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Es war eine ziemlich wagemutige Aktion. Die Broschüre nannte es ein „Abnehmcamp für Mädchen“ aber es war nicht mal ein richtiges Camp. Es war eher ein generelles Abnehmprogramm für jüdische Frauen jeden Alters. Es wurde von einem jiddisch sprechenden Mann geleitet und fand in seinem Sommerresort statt. Er überwachte unsere Ernährungspläne und außer ihm gab es keine weiteren Berater. Die meisten Frauen dort waren sehr alte, sehr religiöse Frauen. Sie hatten ihre eigenen Zimmer auf dem Hauptteil des Geländes. Wir waren nur etwa zehn Kinder, die sich eine 2-Zimmer-Hütte teilten. Unser Alter lag zwischen 8 und 16. Das jüngste Mädchen war eine Bettnässerin und das älteste war überhaupt nicht fett. Als ich sie fragte, was zur Hölle sie hier mache, zwickte sie in eine kaum zu sehende Hautfalte an ihrem Bauch und sagte: „Schau mich an, ich bin widerlich.“ Nach einer Weile realisierte ich, dass sie magersüchtig war, was ich damals ziemlich cool fand. Ich gab mir wirklich Mühe, auch magersüchtig zu werden, aber ich konnte das Kotzen nicht ertragen. Wir hassten uns alle gegenseitig. Beim Essen waren wir wie Wölfe, die um einen frischen Kadaver stritten. Wer hatte die größere Wurstscheibe, wer hatte eine Cocktailtomate mehr im Salat als die anderen? Alle mussten exakt das Gleiche kriegen. Wir zählten unser Essen und feilschten: „Ich tausche sechs Bohnen gegen drei Karottenscheiben.“ Geschäfte wurden gemacht und Teller bewacht. Weil er so gut wie keine Kalorien hat, durften wir unbegrenzte Mengen gekochten Spinat essen. Zum Glück schmeckte mir Spinat. Ich habe massenweise Spinat gegessen und kann aus Erfahrung sagen, er sieht beim wieder Rauskommen noch genauso aus wie beim Runterschlucken. Manchmal gab es zum Dessert einige Äpfel zuviel. Das war ein harter Test für uns. Würden wir der Versuchung nachgeben? Mir fiel eine Lösung ein. In den Apfel beißen, den Saft heraussaugen, den Geschmack genießen und dann wieder ausspucken. Es war eine Art Magersucht light. Bald machten wir es alle so. Wenn wir nicht gerade am Essen waren, kauten wir zuckerfreie Kaugummis, die wir gleich kistenweise kauften. Entweder das oder Kakaobutter schnüffeln. Kakaobutter riecht genau wie Schokolade. Sie war als Feuchtigkeitscreme gedacht, aber wir benutzten sie nur zum Schnüffeln. Natürlich gaben wir hin und wieder der Versuchung nach, sie zu schlecken, aber sie schmeckte nach nichts. Um sechs Uhr früh wurden wir geweckt und, noch völlig benommen, in einen Bus gescheucht. Sie fuhren uns zur 6-Meilen-Markierung (und später im Sommer zur 10-Meilen-Markierung), von wo aus wir unseren mühsamen, Anderthalb-Stunden-Marsch zurück ins Camp antraten, in dem man uns mit Frühstück belohnte. Nach dem Frühstück gab es Aerobic bei einer munteren Frau mit furchtbarem Musikgeschmack. Wir machten Rumpfbeugen zu George Harrisons „I Got My Mind Set on You“ (meiner Ansicht nach der schlechteste Song aller Zeiten), Hampelmänner zuwas sonst„Jump“ von den Pointer Sisters und Dehnübungen zu dem zeitlosen Klassiker „Toy Soldiers“ von Martika. Dann Mittagessen und ein Schläfchen, danach Wasseraerobic oder Kraftraum, noch eine 2-Meilen-Wanderung, dann Abendessen, eine weitere 2-Meilen-Wanderung, dann ins Bett kollabieren. Das Highlight der Woche war der Montag, wenn wir die drei Meilen ins Dorf marschieren durften, um ein Stück Pizza zu Abend zu essen. Ich war sechs Wochen dort. Bis zur letzten Woche hatten die dicksten Mädchen etwa 25 Pfund verloren, ich etwa 15. Zugegeben, die Mädchen, die am meisten verloren hatten, waren die, die anfangs über 200 Pfund wogen (ich wog 160 als ich ankam), also die, die es am nötigsten hatten, aber für mich war es trotzdem blöd. Dabei hatte ich nicht mal geschummelt wie die Magersüchtige, die sich immer mit dem Anleiter aus dem Kraftraum in die Stadt schlich, um sich mit Fastfood vollzustopfen und es hinterher wieder auszukotzen. Ich habe meistens Krafttraining gemacht, deshalb sagten sie mir, der Grund, warum ich nicht mehr Gewicht verloren hätte, wäre, dass ich an Muskeln zugelegt habe, die sogar schwerer sind als Fett. Und es stimmte, am Ende des Sommers war ich ziemlich muskulös für ein 14-jähriges Mädchen. Zurück aus dem Camp versuchte ich, viel zu trainieren und mich gesund zu ernähren, aber das war schwer. Das ist das Problem mit dem Fat Camp. Sie kontrollieren alles, was du isst, du trainierst den ganzen Tag, aber was machst du zurück im richtigen Leben? Versuchungen gibt es überall und wer hat schon Zeit, am Tag zehn Meilen zu wandern? Vier Monate später hatte ich alle verlorenen Pfunde wieder drauf. KELLY AMNER |
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