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DOS & DON'TS









Das Essen ist serviert. Fotos vom Autor.






Ist dir schonmal aufgefallen, dass manche menschen, wenn sie über Indianer sprechen, immer alle möglichen Körperteile von Büffeln als Metaphern verwenden, als wäre es ein Zeichen ihrer harmonischen Verbundenheit mit der Natur und nicht einfach ein Symptom dafür, dass ihre Kultur traditionell kurz vorm Verhungern steht? Wir sollen uns wohl wie verwöhnte Arschlöcher fühlen, nur weil wir, nachdem wir eine Kuh in eine halbe Tonne Rindfleisch zerteilt, unsere Füße in ihre Haut gepackt und ihr Knochenmark an unsere Hunde und Kinder verfüttert haben, am Ende die Augen in die Mülltonne werfen und zufrieden sind, statt auch die noch mit einem Glas Korn runterzuwürgen oder eine Halskette daraus zu machen?

Also, ob verwöhnt oder nicht, ich war schon den ganzen Tag kurz vorm Verhungern und ich wettete, ich könnte nicht nur für jedes Körperteil einer Kuh irgendeine Verwendung finden, ich könnte sogar eine ganz bestimmte Verwendung dafür finden, ich könnte nämlich alles essen. Da würde ich’s den Indianern aber zeigen. Beziehungsweise … ich würde es den Leuten zeigen, die glauben, Indianer seien irgendwie was Besseres als ich. Sorry, ich bin wirklich verdammt hungrig.

Wie dem auch sei, um also den Beweis für meine Behauptung zu erbringen, solange sie noch Sinn machte, beschloss ich, mich auf den Weg zu einem Schlachthof in der Provinz zu machen, wo die Preise noch akzeptabel sind, und die Hälfte meines Gewichts in Fleisch und Organen zu kaufen, dazu noch einen Kopf und dann damit anzufangen, alle Teile einer Kuh zu essen, die ich irgendwie essen kann. Guter Plan?

GEHIRN

Das ganze Fleisch, das mich auf der Rückfahrt anstarrte, half nicht gerade, den Hunger erträglicher zu machen. Also hielt ich bei einem schicken Franzosen, um mich schon mal um eines der wenigen Dinge zu kümmern, die das Schlachthaus nicht vorrätig hatte: Rinderhirn. Es schmeckt und fühlt sich an wie geschmackfreier Pudding und kostet 15 Dollar. (Anmerkung: Nachdem die Reste eine Nacht im Kühlschrank lagen, schmeckte es wie Fleisch-Eis. Vielleicht ist „gekühlt servieren“ ja das Geheimnis, um etwas Geschmack in ein Gehirn zu kriegen.)


NIERE

Das sieht viel mehr nach Gehirn aus, als das eigentliche Gehirn. Grau und knollig mit einem weißen Stängel in der Mitte. Nach einem Google-Rezept schnitt ich die Niere auf und briet sie mit Zweibeln. Zuerst schmeckte sie nach einer experimentellen urbanen Hot Dog-Variante aber das wurde schnell von dem nicht so erfreulichen Geschmack nach Rinderpisse verdrängt. Vielen Dank, Niere.


ZUNGE

Zuerst ist es ein langer, schlaffer Lappen, der ziemlich übel stinkt und mit dem man Leuten gegen den Hinterkopf klatschen kann. Dann kocht man es für eine Weile und es ist ein kurzes Gummiband, das ziemlich übel stinkt und das man über den Tisch hopsen lassen kann. DANN pult man die äußere Schicht ab und es ist ein zungenförmiges Stück Fleisch, das ungefähr eine Million Mal besser schmeckt, als es riecht. Newsflash: Ich mag Zunge!


KALBSBRIES

Diese Drüse sah aus, fühlte sich an und roch genau wie Hühnerbrust und zwar die gesamten lächerlichen vier Stunden Zubereitungszeit hindurch. Es ist eine Schande, dass sie nicht auch noch so schmecken konnte, das wäre mir nämlich lieber gewesen als „panierter Kuchenteig in Burgerfett“.


LEBER

Nachdem ich eine ordentliche Menge Blut aus diesem Ding in die Spüle gequetscht hatte, nahm es die Form einer Cartoon-Bärentatze an, die mir den Daumen hoch zeigte. Gutes Zeichen, oder? Erst als ich mir eine Gabel von dem körnigen braunen Fleisch in den Mund geschoben hatte, wurde mir bewusst, dass es ja genauso gut „Daumen runter“ hätte heißen können. Leber sucks.


HERZ

Jedes Rezept, das ich las, begann mit den Worten: „Vor dem Kochen so viele Venen wie möglich entfernen.“ Es stellte sich heraus, dass dieser Hinweis ungefähr so sinnvoll war, wie einem Gärtner zu erzählen, er solle vor dem Rasenmähen so viele Baumstümpfe wie möglich ausreißen. Ich habe also nicht nur die meisten der festen weißen Röhrchen um diesen Muskel mitgegessen, auch das ganze Blut, das noch darin war, sickerte in das Fleisch, während es kochte und ließ es nach zähem, unfertigem Rostbraten, der in geschmolzenem Aluminium gekocht wurde, aussehen.

RIBEYE, T-BONE, RINDERLENDE

Schmeckte alles exakt wie Steak. Überraschung.





EIER

Nach einem halbstündigen Kampf mit mir selbst befreite ich die kleinen Dinger aus ihrer grauen Haut und packte sie in die Pfanne. Macht es mich schwul, wenn ich sage, dass es zwei wirklich leckere, leckere Nüsse waren? Es gibt keinen Grund, warum wir sie nicht jeden Tag zum Frühstück verschlingen sollten. Sie sind wie diese Würstchen, die so nur dein Onkel kochen kann, die absolut perfekt sind und ein kleines bisschen nach Hamburger schmecken.


KOPF

Einfach der liebenswerteste Teil des Festmahls, bis zehn Stunden in einem überheißen Ofen ihn vom beeindruckenden Mittelpunkt des Büffets zu einer öffentlichen Bekanntmachung gegen künstliche Bräune werden ließen. Die oberste Hautschicht zerbröselte in kleine Krümel, die nach ungekochter Pasta schmeckten. Alles darunter war grau, sehnig und es quoll eine beeindruckende Menge Blut heraus, wenn man draufdrückte. Ich zwang alles an Fleisch runter, was ich vom Schädel abziehen konnte—so ne Art Freestyle-Steak.


KNOCHEN MIT FLEISCH

Ich entdeckte ihn, während ich das Innere des Schädels nach Resten durchsuchte, die weder verblutet noch verbrannt waren. Kannst du dir auch nur im Entferntesten vorstellen, wozu der mal gut gewesen sein soll? Nachdem ich soviel Fleisch abgenagt hatte, wie meine Kaumuskulatur ertragen konnte, schnitt ich den Rest ab und brach den Knochen an der Tischkante entzwei, um an das Mark zu kommen. Innen war er komplett hohl.


AUGÄPFEL

Das Auge aus der Höhle zu kriegen, erforderte eine gute Stunde wildes Gestocher und Gegrabe. Das schleimige weiße Nervenbündel auf der Rückseite des Auges abzutrennen, brauchte weitere 30 Minuten und die Hilfe einer Frisörschere. Als ich den Augapfel anschnitt, kam ein gutes Schnapsglas klebriger weißer Flüssigkeit herausgelaufen, gefolgt von der gleichen Menge klebriger schwarzer Flüssigkeit, gefolgt von kleinen schwarzen Fleischstückchen, gefolgt von einem grauen Würfel mit kleinen rankenartigen Dingern daran, die an den Ecken hervorragten—all das roch nach verbrannter Tinte. In der Sekunde, als es den Boden der Pfanne berührte, zerplatze das ganze Ding und schrumpelte zusammen wie ein brennendes Videoband. Doch hinderte der Bratvorgang die Oberfläche nicht daran, sich eine dünne Schleimschicht zu bewahren. Diese wäre sicherlich hilfreich dabei gewesen, das Auge besser runterzukriegen, wenn es nicht so einen furchtbaren Lachkrampf bei mir ausgelöst hätte.


SCHWANZ

Erst dachte ich, der Metzger hätte etwas durcheinander gebracht und mir kurze Rippchen gegeben, aber dann bemerkte ich, dass jedes Stück, das ich aus dem Sack zog, ein wenig kleiner als das vorherige war, bis ich schließlich eine tampongroße Fleischröhre ,um einen winzigen Knochen gewickelt, in der Hand hielt und dachte: „Oh, der Schwanz.“ Gelangweilt davon, die ganze Zeit am Herd zu stehen, beschloss ich, die kleinen Teile einfach mit etwas Wein in einen Schmortopf zu werfen. Drei Stunden später entdeckte ich, dass das Schmoren sie so weich und zart gemacht hatte wie schlabberiges Gammelfleisch.


MAGEN

Ich war immer noch ziemlich high von dem Schwanz, als dieses nach Fisch stinkende Ding eine Ladung dickflüssigen gelben Saft auf meinem Tisch verteilte. Bedeckt von einer glitschigen Schicht, die wie Schuppen oder Korallen aussah, nahm der Magen immer wieder von alleine eine rechteckige Form an, solange man ihn nicht auseinanderrupfte (Wie natürlich ist denn das?). Das einzige Rezept, das ich für diesen Haufen Mist finden konnte, erforderte es, den Magen in Milch zu kochen. Das hatte den doppelten Effekt, dass es erstens in meiner Wohnung roch wie in Chinatown im Frühling und zweitens das Fleisch einen Geruch erhielt, der einige Wochen altem Restmüll unheimlich ähnlich war. Im Ernst, die Kondom-ähnlichste Sache, die ich je im Mund hatte.


HAUT

Schuhleder ist normalerweise das Letzte, was in der Wildnis verlorene Menschen essen, bevor sie sich daran machen, ihre früheren Kameraden zu verspeisen. Ich habe mir ein Paar Docs gekauft, schon bevor es peinlich war, sie zu tragen; bin ihnen also mehr verbunden als die meisten meiner Freunde. Wie auch immer, ich wusch die Frisörschere, die ich für die Augen benutzt hatte, gründlich ab und schnitt ein etwa 5 cm breites Rechteck aus meinen alten Freunden raus. Nach einer Stunde im Schwanzsud war es gut durch und schmeckte ganz anständig. Obwohl die dicken schwarzen Reste zwischen meinen Zähnen etwa so aussahen, als hätte ich ein italienisches Mädchen oral befriedigt.


LUNGEN UND INNEREIEN

Zur Bestürzung der Immigranten des 19. Jahrhunderts deklarierte die Zollbehörde der USA Rinderlungen als nur für den Export bestimmte Organe, auf Grund ihrer Tendenz sämt liche Pestizide aufzunehmen, denen eine Kuh in ihrem Leben ausgesetzt ist. Glücklicherweise betrifft diese beschissene Regelung nur die menschliche Ernährung, deshalb ist zartes feuchtes Lungenfleisch auch nur einen Hundefutter-und-Papierhandtücher-Gang entfernt. Wenn man sich richtig anstellt, kann man sogar eine Dose wie unsere finden, die als kleines Plus noch einige Innereien enthält. Versuch mal zu raten, was in dieser Pampe was ist. Ich wette, der schwammige, weiche Brei in kleinen feuchten Quadraten ist die Lunge und der schwammige, weiche Brei in den leicht abgerundeten, kleinen feuchten Quadraten sind die Eingeweide.


GROUND BEEF HACKFLEISCH

Das sollte eigentlich nur ein wenig Fleisch von den Beinen sein. Wie mir aber erzählt wurde, war der Metzger, der sich um mein Steak kümmern sollte, etwas angepisst, weil das mit dem Abschneiden nicht richtig geklappt hatte, daher zerteilte er es, warf es wütend mit den andern Resten in den Fleischwolf und ging eine rauchen. Äh, OK Alter. Egal, es war ein Hamburger. Was soll ich dazu sagen?


CHUCK, TOP UND RUMP ROASTS

Bei allen Gefühlen, die ich am Ende dieses Abenteuers gegenüber Fleisch erwartete, mit Hass hatte ich nicht gerechnet. Und doch war ich jetzt in der Situation, dass ich nicht wusste, ob getreten oder gegessen werden die härtere Strafe dafür war, drei dumme graue Fleischbrocken in einem Kochtopf zu sein. Ich konnte das Zeug kaum runterwürgen, dabei waren die Stücke normal groß.


KNOCHEN

Erst dachte ich, ich müsste ein Feigling sein und kneifen, wenn ich mir nicht zum Abschied noch ein paar Zähne ausbeißen wollte, aber weißt du, was mir dann einfiel? Gummibärchen sind verdammte Rinderknochen und wenn du mich Feigling nennst, ist das nur ein anderer Weg um zu sagen: „Es regt mich auf, dass dir so was Cleveres eingefallen ist.“ Also, fertig.

Ich fühle mich ziemlich erfolgreich, da ich alles in 24 Stunden verdrückt habe, aber in erster Linie bin ich vor allem pappsatt und etwas besorgt, wie lange meine Hände jetzt wohl nach Fleisch riechen werden. Außerdem freue ich mich sehr, das Zeug wieder loszuwerden, wenn ich das nächste Mal kacken gehe. Das würde mir auch gleich zeigen, dass ich meinen Verdauungstrakt nicht dauerhaft ruiniert habe. Noch eher denke ich allerdings daran, was für ein glorreiches, erhabenes Gefühl es sein muss, sich hinzusetzen und behutsam jedes Teil einer Kuh in einen großen braunen Klumpen zu drücken. So ähnlich wird sich wohl Gott gefühlt haben, als er die echte Kuh ausgeschissen hat.

Warte, ich hab die verdammte Milz vergessen.

DARREN GOLD
[Update: Das „glorreiche“ Kacken war ziemlich eklig. Es roch so sehr nach Fleisch, dass ich für einen Moment dachte, ich hätte einen Alptraum.]