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DOS & DON'TS












Foto von Christoph Voy





chwedt hatte seine beste Zeit, als es eine brandneue, wohl-organisierte sozialistische Stadt war. Das war in den 60ern. Arbeit und Regeln—das war für uns Frieden und Harmonie. Das waren gute Zeiten und ohne, dass wir uns dafür betrinken mussten, wie es jetzt alle machen. Sogar die Kinder sind heute Alkoholiker. Heutzutage ist Schwedt nichts anderes als ein schön aussehendes Ghetto. Sie haben die alten Blöcke gestrichen, haben allen neue Balkons und so was gegeben, haben die öffentlichen Gebäude alle schick gemacht und die Altstadt aufgemöbelt—als ob sich da je ein Tourist hin verirren würde: Es ist ein Scheißhaufen mit Sahne drauf. Schwedt war mein ganzes Leben mein Zuhause. Ich hab es nach dem Krieg gesehen, als es ein einziger Haufen eingestürzter Mauern war, und ich war hier, als sie die Ölraffinerie und die Papierfabriken gebaut haben und die Stadt mit riesigen Wohnblocks vollgemacht haben. Diese Stadt hatte mal Tabakplantagen, zur Kaiserzeit, und ich kann mich sogar noch ein bisschen daran erinnern. Ich liebe diesen Ort. Das einzige Schlechte daran ist, was draus geworden ist. Es ist traurig. Alle hier werden alt, und die Kinder ziehen weg, sobald sie können. Man hat das Gefühl, dass nach der jetzigen Generation keine mehr kommt.

Ich war als Telekommunikationstechniker angestellt, als es mit der Stadt losging. Ich musste hart arbeiten. Man hat uns in eine Wohnung im fünften Stock gesteckt, weil wir jung waren. Ältere Leute kriegten Erdgeschosswohnungen, damit sie nicht Treppen steigen mussten. So gut organisiert war das damals. Ich hatte eine Frau und zwei Kinder und dann wollte ich mich weiter qualifizieren und hab mich für ein Fernstudium in Ingenieurswesen beworben. Es ging zwei Jahre. Ich habe tagsüber in der Fabrik gearbeitet und abends studiert, während meine Frau und meine Kinder in der Wohnung rumrannten. Es war schwierig, die nötige Ruhe zu finden. Manchmal hab ich mich zum Lernen ins Bad gesetzt.

Ich habe Schwedt wachsen und schrumpfen sehen, und ich sage Ihnen, als die DDR gegründet wurde, war Schwedt eine Ruine, und die Regierung hat alles gebaut, hunderte Familien hergeholt, ihnen Häuser und Schulen gebaut und unser Theater. Ich weiß, es gibt Schwedter, die sagen, dass der Kommunismus einen Teil unserer Kultur zerstört hat, dass Schwedt, wenn der Kommunismus nicht gewesen wäre, berühmt für sein barockes oder preußisches Erbe wäre und so weiter. Stattdessen ist die Stadt für das alte DDR-Gefängnis bekannt. Dort sind Leute gefoltert worden, hab ich gehört. Das sind aber nur Gerüchte. Ich habe nie gesagt, das damals alles rosig war. Jetzt ist das Gefängnis ein Obdachlosenheim.

Ich kann mich noch an diese Brache hier erinnern, als noch überall Häuser drauf standen. Jetzt reißen sie alles wieder ab, weil es hier zu viele Wohnungen gibt. Die Leute werden in die Vorstädte und in die Stadt umgesiedelt. Alle Wohnungen, in denen ich gewohnt habe, als ich in der Fabrik gearbeitet habe, sind in den letzten zehn Jahren abgerissen worden. Da drüben war ein Spielplatz, wo meine Kinder gespielt haben. Es war ein schöner Spielplatz. Jetzt sind es wieder Felder und Wald. Ist sicher gut für die Hippies.

Und alle sind arm in Schwedt. Vor der Wende hatten die Leute Sicherheit. Jetzt sind sie angeschissen. Hier ist keiner reicher als vorher und einer von vieren von uns ist arbeitslos. Ich hab bis direkt vor dem Mauerfall 65 Mark Miete gezahlt. Kaum war die Mauer weg, fing die Miete an zu steigen. Jetzt zahle ich 385 Euro für dieselbe Wohnung. Es ist alles katastrophal. Meine Tochter ist seit fünfzehn Jahren arbeitslos. Sie hat bei so ‘ner großen Firma eine Ausbildung abgeschlossen, und sie kann nichts damit anfangen, weil die Firma sie nicht braucht. Keiner braucht Schwedt mehr. Was Schwedt braucht ist, dass neue Industrie herzieht, aber das wird nicht passieren. Wir haben ein neues Einkaufszentrum und ein paar Autohändler. Na toll. Das ist keine Industrie. Wie viele Leute arbeiten in dem Einkaufszentrum? 200? Was für einen Unterschied macht das schon? Schwedt ist für das Land eine einzige Belastung.

KLAUS BRIX