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DOS & DON'TS












Elaste: Slow Motion Disco
Ein original Discoteca-Cosmic-Flyer
Lindstrøm
Mooner auf einer kosmischen Safari



och ist es nicht komplett ausgelutscht, aber viel kann man nicht mehr sagen über den anhaltenden Trend in der Tanzmusik, Cosmic Disco und abgedrehten Space-Rock zu zerhacken und neu zusammenzusetzen. Schnell klingt man da wie ein bärtiger Langweiler mit Ebay-Sucht und einem signierten Foto von DJ Harvey im Gucci-Geldbeutel. Das Problem ist, es gibt noch immer einen Haufen spannender Neuerscheinungen auf diesem Gebiet, wie Radio Slaves „Creature of the Night“-Mix auf Eskimo und Quiet Villages lässige Remixe von Cosmo Vitellis „Delayer“ und Grandadbobs „Pictures“. Ganz zu schweigen von der fantastischen „Digitalis“-EP der Goblin-Fetischisten Zombi, die auf Caravan erschienen ist und nach etwa fünf Sekunden ausverkauft war. Je schräger desto besser, tatsächlich, und in vielfacher Hinsicht wird es kaum stranger als der Ort, an dem alles begann, das Disco Cosmic beim Gardasee, 1979 in Norditalien.

Dies war der Club, wo der ambitionierte, junge Resident-DJ Daniele Baldelli fünf Jahre lang die Besucher mit enorm trippigen Sets hypnotisierte und dabei einen neuen Stil des Auflegens erfand, der sich bald über den ganzen Kontinent ausbreitete. Google seinen Namen und du findest eine Website, wo man sich seine Sets runterladen kann. Da passt es ja, dass unser Münchener Freund DJ Mooner, Besitzer des glitzernden Elektrolabels Erkrankung Durch Musique, ein wundervolles Album mit den Namen „Elaste: Slow Motion Disco“ für Compost zusammengestellt hat. Darauf finden sich elf seltene und weniger seltene aber dafür umso verrücktere Lieblingsstücke Baldellis, von Leuten wie Chris & Cosey, Doctor’s Cat, The Rah Band und Heaven 17. Wir sprachen mit Mooner über die Kids, die damals ins Disco Cosmic strömten, um ihren Herrn zu preisen.

Vice: Sind diese Leute auch in andere Clubs gegangen oder waren sie dem Cosmic gegenüber loyal?

Mooner:
Cosmic war einfach der erste Club, der die gängigen Disco-Pfade verlassen hat und Baldelli schuf da etwas völlig anderes: einen Mix aus Funk, Disco auf 33 statt 45 RPM, deutscher elektronischer Avantgarde, New Wave, Brazil, Jazz … Das musste sich erstmal herumsprechen. Nachdem Cosmic zugemacht hatte, schossen dann andere Clubs wie Pilze aus dem Boden. Der größte und wichtigste nach dem Cosmic war der Club Typhoon, wo auch DJ Loda auflegte. Aber am Anfang war das Cosmic die einzige Location, wo du gute Musik hören konntest. Sowas konnte man in Italien nirgendwo kaufen. Die DJs sind nach Frankreich und in die Schweiz gefahren, um sich die Platten zu besorgen. Man kann wohl sagen, es war DER Hotspot.

Waren das alles wohlhabende Mittelklasse-Kids?

Mann, ich hab da keine soziokulturellen Studien gemacht, 1984 war ich zwölf. Aber ich glaube, ins Cosmic kamen zunehmend Kids aus der Arbeiterklasse, gemischt mit New-Wave-Hipstern und deutschen Touristen. Sie trugen zoccoli bianchi, Wrangler-Jeans, camicia Hawayanas und Clarks, und die Girls zogen sich an wie Hippies. Baldelli trug einen einteiligen Overall. Und lange Haare waren noch total cool!

Was hat ihnen denn an der Musik so gefallen?

Ich glaube, der Grund war, dass Baldelli einfach machte, was er wollte, ihm war alles andere egal. Es hieß immer: „Warst du gestern im Cosmic und hast diesen Weirdo-Sound gehört? Und alle waren auf Drogen!“ Außerdem war es das einzige, annähernd alternative Ding in einem Radius von 200 Kilometern.

Sonst noch was?

Ja. Ich glaube, die Musik dieser Art ist wirklich zeitlos: Die meisten der alten Tapes klingen echt modern und progressiv. Das Schöne ist, dass die Sachen verspielt und harmonisch sind und dass die Atmosphäre wichtiger ist als eine bestimmte musikalische Stilrichtung. Die Superstar-DJs von heute wissen jeden Scheiß übers Mixen. Die italienischen Old-Schooler hatten drei Technics SP15 oder alte Denons, die nicht mal einen anständigen Pitchregler hatten. Die Platten liefen ständig auseinander!

Warum denkst du, ist diese Musik jetzt wieder in Mode?

Weil in den 2000ern niemand mehr neue Ideen hat.

Mit einer Ausnahme natürlich. Über die letzten Jahre hat der norwegische Disco-Gott, Hans-Peter Lindstrøm eine sehr gute Idee sehr lange reifen lassen, deswegen befindet er sich gegenwärtig in seinem Studio in Oslo und denkt über neue Wege nach, von der Muse geküsst zu werden. „Ich bin ein totaler Instrumentefreak und habe mir gerade Steel Drums und eine alte Bandmaschine gekauft. Mal sehen, was daraus wird“, sagt er. It’s A Feedelity Affair, eine CD-Compilation mit Lindstrøms bisher nur auf Vinyl erschienenen Singles für sein eigenes Feedility Label ist diesen Monat auf dem norwegischen Super-Indie Smalltown Supersound erschienen. Allein schon für den Track „Music (In My Mind)“ lohnt sich der Kauf. „Das Schöne an dieser Compilation“, erzählt er, „ist, dass sie für mich einen Neuanfang markiert, obwohl sie nur die drei Jahre von 2003-2006 umfasst. Es ist immer gut, ein Fazit zu ziehen und dann von Null anzufangen.“

Vice: OK, aber warst du mal in einer Gang?

Lindstrøm:
Ich glaube, ich war die ganze Zeit in Gangs. Wenn man jemanden trifft, der die gleichen Interessen hat, dann wird man Teil einer Gang oder Szene. Aber ich bin nicht so der kriminelle Typ. Keine brutalen Gangs.

Gibt es zur Zeit nicht eine Art internationale Disco-Gang, mit dir und Prins Thomas und Rub’n’Tug und Labels wie Whatever We Want, Rong, Bearfunk, solche Sachen?

Um ehrlich zu sein, möchte ich gar kein Teil von etwas sein, und ich weiß nicht, ob mir dieser Gang-Kram so gefällt. Die Sache ist, dass man sich im Inneren einer Gang oder Gemeinschaft geschützt und sicher fühlt, und ich bin mir nicht sicher, ob mir das liegt. Ich möchte lieber draußen sein in der Unsicherheit. Wenn viele Leute das Gleiche machen, wird es langweilig.

Du kannst aber nicht bestreiten, dass es eine Szene gibt.

Natürlich nicht. Und es ist wichtig, dass mehr und mehr Leute diesen Sound machen und in die Szene reinfinden. Aber gleichzeitig versuche ich immer, daraus auszubrechen.

PIERO MARTINETTI