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DOS & DON'TS









Fotos von einem Typen, den die Autorin kennt.






Bulimie ist echt zum kotzen. Ich habe es gerade eine Woche lang ausprobiert, um zu sehen, wie es sich anfühlt. Ich verstehe nicht, wie diese Schlampen das überleben.

Sieben Tage lange habe ich mich gefühlt, als müsste ich jeden Moment ohnmächtig werden. Meine Zeit habe ich im Wesentlichen mit Aktivitäten verbracht, die mit meiner Essstörung zusammenhingen. Ich habe zum Beispiel im Bett gelegen und gejammert. Ich habe meine Freundinnen angerufen und davon gesprochen, wie fett ich bin. Und ich habe krebsartige Substanzen ausgeschissen.

So sah meine Woche im Detail aus ...

ERSTER TAG: Mein erster Tag mit Bulimia nervosa. Ich wache früh auf und gehe ins Fitness-Studio. Ich esse den ganzen Tag nichts. Ich kann nicht fernsehen, die Werbung macht mich hungrig. Draußen ist es kalt, also bleibe ich zu Hause, kaue Kaugummi und lese Supermarktwerbung.

Ungefähr um 19.30 Uhr gehe ich schnellen Schrittes zum nächsten Supermarkt und kaufe mir einen Eimer Reese’s Eiscreme und fünf Schokoladenriegel. Ich habe den Eindruck, dass alle wissen, dass ich unter Essstörungen leide, aber das spielt sich nur in meinem Kopf ab. Kein Mensch schert sich einen Dreck darum, was ich kaufe.

Kaum bin ich zu Hause durch die Tür durch, stopfe ich mir die Schokolade ins Gesicht. Ich gehe rein, lege mich ins Bett und löffele mit einem der Schokoriegel den ganzen Eimer Eis aus.

30 Minuten später beuge ich mich, die rechte Hand tief in den Hals gerammt, über die Toilette. Es will einfach nicht klappen! Dann erinnere ich mich an eine Fernsehsendung, wo sich so eine Magersüchtige mit einem kleinen Spachtel zum Kotzen gebracht hat. Also stecke ich mir den Stiel der Zahnbürste meiner Mitbewohnerin in den Hals und wackle da hinten ein bisschen damit herum. Plötzlich: BRRRRRRRRAAAAAAAAÄÄÄÄÄ! Das gesamte Universum schießt aus mir heraus. Oder wenigstens jede Menge Schokolade.

Anschließend fühle ich mich krank, so als hätte ich eine Grippe. Ich trinke etwas Wasser und es geht mir besser. Es ist unglaublich—ich fühle mich dünn, und trotzdem voll. Bulimie funktioniert!

Ich gratuliere mir selbst und spüle nicht. Es ist ein großartiges Gefühl, das Gemenge da unten in der Schüssel zu betrachten. ICH HAB’S GESCHAFFT.

ZWEITER TAG: Heute esse ich ausschließlich Popcorn. Bei der Arbeit verschlinge ich während der Pausen jede Menge davon. Für alle Fälle verstecke sogar etwas Popcorn in meinen Jacken-taschen.

Mein Magen ist komplett hinüber von letzter Nacht. Ich versuche, nicht zu reihern aber es fällt mir schwer. Der Arbeitstag will nicht vorübergehen, und alles, woran ich denken kann, ist mein Gewicht.

Endlich zu Hause eingetroffen, komme ich fast um vor Hunger. Ich bestelle vier extragroße Pizzen. Ich rufe sogar „Ist euch das allen Recht?“, damit der Pizza-Typ mich nicht für so eine fette Fotze hält. Was ich ja bin. Nachdem die Pizza endlich geliefert ist, inhaliere ich sie förmlich. Ich schmecke nicht mal, was ich da esse. Ich kaue kaum, sondern schlucke nur. Anschließend gehe ich wieder meinen neuen besten Freund besuchen: die Toilette.

Dieses Mal ist es viel schlimmer. Die Pizza kommt mir in kleinen, zerkauten Bällchen hoch und die Soße brennt in meinem Hals. Ich habe so einen kleinen Riss am Mundwinkel und die Säure in meiner Kotze ätzt da jedes Mal rein. Die Pizza schießt mir in scheinbar felsengroßen Stücken in die Nase. Ich möchte aufhören aber ich weiß, dass ich noch mindestens eine ganze Pizza in mir drin habe. Ich sage mir, dass ich nicht aufhören kann, bevor ich nicht mindestens noch 20 Mal gereihert habe. Beim Countdown zähle ich nur die Male, wo tatsächlich etwas herauskommt. Oft bleibt es bei einem trockenen Würgen. Selbst als ich schließlich das 20. Mal erreiche, weiß ich, dass da noch etwas in mir drin ist. Nach der heftigen Kotzerei bin ich total geschafft. Ich fühle mich, als wäre ich tot. Tatsächlich schlafe ich im Bad für eine Sekunde ein. In dieser Nacht träume ich von Kentucky Fried Chicken.

DRITTER TAG: Ich überspringe das Frühstück. Mir geht’s beschissen. In einer Bar in der Nachbarschaft besaufe ich mich den ganzen Nachmittag über mit Gin Tonic. Ich mache mir Sorgen wegen der Kalorien im Tonic und erwäge, mir nochmal den Finger in den Hals zu stecken. Später treffe ich mich mit einigen Freunden und betrinke mich weiter. Gegen zwei Uhr morgens gehe ich dann zur Toilette und kotze. Es fühlt sich gut an. Langsam gewöhnt sich mein Magen daran. Außerdem versucht den ganzen Abend über niemand, sich an mich heranzumachen. Das muss wohl daran liegen, dass mein Gesicht bleich und verquollen und meine Lippen Drakula-rot sind, dass mein Hals merkwürdig zittert und dass mein Atem nach Erbrochenem riecht.

VIERTER TAG: Ich gehe zur Arbeit und stelle sicher, dass ich meine Mittagspause vor allen anderen antrete. Ich öffne den Kühlschrank im Pausenraum, lasse drei Mittagessen mitgehen und verstecke mich auf dem Klo. Ich stopfe den Inhalt der ersten Tupperware-Dose in mich rein, kalte Spaghetti. Die Karotten werfe ich weg. Dann esse ich ein Schinken-Sandwich und ein halbgefrorenes Stück Hühnerbrust. Das Merkwürdige daran ist, dass ich in diesem Moment im Grunde schon eine Bulimikerin bin: Ich konnte mich nicht mehr am Zaum halten. Ich bin wie betäubt und habe diesen ganzen Fressflash gar nicht richtig mitbekommen.

Nach ein paar Stunden wird mir erst klar, was ich getan habe. Ein Gefühl der Reue überkommt mich, dass noch stärker wird, als die drei Leute, deren Lunchpaket ich gegessen habe, anfangen, nach dem Arsch zu fahnden, der ihr Mittagessen geklaut hat.

Aber welche Wahl habe ich jetzt schon? Ich kitzle mich am Gaumenzäpfchen und der Brechreiz sorgt dafür, dass das Beweismaterial verschwindet. Das Schinken-Sandwich verfängt sich extrem schmerzhaft in festen weißen Teigklumpen in meinem Hals. Das kann man sich so vorstellen, als wenn man beim Scheißen ein riesiges Stück rausdrücken muss und es einen fast zerreist. Es tut gemein weh und nachher habe ich so kleine, rote Pünktchen um die Augen. Trotzdem ist es für mich ein guter Tag. Ich habe mich der Obrigkeit widersetzt, habe kein Geld für Essen ausgegeben, und ich habe gekotzt.

FÜNFTER TAG: Ein normaler Tag, normal gegessen, nicht gekotzt. Ich habe die größte Augenentzündung der Welt, was bedeutet, dass ich—ohne Scheiß—eine Augenklappe tragen muss. Ich gehe in die Klinik und der Arzt sagt mir, dass mir dieses Experiment ein Magengeschwür bescheren könnte, wenn die Menge der ausgeschiedenen Säure größer ist als der normale Pegel der Verdauungssäfte. Ich verstehe kaum, was das bedeutet, also denke ich nicht weiter daran. Ich bleibe im Bett und schaue fern. Ich versuche, Suppe zu essen und scheitere kläglich. Ich bin schon eine furchtbare Person, ich kriege ja wohl gar nichts hin.

SECHSTER TAG: Ich wache mit einem üblen Brechreiz auf. Ich beuge mich vor, um nach meinem Handy zu greifen und kotze mir in den Mund. Kann sein, dass ich vergessen habe zu erwähnen, wie leicht es mir inzwischen fällt, mich zu übergeben. Ich muss nur mal fest das Zwerchfell anspannen, schon kommt es mir hoch. Ich esse den ganzen Tag fast nichts, ich kotze nur, kotze und kotze. Mein ganzes Leben wird heraus geworfen. Ich kotze alles aus: Gefühle, Stress, schlechte Bands, die ich früher mochte, die ganze Welt wird zu einem Auswurf. Es ist echt cool.

Ich kann nicht zur Arbeit gehen. Ich kann nicht denken, nicht mal telefonieren. Ich bin eine Insel namens Bulimie. Rücklings schlafe ich in meinem Bett neben ein paar dreckigen Schüsseln ein.

SIEBTER TAG: Mein letzter Tag. Ich esse heute nichts und werde mich wohl nicht aufraffen können, das Bett zu verlassen. Ich denke daran, was wohl auf meinem Grabstein stehen wird: „Marie-Elaine starb im Alter von 22 Jahren, weil sie mager sein wollte.“


Jetzt, da alles gesagt und getan ist, kann ich euch verraten, dass Bulimie bescheuert ist. Ich habe fast drei Kilo in einer Woche zugenommen. Außerdem hatte ich ständig Angst, dass professionelle Bulimiker meinen Artikel lesen würden und sagen, dass ich es nicht richtig gemacht hätte, dass ich ein Amateur und eine Heulsuse sei, was auch immer. Scheiß drauf. Ich kenne hier keine, die je die Energie aufbringen würde, irgendwie rumzumeckern oder zu schreiben. Tatsächlich wollen alle Bulimikerinnen auch Sex mit ihren Vätern haben. Schluckt das erstmal!

MARIE-ELAINE GUAY