Helga Weinmeier mit einigen ihrer Flughunde. Photo von Nicolas Mönch






Was macht deine Grossmutter so zum Zeitvertreib? Wahrscheinlich häkelt sie gern, backt, geht in die Kirche, spielt Karten, oder sie hegt und pflegt ihr Gärtchen, schaut sich Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen an und singt alte Lieder. Vielleicht ist sie mit dir früher, als du noch nicht so ein respektloser, verwöhnter Loser warst, auch gern im Stadtpark spazieren gegangen. Das trifft es ungefähr, oder? Gut, jetzt denk mal ein bisschen weiter und versuch, dir die coolste Großmutter überhaupt vorzustellen. Stell dir einfach die heißeste Braut überhaupt vor, addiere 50 Jahre hinzu, und sag dir: „Naja, die Titten mögen ihr ja ein bisschen arg nah bei den Knien hängen, trotzdem würde ich sie definitiv nicht von der Bettkante stoßen.“ Kriegst du das hin? Strickt sie Ramones-Pullover, reicht zum großen Abendessen im Familienkreise Hasch-Brownies, ohne jemandem etwas davon zu sagen? Verdingt sie sich als Geronto- Pornodarstellerin? Spielt sie Ms. Pacman im Hyperspeed-Modus? Okay, streng dich noch ein bisschen an: nutzt sie Barockgemälde als Masturbationsvor-lage, produziert sie unter dem Pseudonym DJ Supercaramelosa Reggaeton-Tracks? Kollaboriert sie mit der Al Qaida? Nun gut, das geht dann doch ein bisschen weit, vielleicht solltest du dich mal mit einem Arzt unterhalten.

Aber lass mich dir vorstellen, was die hippsten alten Mädchen in Bayern und Österreich derzeit zur angesagtesten Sportart erkoren haben, einen Hype, der sich so schnell verbreitet wie Feuer auf einer Schießpulverspur (obwohl dabei, ehrlich gesagt, eher Babypuder eine Rolle spielt): den Hundeflug. Ja, genau das: Man schnappe sich einen Hund (lebendig), hebe ihn hoch und lasse ihn so weit fliegen, wie es geht. Überwiegend werden kleinwüchsige Rassen bevorzugt, Chihuahuas etwa, oder kleine Terrier. Hundebabys gelten nicht.

Es gibt aber auch Schwergewichts-Klassen, für die stärker gebauten deutschen Frauen, die noch rüstig genug sind, ihre Bassets und Cocker Spaniel durch die Luft zu wuchten, ohne sich dabei die Wirbelsäule zu dislozieren. Das soll jetzt nicht heißen, dass diese Sportart schon zum Mainstream zu rechnen wäre. Es geht eher um ein Grüppchen gelangweilter alter Spinnerinnen, verstreut auf ein paar kleine Dörfchen hier und da, die sich von ihren Seniorenreisen her kennen.

Normalerweise erschöpften sich diese Reisen darin, im Bus ein Nickerchen zu machen, wie eine Schafherde umher gescheucht zu werden, um schließlich ein paar Bilder von irgendeiner Kirche und irgendwelchen Heiligenstatuen zu machen. Man beschwert sich über dies und das, macht sich auf die Jagd nach einem neuen Ehemann und knutscht herum, ohne die Dritten herauszunehmen. Gut, das war jetzt nur so dahergesagt, einfach, um euch dieses widerliche Bild vor Augen zu führen, damit ich es endlich aus meinem Kopf kriege. Klar, dass auch einige der Mitreisenden diese Ausflüge eher langweilig fanden. So auch Helga Weinmeyer, die Erfinderin der Sportart. Offenbar haben sie und ihre Freundinnen sich diese Langeweile schon immer auf eine eher ungehobelte Art vertrieben. Im Haus Maria Jacobi in Oberammergau, wo sie sich regelmäßig mit anderen Rentnern trifft, sind Furzkissen, Verarschungstelefonate und Mambopartys an der Tagesordnung. Wie uns die Pfleger des Hauses bestätigen, ist ihre Energie und ihre Lebendigkeit so ansteckend, dass auch der miesepetrigste Greis noch aufsteht und mitfeiert, soweit Knochen und Blase das mitmachen. Einmal hat sie sich bei einem Pokerspiel tot gestellt. „Das war allerdings eher nicht so eine gute Idee,“ räumt sie ein. „Helene ist in Ohnmacht gefallen und Frau Wolf hat so einen Nervenkasper bekommen, dass sie mich schon vor die Tür setzen wollte!“ Das hat Helga allerdings nicht davon abhalten können, weiter ihren Spaß zu haben. Während eines Wochenendausfluges zu einem Berggasthof vor zwei Jahren, bei dem einige Teilnehmer ihre Hunde dabei hatten, wettete sie mit einer Freundin, dass Hunde—wie Katzen auch—immer auf die Füße fallen. Zum Beweis wollte man allerdings nicht das Leben eines Hundes gefährden, indem man ihn einfach aus dem Fenster warf. Also hoben sie den Vierbeiner einfach hoch und warfen ihn so weit wie möglich. Bei den ersten Versuchen flogen die Hunde allerdings nicht weit genug, um eine eindeutige Klärung herbeiführen zu können, also versuchten sie es öfter und mit unterschiedlichen Hunden. Den Kötern machte das nicht so viel aus, wie man eigentlich meinen sollte. Das sind zähe kleine Viecher, die viel Vertrauen in ihre Frauchen setzen. Und so machte man irgendwie auch dann noch weiter, als die Ausgangsfrage schon längst geklärt war. Zunächst maß man die Strecke, die die Hunde im Fluge zurücklegten noch behelfsmäßig anhand von Felsen und Bäumen in der Landschaft. Dann ging man dazu über, standardisierte Messmethoden und verbindliche Rasse- und Gewichtskategorien aufzustellen. So wurde aus einer Veranstaltung, die ja eher aus einem Witz heraus geboren wurde, nach und nach eine regelrechte Sport-Disziplin. Der Name „Hundeflug“ soll verdeutlichen, dass die semi-aktive Teilnahme des Hundes eine wichtige Rolle spielt. Schließlich gehe es nicht einfach darum, dass eine Oma einen Hund durch die Luft schleudert, sondern vielmehr um eine Teamleistung von Mensch und Tier, beide stolz durch den Ehrgeiz vereint, die Besten sein zu wollen, so wie man das auch von anderen Talentwettbewerben im Hundesport kennt.

Die Mädels im Haus Maria Jacobi (Männer, sind eher weniger interessiert) haben den Sport vorangetrieben. Immer, wenn sie auf ihren Ausflugsreisen und Pilgerschaften auf andere Seniorenclubs trafen, führten sie ihren neuen Zeitvertreib vor. Schließlich waren so viele Gruppen dabei, dass es Sinn machte, in richtigen Wettbewerben die besten Hundwerfer zu ermitteln. Inzwischen finden diese ein- bis zweitägigen Wettkämpfe alle paar Monate an verschiedenen Veranstaltungsorten statt, meist in abgelegenen kleinen Erholungsorten auf dem Lande. Es gibt schon 12 Mannschaften, fast alle aus Süddeutschland. Jede Mannschaft hat ihre eigene Hymne und ihre eigenen Vereinswimpel, und das ist erst der Anfang. Es gibt drei Kategorien, die nach dem Gewichtsverhältnis von Frauchen und Tier ermittelt werden. Das ist nicht immer ganz fair, denn hier ist es nicht so wie im Boxsport, wo schwerer automatisch auch stärker bedeutet. Jede Mannschaft sucht dann aus ihren Reihen vier Teilnehmer aus. Begleitet von langen und stimmungsvollen Ansagen des Veranstaltungs-MCs und unter genauer Beobachtung seitens der Konkurrenz werfen sie dann jeweils einmal ihren Hund. Schließlich werden alle vier Distanzen zusammenaddiert. Viele Omas haben für sich und ihren vierbeinigen Teamkollegen extra Sportoutfits im Partnerlook gestrickt, die zunächst in einem kleinen Defilee vorgeführt werden. Nachdem der Wettkampf das Halbfinale und Finale durchlaufen hat, nimmt die erstplatzierte Mannschaft ihre Preise in Empfang: Für die Frauchen gibt es meist eine Handvoll Besteck und ein paar Heiligenfigürchen aus Porzellan, für die Hunde Medaillen. Anschließend sitzen alle Teilnehmer noch bei Tee und Plätzchen beisammen. Den Hunden kredenzt man ein Festmahl aus bestem Fleisch.

Der aktuelle Rekord in der Kategorie für kleine Hunde wird mit einer Flugweite von 3,85 Meter von Eva Münsterkötter und ihrem Britischen Terrier gehalten. In der Wettkampfklasse „Große Hunde“ ist niemand geringeres als Helga Weinmeyer selbst die Rekordhalterin. Ihr gelang es bei der zweiten Hundeflug-Jahresmeisterschaft in Breitensee, ihren Dalmatiner beeindruckende 2,54 Meter weit zu schleudern. Heutzutage ist Helga allerdings vollauf damit beschäftigt, den deutschen Hundeflugverband zu etablieren. Die Entscheidung, diesen Verband zu gründen, traf sie gemeinsam mit ihren Vereinsgenossinnen im letzten Jahr. Man wollte die Sportart einem größeren Publikum näher bringen. Mit der größeren Öffentlichkeit kam allerdings auch der Deutsche Tierschutzbund ins Spiel, dessen Anhänger jetzt bei allen Veranstaltungen mit ohrenbetäubenden Alarmsirenen versuchen, diese lässigen Omas an der Ausübung ihres Sports zu hindern. Der Verbandsvorstand weist darauf hin, dass den Tieren in keiner Weise Leid zugefügt werde. Als Landeplatz bei den Wettkämpfen diene ausschließlich weiche Gartenerde. Die Hunde würden von ihren Haltern mit aller erdenklichen Sorgfalt geworfen und aufgehoben. Selbstverständlich würden die Vierbeiner auch liebevollst gepflegt und gefüttert. Immer wieder wird betont, dass es bei dem Sport um eine Zusammenarbeit zwischen Hund und Halter geht und nicht um eine Ausbeutung des Tieres. Man müsse sich doch nur mal die glücklichen Gesichter der Hunde anschauen, wenn sie nach bestandenem Wettbewerb genüsslich ihr Festmahl aus Thüringer Würstchen verputzen. Spätestens da müsse einem wohl aufgehen, dass es einfach nicht richtig sein kann, den Hundeflug so zu diffamieren. Darüber hinaus sei der Deutsche Tierschutzbund besser beraten, mehr Energie darauf zu verwenden, sich mal die Leute vorzuknöpfen, die Hahnenkämpfe abhalten oder Hundefleisch nach China exportieren, anstatt hier harmlose alte Damen zu piesacken.

Als nächsten Schritt hofft der Verband, 2008 den Hundeflug als Disziplin bei der Senioren-Olympiade in Fatima einzuführen. So soll auch den Frauen eine Chance gegeben werden, die sich sonst in dieser Welt aus Golf und Fußball nie richtig heimisch gefühlt haben. Wir wünschen den Damen dabei viel Glück!

SUPERCREMOSO


Your email:
Their email:


Comments:

Subject: helga
Date: Mar 06 2006 06:38:44 AM
Author: ted

ich kenne helga weinmeister. tatsächlich ist sie ein typ und heisst helge. sieht man auch, wenn man das foto mal genauer unter die lupe nimmt.



Post a comment:
(posts that are not on topic will be removed)

Name:
Subject:
Comment:





© 2005-2007, Vice Magazine Germany
| Site Design: Solid Sender