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DOS & DON'TS
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Auf dem Land reicht schon eine umtriebige Unternehmerin und ihr Feuer spuckender Mann aus, um mit der Realität auf Kriegsfuß zu stehen. Wir wollen mit Frau Klein vom Hotel „Bettina“, am Rande des Ortes Hollfeld gelegen, eigentlich darüber sprechen, dass sie mit einer Partnerin Meditationen anbietet. Allerdings stellen sich diese Meditationen als Motivationsseminare und Weiterbildungskurse für die Gastronomiebranche heraus. Sowas ist natürlich auch ziemlich klasse und darum hören wir sehr genau zu, was sie über Coaching und Mitarbeiterführung zu sagen hat und dass es einen großen Weiterbildungsbedarf in der Region gibt. Doch die Leute in den Hotels, die zum größten Teil Familienbetriebe sind, glauben das nicht und sagen einfach, „das machen wir schon seit dreißig Jahren so.“ Und daher sind es immer die Gleichen, die sich bemühen, das Land voranzutreiben. Zu ihnen gehört Frau Klein, die sich im Fremdenverkehrsverein engagiert, denn immerhin gehört Hollfeld zum touristischen Notstandsgebiet, wie sie sagt, weil es am nördlichsten Ende der Fränkischen Schweiz liegt. Das Hotel „Bettina“ wurde vor vierzig Jahren gebaut und eigentlich ist Frau Klein ausgebildete Sozialpädagogin, sie hat den Familienbetrieb irgendwann übernommen. Und weil sie nunmal im touristischen Notstandsgebiet überleben muss, lässt sie sich was einfallen, um Gäste in ihr Haus zu lockenda legen selbst hedonistische Städter die Ohren an: Wochenenden für Paare inklusive romantischen und erotischen Sex-Gänge-Menüs, mit irgendwelchen Aphrodisiaka-Beilagen statt Leipziger Allerlei oder Kapernsoße. Außerdem werden manchmal Hexenfeste auf dem Gelände des Hotels organisiert, mit Feuer, Tanz und Sachen, auf die Frau Klein nicht näher eingeht. Doch das alles stößt nicht auf sonderlich viel Gegenliebe seitens der einheimischen Bevölkerung, die hinter den Mauern des Hotels einen Swingerclub vermutet. Diverse Szenarien machten die Runde im Bewusstsein der Hollfelder: ausufernde Fick-Orgien mit Leuten, die sich mittels der erotischen Menüs dauergeil fressen, Satansanbetungen während der harmlos klingenden Hexenfeste, bei denen norwegische Black-Metal-Bands zum Tanze aufspielen und Pläne zum Abfackeln von Kirchen geschmiedet werden. Gab es sowas nicht schonmal, wenn auch in anderer Form, in der Gegend, als während des Bauernkrieges von 1525 die sich zusammenrottenden Bauernhaufen ihren Zorn auf die Obrigkeit blutrünstig u.a. an Kirchen und Klöstern auslebten? („Setzt auf’s Klosterdach den roten Hahn!“, heißt es in dem Bauernkriegslied „Wir sind des Geyers schwarzer Haufen“.) Wenn man aus einer so toleranten und protestantischen Ecke Deutschlands wie good old Preußen kommt, wo man, so weit man nicht des Nachbarn Ruhe stört, in seiner Ein-Zimmer-Wohnung ohne Probleme ein paar Jungfrauen für Satan abstechen kann, versteht man die Panik der Dorfleute nicht richtig. Irgendwie will jeder ja an das Gute im Menschen glauben und nicht an die Macht des großen Widersacher Gottes, der hinter all der Scheiße auf Erden stecken soll. Doch einige Leute in Hollfeld waren und sind auch noch immer davon überzeugt, dass im Hotel „Bettina“ Satanisten oder eine sonstige Sekte ihr Unwesen treibt und wollten schonmal den Pfarrer zum Bekehren schicken, der bisher aber nicht vorbei kam. Zudem versuchten Hotelier-Kollegen Frau Klein und ihr Hotel aus dem Fremdenverkehrsverein entfernen zu lassen. Frau Klein erzählt das alles recht gefasst und ruhig beim Kaffeewas könnte diese Frau mit Satan zu tun haben? Sie betont, dass sie unabhängig und nicht auf die einheimischen Gäste angewiesen ist, die höchsten aus Sensationsgeilheit kommen oder weil das Böse auch in ihrer Brust schlägt. Doch trotz Alltag und Normalität geht der Kulturkampf im Fränkischen weiternicht verwunderlich, denn die weltliche Motivation, die Frau Klein ihren Kunden näher bringt, muss der katholischen Kirche ein Dorn im Auge sein, weil diese die Motivationshoheit besitzt, wenn auch die geistliche. Und überall Verfallserscheinungen: Hollfeld hat eine protestantische Bürgermeisterin, die auch noch ledig istwo bekommt die ihre Wählerstimmen her? In der Nähe Nürnbergs hat die Jugendgruppe der evangelisch-lutherischen Gemeinde Katzwang zur Aufbesserung ihrer Finanzen, die Jugendräume brauchten dringend eine neuen Anstrich, einen Kalender mit Szenen aus der Bibel veröffentlicht, in dem die jungen Leute zum Teil nackt posieren. Fast zwei Auflagen wurden in kurzer Zeit verkauft, der Server der dazugehörigen Internet-Seite brach unter sechs Millionen Zugriffen zusammen, eine Reuters-Meldung hatte international über den Verkauf berichtet. Die Fränkische Landjugend, eigentlich eine gute Sache, brachte ähnlich versautes Zeug als Kalender heraus. Frau Klein scheinen diese Bedrohungen nicht sonderlich zu interessieren. Sie lässt ihren Mann Feuer spucken, sie hängt sich Bilder an die Wand ihres Hotel-Restaurants, auf denen nackte schwarze Frauen in Nahrungsmitteln rumliegen, sie verkauft in einem Raum neben der Rezeption Bongs und andere Sachen, die jedes zugedröhnte Kifferherz erwärmen. Und auf ihrem Gäste-Parkplatz steht ein Wagen mit der 666 im Kennzeichen. War das Ganze nicht einmal mehr als die Summe der einzelnen Teile? Es kann nicht alles ein verdammter Zufall sein. Jeder weiß doch, Gott würfelt nicht und schließt nur in Büchern, die man in der Schule lesen muss, einen Pakt mit dem Teufel. KONRAD ROENNE
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