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DOS & DON'TS













Scarface: The World is Yours
Vivendi
PS2/PC
Genre: Kriminelle-Karriere-Planer


Musiker haben als Vorbilder Musiker, klar. Sportler haben andere Sportler als Vorbilder, auch klar. Und Drogendealer, Mörder und Mafiatypen haben Verbrecher als Vorbild. Dumm nur, dass es echt wenig Kriminelle gibt, die ihre Memoiren erfolgreich unter das raubeinige Gesindel streuen können. Außerdem lesen Gangster auch sehr selten Bücher. Gangster nehmen Filmhelden als Idole. Besonders gerne: Tony Montana, den Typen, den die Welt nur als Scarface kennt. Oh, Mann. Warum eigentlich? Mal ganz ehrlich, der Typ hat beschissene Anzüge an, kriegt keinen mehr hoch, weil er sich die Potenz weggekokst hat, und Michelle Pfeiffer will man doch nicht mal mit Catwoman-Ganzkörperanzug und Rimmingfetisch als Freundin haben.

Und dieses ganze „getting high on your own supply“—Ding ist echt nicht unbedingt vorbildlich. Aber trotzdem: Scarface wird immer so eine Art Bibel für aufstrebende Druglords sein, die für den Mythos des Selfmademan steht.

Die Gangster von heute sollten sich alle eine Playstation zwei kaufen. Und Scarface dazu. Das ist nämlich genau das richtige Spiel. Du dealst mit Koks, du eroberst Miami zurück. Der digitale Tony ist genau so, wie kranke Psychos sich selbst bei der Planung ihrer Kar-riere vorstellen. Die Aufgaben sind beschissen einfach, du erledigst jeden Gegner, ach was, Menschen, der sich dir in den Weg stellt mit ein paar Schüssen. Tony sagt sehr oft Worte wie Fuck, Cock-a-Roach und Chico. Und wenn Tony stirbt, dann ist Tony gleich wieder im Miami der Achtziger zurück. Ohne Konsequenzen.

Wenn das kriminelle Leben also so einfach ist: hört auf zu studieren, brecht eure Ausbildungen ab. Geht auf die Straße, zieht euch weiße Anzüge an, stellt euch vor Polizisten und sagt „Fuck“. Dann schießt ihr allen Menschen in den Kopf. Und, ta-da, schon seid ihr ein fetter, selbstgefälliger Drogendealer, der die ganze Sache früher oder später im Drogenrausch wieder vermasselt. Moment. Das war im Film so. Das Spiel belohnt dich dafür mit mehr Waffen, schnelleren Autos und derberen Koksdeals. Von Moral keine Spur. Ist eigentlich auch ganz geil. Wer braucht schon Moral. Gepflegte Drive-By-Shootings bringen nur Spaß, wenn du nicht darüber nachdenkst, ob der schleimige Kubaner, der da im Hauseingang sitzt, vielleicht eine Familie zu Hause hat. Das Beste aber ist: Scarface, das Spiel ist so wunderbar ohne Stimmung, Meinung und Gefühl—einfach nur Spielzeug. Das Gefühl, wie im Film, für eine Zeit—also die Achtziger und das von Kubanern überschwemmte Miami—fehlt komplett. Es kann also echt jeder verdammte Spinner dem Spielseine eigene Vorstellung von Verbrechen überstülpen. Wie bei der Bibel.




Canis Canem Edit
Rockstar
PS2
Genre: Internats-Survival-Guide


Als ich in die dritte Klasse kam, haben meine Eltern einen verdammt großen Fehler gemacht. Sie haben mich auf eine Sprachbegabtenschule geschickt. Dort gab es die drahtigen Sportler, die ständig irgendwelche Mathe-Olympiaden gewannen, die arroganten Russischmädchen mit ihren hohen Wangenknochen, deren Eltern Diplomaten waren; dann die Violine spielenden Rothaarigen; die bereits in der dritten Klasse Gedichte schreibenden Jungs, die schon damals die Mädchen rumgekriegt haben. Und dann waren da noch die brutalen Versager, mit schlechten Noten. Ihre einzige Aufgabe war es, Loser bis aufs Blut zu terrorisieren. Diese Typen haben einen mit Milchtüten beworfen, Turnbeutel auf Strommasten geschleudert—selbstverständlich vor dem Sportunterricht—und während einer Klausur haben sie dir den Zirkel in den Rücken gestochen. Nur damit du wie eine Pussy schreist. Und sie haben schon in der dritten Klasse Fickgeschichten erzählt. Das finde ich bis heute erstaunlich. Ich konnte weder Gedichte schreiben, noch Violine spielen und außerdem war ich immer krank. Fickgeschichten? Ich? Niemals. Ich war einer dieser Loser. Ich war ein kleiner, fetter Junge.

Ich glaube, alle Programmierer bei Rockstar waren auch kleine fette Jungs. Ich glaube, sie sind heute immer noch kleine fette Jungs—die aber Milliarden mit ihren Spielen verdienen. Vermutlich sitzen die Programmierer von Rockstar in ihren abgedunkelten Bü-ros, die voller Nerdspielzeuge sind, und sie denken nach. Und dann entwickeln sie Spiele, die in genau zwei Richtungen gehen. Entweder machen sie ein Spiel, das so ist, wie die Programmierer gerne sein würden: Also maskuline, gewalttätige Verbrecher. Oder sie machen Spiele über ihr wirkliches Leben. Bei Rockstar gibt es demnach haarige, perfekte Tischtennisspieler und Loser.

Canis Canem Edit ist vermutlich der tiefste Einblick in die Seele dieser Leute. Denn Canis Canem Edit ist nicht einfach nur so ein Videospiel, sondern ein Psychogramm des Leids. In jeder Spielminute fühle ich mich an meine Jugend erinnert, an wilde Fantasien, von Rohrbomben, die ich Konrad—das war der Schlimmste von allen—in sein Federmäppchen stecke. Dass es ihm seine Hände zerreißt, damit er mich nicht mehr die Treppen runterschubsen kann. An die heißen Mädchen, die ich rumkriegen wollte. Nur um zu beweisen, dass ich kein wirklicher Loser bin. Mit Canis Canem Edit kann ich mich rächen, ich bin der wortgewandte Schläger, der Mädchen rumkriegt, der Bomben baut, der gute Schulnoten bekommt. Und Konrad … wenn du das hier liest, ich bin mir ziemlich sicher, du sitzt jetzt irgendwo mit einer fetten Mutti auf der Couch und kennst Vice vielleicht nicht: Ich hab’s geschafft, ich ficke Praktikantinnen.