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DOS & DON'TS









Juvenile, B.G., und Wayne. Endlich wieder zusammen!






Um das einmal festzuhalten, Vice veröffentlichte als erstes eine Definition des Begriffes „Bling Bling“ und wir haben sie aus erster Hand. Es war 1999 und der Interviewpartner war B.G., Slang-Erfinder und Mitglied der einzigen Gangsta-Boyband der Welt: The Hot Boys. Damals wurden diese tätowierten, Bandana tragenden Teenager zu MTV-Herzensbrechern, was sie vermutlich selbst stark verwundert hat. Eigentlich logisch, hatten sie doch alles, was man zum Erfolg braucht: Ihr Alter, zwischen 16 und Mitte 20, entsprach genau dem Kreis der Plattenkäufer; ihr Label, Cash Money Records, hatte gerade einen 30 Millionen Dollar-Vertrag mit Universal abgeschlossen; sie standen unter strikter Aufsicht der visionären, aber despotischen Manager Ronald „Slim“ und Bryan „Baby“ Williams. Vor allem produzierten sie die beste Musik, die jemals aus New Orleans zu hören war, mit exklusiver Unterstützung des alteingesessenen Elektrogenies Mannie Fresh. Jedes Gebiet war abgesteckt: Juvenile war der lustige ältere Bruder mit dem unwiderstehlichen Country-Slang, B.G. der schlitzäugige Schlägertyp, der mit 19 fünf Soloalben aufnahm, Young Turk der unverständliche Rap-Poet und Lil’ Wayne das Nesthäckchen. Man stelle sich New Edition nach zehn Jahren im Jugendknast vor. Jedenfalls kollabierte die Cash Money-Truppe kurz nach dem Eintritt ins neue Jahrtausend. Juvenile und B.G. verließen das Label nach bitteren Vertragsstreitigkeiten. Turk wurde verdächtigt, einen Polizisten erschossen zu haben und musste ins Gefängnis. Selbst Mannie, das Rückgrat des Labels, ließ letztens verkünden, dass er seine 808s woanders aufbauen wird. Der einzige Star, der im Dienst blieb, ist Lil’ Wayne, der „Baby“ die ewige Treue hält, obwohl ihn Jay-Z letztes Jahr unbedingt unter Vertrag nehmen wollte. Was New Orleans jetzt am Dringendsten braucht, ist eine Wiedervereinigung der Hot Boys. Offiziell scheint es unwahrscheinlich. Juvenile ist mit dem Nachfolger von seinem Smash-Hit von 2004, „Slow Motion“, beschäftigt. B.G. wird von G-Unit umworben und Wayne hat sich auf mysteriöse Weise in den besten lebenden Rapper verwandelt. Aber Gerüchte gehen um. Trotz einiger Feindseligkeiten enthüllen die folgenden übereinstimmenden Antworten verwandte Seelen, die sich danach sehnen, wieder zusammenzufinden.

ERINNERUNG AN ALTE ZEITEN
Vice: Auf „I Miss My Dogs“ schwelgt Lil’ Wayne in unbestreitbarer Nostalgie an die Hot Boys-Zeiten. Erzähl uns etwas über die guten alten Zeiten.

Juve:
Ja, das waren schöne Tage. Ich erinnere mich, wie wir auf Tour waren, Auftritte hatten, zusammen auf der Bühne standen. Wir waren Jungspunde und hatten unseren Spaß. Und Mannies Beats haben uns noch stärker zusammengeschweißt. Diese Erinnerungen kann einem niemand rauben und man kann sie nicht als selbstverständlich hinnehmen. Aber Niggas sollten dich anständig behandeln. Wenn du zu mir nach Hause kommst und ich sage dir, ich habe dir was zu Essen gekocht, gebe dir aber nur Brot, und wenn der nächste kommt, gebe ich ihm das ganze Essen, wie fühlst du dich dann? Für mich sah die Sache so aus: Ich habe einige Jahre bei Cash Money verbracht und jetzt muss ich mein eigenes Ding machen.

Wayne: Ich erinnere mich an die Kameradschaft. Wir waren echte Freunde und das machte alles, was wir getan haben, besser. Wenn ich Verwandte sehe, denke ich mir: „Moment mal, wie alt bist du?“ Ich sehe, was sie machen und wie klein ihr Leben ist im Vergleich zu meinem, als ich in dem Alter war. Zum Beispiel Basketball, das ist ihr Leben. Als ich 14 war konnte ich Basketball nur dann spielen, wenn der Tourbus vor einem Hotel hielt, das einen Basket-ballplatz hatte. Ich habe so viele Erinnerungen. Wenn ich mal meine Stimme verlieren sollte oder plötzlich gelähmt bin, brauche ich mich nur hinzusetzen und an diese Jahre denken. Ich war 11, als ich bei Cash Money unterzeichnet habe. Meine Mutter ließ mich von der Schule gehen, so dass ich meinen Traum verfolgen konnte. Also war ich die meiste Zeit Schüler bei Cash Money. Dann wurde ich Absolvent und jetzt bin ich der Direktor dieser Schule.

B.G.: Ich war seit ’92 bei Cash Money und bin 2001 ausgestiegen. Baby hat mich erzogen. Wirklich, er war mein Papa. Mit 12 habe ich zum ersten Mal für ihn gefreestylt. Als ich 13 war, erkannte er, dass ich rappen kann und der Rest ist Geschichte, kapiert? Er hat mich aufgenommen. Mein Vater war weg und die Straße hatte einen Nigga adoptiert. Baby hat einen Nigga unter seine Fittiche genommen, hat einen Nigga ins Studio gestellt und das war meine Berufung. Ich erinnere mich, wie ich im Studio war, als Cash Money anfing, mich aufzubauen. UNLV, Lil’ Slim—diese Niggas haben mich aufgebaut. Ich habe einfach nur zugekuckt und gelernt, den ganzen Tag Raps geschrieben. Wenn mir Fresh vier Beats vorgespielt hat, hab ich vier Songs geschrieben. Ich war rund um die Uhr dort. Denn wenn ich nicht im Studio war, war ich bei meiner Mutter im Ghetto. Mein Vater wurde getötet als ich 12 war—jetzt bin ich 25—also lebten wir von Sozialhilfe. Meine Mutter brauchte die Hälfte, um die Rechnungen zu bezahlen und ich hab die andere Hälfte durchgebracht. Ich bin mit den großen Jungs aufgewachsen, kapiert?

UND IMMER SCHÖN BOUNCEN
Du hast UNLV und Lil’ Slim erwähnt, die erste Künstlergenera-tion von Cash Money. Die Menschen scheinen zu vergessen, dass es in erster Linie die Bounce-Musik von New Orleans war, die die Hot Boys bekannt machte.

Juve:
Ich bin einer der Pioniere der Bounce-Musik, kapiert? Ich habe das schon in der Schule gemacht, aber die Welt war noch nicht bereit. Aber wenn man sich mal anhört, was Lil’ Jon und The ATL Cats jetzt machen—sie nennen das Crunk—im Grunde ist das Bounce. Damals haben die Niggas nicht mitgekriegt, was da aus New Orleans kam. Deswegen musste ich meinen Stil verändern. Auf meinem neuen Album ist immer noch etwas Bounce, für diejenigen, die den alten Juve mit dem Bounce hören wollen, kapiert?

B.G.: Cash Money war ein Bounce-Label. Ich habe es in ein Gangsta-Label verwandelt, weil ich Gangsta-Rap gemacht habe. Ich habe das ganze Spiel verändert. Was ich aber richtig lustig finde, ist der ganze Scheiß, der jetzt aus Atlanta kommt. Das ganze „Laffy Taffy“. New Orleans macht das seit ’93, ’94. Versteh mich nicht falsch, ich respektiere die Jungs aus Atlanta dafür, dass sie sich bemerkbar machen—wir lieben uns alle. Aber UNLV hat das alles in Bewegung gebracht. Jetzt will ich das ganze Urgestein von zu Hause zusammentrommeln und denen zeigen, wie man es richtig macht. Ihnen zeigen, wie man Zehn- bis Fünfzehntausend pro Auftritt bekommt, für einen Song wie „Laffy Taffy“.

Wayne: Bounce-Musik ist ein wichtiger Teil von New Orleans und auch heute noch beliebt. Jedesmal wenn ich ins Ghetto zurückkomme, gibt es einen neuen Bounce-Song, der zum Hit wird. Der letzte, den ich gehört habe, war über FEMA. Ich selbst habe nie viel damit zu tun gehabt, ich hab nicht ein einziges Mal einen Bounce-Rap gemacht. Aber vielleicht muss ich mich mal damit auseinandersetzen und es der Welt zugänglich machen.

ERWACHSEN WERDEN
Was ist der größte Unterschied zwischen den Hot Boys-Zeiten und heute?

Wayne:
Ich bin einfach erwachsen geworden. Als ich anfing zu rappen, wurde ich von dem beeinflusst, was in meinem Kassettenrecorder lief. Dann hat sich mein Horizont erweitert und ich entdeckte Jay-Z mit In My Lifetime Vol. 1. Dann habe ich mich tiefer damit auseinandergesetzt und Reasonable Doubt gehört. Jay hat dann dafür gesorgt, dass ich das Gleiche mit B.I.G. tat, denn er findet B.I.G. super. Jay und B.I.G. wurden quasi meine Schatten. Davor lief es so, dass ich mir immer dachte: „Wie werden Baby und Slim auf diesen Reim reagieren?“ Juve und B.G. mussten sich um so was nicht kümmern, die waren echte Männer. Ich war jung und habe mich immer gefragt: „Werden Baby und Slim das mögen?“ Als ich dann ein richtiger Künstler wurde, hörte ich mir andere Rapper an. Mixtapes waren mein geistiges Workout. Ich fing an mich zu fragen: „Wenn B.I.G. oder Jay das hören, wie muss es dann klingen? Wie würde Jay auf diesen Reim reagieren, wenn ich vor ihm stehe und es a cappella vortrage?“ Und er reagierte.

B.G.: Ich bin nach Detroit gezogen. Meine Familie wohnt dort. Nach dem Hurrikan war ich emotional am Ende. Eine Zeit lang konnte ich gar nicht darüber reden, verstehst du? Wenn man in New Orleans geboren und aufgewachsen ist, stell dir vor, wie man sich fühlt. Ich dachte, es wäre das Ende der Welt. Aber mein Ghetto-Pass ist international, ich kann meine Juwelen überallhin tragen, kapiert? Ich war ganz oben und ganz unten. Jetzt bin ich wieder oben. Mir winken fünf Angebote mit sechsstelligen Beträgen ins Gesicht und ich weiß ehrlich gesagt nicht, welches ich annehmen soll. Jeder will wissen, was ich als nächstes mache. Ich bin mit Fresh in Kontakt geblieben, er produziert meine neue Single. Auch mit Juve habe ich noch zu tun und Turk habe ich letzte Nacht Geld geschickt. Mit Wayne habe ich mich gut verstanden, bis ich in einem Magazin eine Aussage von ihm gelesen habe, die ich äußerst respektlos fand. Ich weiß, dass es eigentlich nicht seine Art ist, also lass ich ihn sein Ding machen und es gut sein. Ich liebe ihn, er ist mein kleiner Nigga, aber er steht drauf, wenn ihn andere Leute anbeten. Ich könnte ihm mal eine reinhauen und ihn darüber rappen lassen.

Juve: Ich konzentriere mich momentan darauf, meine Familie zu ernähren. Ich wurde nicht bezahlt und muss jetzt kucken, wo es langgeht. Sollen sich die Anwälte mit meinen alten Problemen beschäftigen, ich schaue nach vorn. Ich habe wieder angefangen, Geld zu verdienen. Ich bin wieder mit Mannie Fresh zusammen. Mein Album habe ich Reality Check genannt, als Verweis auf das, was bei Cash Money abgelaufen ist. Damals gab es zwar Reality, aber keinen Check.

WHOADIE ALLEN
Lil’ Wayne’s Tha Carter II ist auf Cash Money Records erschienen, Juvenile’s Reality Check auf Atlantic und B.G.’s The Heart Of The Streets, Vol. 2 auf Chopper City Records.