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DOS & DON'TS
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Ich folgte den Reportern zum Cité Montmousseau in Ivry-sur-Seine, einem Vorort südlich von Paris. Am Fuß des Gebäudes, von dem die beiden gesprungen sind, sah ich eine Menge Blumen, einige Gedichte und Abschiedsbriefe, aber keinen Gothic-Schmuck und keine Blutspuren, wie es in vielen Artikeln geschrieben wurde. Übrigens ist Ivry-sur-Seine ein sehr ruhiger Ort, und hat nichts mit dem „suburbanen Ghetto” zu tun, zu dem es im französischen Fernsehen gemacht wurde. Am Tag ihres Todes, haben Marion und Virginie die Schule geschwänzt, um ihren Freund Benjamin zu besuchen, in dessen Wohnung sie „häufig Gras rauchten und Death Metal hörten” (AP-Bericht). Marion und Virginie baten Benjamin und Julien, ein anderer Freund, im Wohnzimmer zu warten, während sie eine „Überraschung” vorbereiten würden. Eine der beiden rief aus dem Schlafzimmer „OK, kommt rein!” Ben öffnete die Tür. Marion und Virgine standen auf dem Fenstersims, ihre Hände aneinander gebunden. Sie lächelten. Und sprangen. Auf Grund der sensationslüsternen und vorwurfsvollen Berichterstattung, die schnell die üblichen Schuldigen Marilyn Manson und Marihuana verantwortlich machte, wurden die Details der Beerdigung geheim gehalten. Aber es war nicht schwer, etwas herauszufinden. Nach dem zehntägigen Mediengewitter hatte ich mehr Menschen auf der Beerdigung erwartet. Es waren nur Familienmitglieder (43 laut Bestattungsunternehmen), vielleicht 20 Schulfreunde und etwa 100 Leute aus Ivry und Vitry dort, dazu zehn Zivilpolizisten, aber kein anderer Journalist. Der Pfarrer hielt eine schöne Rede und bat um Vergebung für eine katholische Kirche, die über Jahrhunderte den Selbstmördern ein Begräbnis verweigert hat. Als ein Song von Hoobastank gespielt wurde, weinte die ganze Kirche. Eine Stunde später lief ich zum Friedhof, versteckte mich und wartete, bis die letzten Personen gegangen waren. Dann ging ich an Virginies Grab und bemerkte den Teddybär, der in den Marmor eingraviert war. Ich realisierte, wie jung die Mädchen gestorben waren. Und ich fühlte mich verdammt mies, dort zu stehen. Was ich über Marion und Virginie durch die anderen Journalisten und durch die vielen Artikel erfahren habe? Nicht viel. Ich fand keine gute Erklärung für ihren Selbstmord. Ich habe es auch nicht geschafft, eine gute Story über ihre Freunde zu schreiben. Aber ich habe etwas über den Journalismus gelernt: Die Realität ist nicht immer so einfach und verständlich, wie die Reporter sie gerne hätten. MATHIEU BERENHOLC |