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DOS & DON'TS
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In den nächsten Monaten verbrachte Sakamoto mehrere hundert Stunden in seinem Hobbykeller. Er entwickelte einen kleinen Chip, mit dem er seinen Sohn jederzeit orten konnte. „Meine Frau war komplett dagegen, weil sie dachte, ich wollte ihm den Chip unter die Haut pflanzen. Aber so verrückt bin ich auch nicht. Ich dachte eher daran, das Ding in seinem Schuh oder seiner Uhr zu verstecken. Sakamoto hatte nicht vor, seinen Sohn in die Sache einzuweihen. Niemand sollte den Chip finden können. 32.000 Dollar später war Yushi dann soweit. „Aus heutiger Sicht kann ich gar nicht glauben, wie idiotisch der erste Prototyp konstruiert war. Er hatte nicht mal eine eigene Stromversorgung.“ Das erste Modell basierte auf einem Erkennungschip für Hunde, der allerdings kein Signal sendete. Man konnte ihn nur im Tierheim mit einem entsprechenden Gerät auslesen, aber wenn der Hund sich in der Wüste verirrte, war er tot. Hier lag also die erste Schwierigkeit. Der Chip musste ein Signal zu einem Satelliten senden, der ihn dann lokalisieren konnte, und dazu brauchte es eine Batterie. „Mein Sohn sollte ja auch durch Betonwände und über große Distanzen zu orten sein, also musste das Signal richtig stark werden, wie bei einem guten Handy“, sagt Yushi, „man braucht genug Power, um ein Signal ins Weltall zu senden.“ Der zweite Prototyp enthielt eine 8-Volt Batterie. Für eine Massenproduktion war er noch zu teuer, aber er funktionierte. Der Chip war mit einer einfachen GPS-Software verbunden, die nur über das Internet funktionierte. Nicht gerade optimal wenn man sein Kind gerade in einer Menschenmenge verloren hat, aber es war ein erster Schritt. „Der Gedanke, dass ich meinen entführten Sohn nur mit Hilfe eines Computers aufspüren konnte, war mir nicht genug. Also baute ich ein kleines Handheld-GPS, das ziemlich albern aussah. Wahrscheinlich machte ich einen ziemlich durchgedrehten Eindruck mit diesem Ding, aber es passte in meine Tasche“, erzählt Yushi, der noch weitere 10.000 Dollar investierte, um seinen Locator® so klein wie möglich zu machen.
Schnell realisierte Sakamoto, dass er mit seinem Locator® eine Marktlücke entdeckt hatte. Was war eigentlich mit den Kindern anderer Leute? Mussten sie nicht diese lächerlichen Hundehalsbänder samt elastischer Leine tragen? Die Uhr, in die er seinem Sohn den Chip eingebaut hatte, war nicht annähernd so demütigend. Vor allem konnte man den Chip unmöglich erkennen. Sakamoto ahnte, dass er seine Erfindung im großen Stil produzieren musste. Wie der Kerl aus dem Schweinchen-Namens-Babe-Film ganz richtig erkannt hat: „Wenn eine Idee sich in deinem Kopf festsetzt, muss es eine gute Idee sein.“ Das Problem war, dass er den Chip nicht unter 10.000 Dollar das Stück herstellen konnte. Welche Eltern würden so viel Geld für ihre Paranoia ausgeben? Sakamoto war verblüfft, dass die Nachfrage das Angebot bei weitem übertraf. „Das größte Problem in der Herstellung war, dass niemand wissen durfte, dass diese Chips existieren. Sobald die Kriminellen davon wissen, verlieren sie ihren Wert. Meine ersten Kunden mussten also reich und diskret sein, um die Chips zu testen.“ Sakamotos erster Kunde war ein kolumbianischer Freund der Familie, den wir hier Mr. Suarez nennen wollen. Mr. Suarez wurde schon häufiger von Kidnappern bedroht, seit er ein hohes Amt in der kolumbianischen Regierung angenommen hatte. Den meisten seiner Kollegen ging es genauso. In Kolumbien sind Kindesentführungen ein blühender Geschäftszweig, eine fiese Art von Reichensteuer, die sich die Armen ausgedacht haben. Mr. Suarez und seine Freunde luden Sakamoto zu einem diskreten Rendezvous nach Südamerika ein. Drei Tage verbrachte er damit, einer Menge reicher Menschen seine Erfindung vorzustellen. Als er nach Hause flog, hatte er Aufträge für 56 „Super Kid Watches“ in der Tasche. „Nach dem Kolumbien-Deal wusste ich, dass diese Erfindung die Welt verändern würde. Jetzt hatte ich das Startkapital, um die Erfindung noch weiter zu verbessern und größere Investoren an Bord zu holen.“ Sakamotos Vater, ein prominenter Import-Export-Händler in New York, übernahm mit Freude die Massenproduktion des Locator®-Chips. „Nachdem ich das Geld aus Kolumbien hatte, konnte ich mit der Erfindung an die Öffentlichkeit gehen. Letztendlich produzierte ich so billig, dass man die Chips überall einbauen konnte, vom Autoschlüssel bis zu Muttis Lieblingsohrringen. An diesem Punkt konnten die Diebe auch davon wissen, die Chips waren mittlerweile zu klein um sie entdecken zu können. Auf die Kriminellen hatte das eine abschreckende Wirkung.“ Der Plan ging auf. Heute geht ein Satz Locator®-Chips für 50 Dollar über die Theke. Das heißt, man bekommt sechs Chips, jeder davon mit eigener Energiequelle (etwa so groß wie zwei Uhrenbatterien), die man überall anbringen kann. Eltern kaufen ihren Kindern ein Handy, unter der Bedingung, dass sie einen Locator® anbringen. Die Locator®-Chips sind mittlerweile so verbreitet, dass sich Diebstahl wirklich nicht mehr lohnt. Kein Dieb will seine Zeit damit verbringen, seine gesamte Beute auf der Suche nach versteckten Locator®-Chips auseinander zu nehmen. Die Zeit arbeitet gegen ihn. „Das Einzige, was noch gestohlen werden kann, sind Geldbörsen“, sagt Yushi. „Jemand stiehlt eine Geldbörse, rennt wie verrückt, nimmt das Geld raus und wirft den Rest weg, bevor er geortet wird. Aber alles andere ist sinnlos.“
Mit etwa 350 Dollar sind auch die Ortungsgeräte preiswert geworden, aber Studenten und andere arme Schweine haben die Möglichkeit, ihre verlorenen Dinge über LocatorChip.com lokalisieren zu lassenkostenlos. Bei einem Preis von 8-9 Dollar pro Chip könntest du eigentlich auch einen an deinem Schwanz anbringen, oder an dem von deinem Freund (nur Spaß). Für Yushi war es ein mühsamer und langsamer Weg zum Erfolg. Er investierte soviel Zeit, dass seine Familie beinahe zerbrach. Das wäre eigentlich eine hübsche Ironie des Schicksals gewesen, aber sie haben es nochmal geschafft. Auf jeden Fall hat er ein billiges und simples Stück Elektronik entwickelt, das die Welt für immer verändert hat. „Es ist kaum vorstellbar, wie sehr diese Dinger unser Leben beeinflussen werden“, sagt Detective Jason Mitchell vom NYPD, dessen Abteilung gerade über zwei Millionen Dollar in Locator®- Chips investiert hat, um Ausrüstung und sogar Personal orten zu können. „Letztes Jahr bekamen wir einige Anrufe von Leuten, die nicht nur wussten wann und wo sie überfallen wurden, sondern sogar wo die gestohlene Ware sich befand. Statt ein gestohlenes Fahrrad zurückzubringen, haben wir ganze Lager voller Hehlerware ausgehoben. Es ist beeindruckend, und je kleiner Sakamoto diese Dinger machen kann, desto mehr Verbrechen werden wir aufdecken können. Wenn sie erstmal klein genug sind, dass wir sie an Geldscheine oder Drogen anbringen können, wird sich dieses Land binnen einiger Jahre völlig verändern.“ Lediglich eine Kleinigkeit könnte der Polizei zukünftig zum Problem werden: Selbstjustiz. Wenn jemand 2,10 Meter groß ist und sein Fahrrad gestohlen wird, hat er vielleicht keine Lust zu warten, bis die Polizei den Papierkram ausgefüllt hat. Er wird sich den Fucker auf der Stelle selbst vornehmen. „Es gab einige Berichte von Personen, die das Gesetz in die eigene Hand genommen haben“, gibt Mitchell zu, „vor allem in den schlechteren Vierteln. In Zukunft könnte das ein Problem werden, aber das werden wir sehen, wenn es soweit ist.“ Man darf sich also zurücklehnen und von dem Tag träumen, an dem es das einzige Problem der Polizei sein wird, rachsüchtige Leute davon abzuhalten, die Diebe selbst zu verdreschen. Seufz. Das wär doch mal was. GAVIN McINNES
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