend. Wir sind, wenn es hoch kommt, noch 50 Leute.

Wenn ich die Möglichkeit hätte, etwas an meinem Leben rückgängig zu machen, dann würde ich so manchen Suff lieber vergessen. Einmal zum Beispiel haben mir meine Freunde, als ich geschlafen habe, einfach das Keltenkreuz, also das Totenkreuz der Wikinger, auf den Arm tätowiert. Das lass ich mir jetzt aber wegmachen. Und ich bereue das mit dem Polizisten wirklich. Ich sehe meine beiden Brüder, die sind zwar so wie ich, aber sie sind erfolgreich. Meine Mutter hält mich für das schwarze Schaf der Familie. Das will ich aber nicht mehr sein.

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