Mucker ist 18 Jahre alt, und er liebt sein Land. Er würde für sein Land sterben. Und töten. Darum ist er auch, zusammen mit hunderten von Gleichgesinnten, im September in Belfast auf die Straße gegangen, um ein paar Straßenzüge seiner Heimat in Schutt und Asche zu legen.
Läden wurden niedergebrannt, bei einem christlichen Gemeindezentrum die Fenster und das Dach zerschlagen, Ampeln umgeknickt, Taxis zerstört, Busse abgefackelt, Polizisten und Soldaten wurden in die Luft gejagt, verbrannt und beschossen. Mauern wurden zur Gewinnung von Betonmunition niedergerissen, um alles in Dunkelheit zu stürzen wurden Stromkästen umgenietet. Auch eine Bank wurde geplündert, um auch in finanzieller Hinsicht größtmögliche Schäden anzurichten. Bis an die Zähne bewaffnet mit einem Arsenal an Steinen, MolotowCocktails, diversen Spreng, Farb und Rohrbomben, sowie der guten alten Feuerkraft ihrer Handwaffen, zwang eine Armee von Loyalisten Belfast in die Knie.
Irgendwann haben ein paar Jungs einen Bagger geklaut, und damit in einer Straße sämtliche Laternen geplättet. Anschließend versuchten sie noch, mit dem Ding einen Geldautomaten aus der Wand zu reißen, bis es der Polizei endlich gelang, sie aufzuhalten. Ein Typ aus der Nachbarschaft wurde aus seinem eigenen Mob heraus von einem Verrückten in den Hals geschossen. Eine Gruppe von Rentnern, die gerade einen Ausflug mit ihrer Kirchengruppe machte, wurde ausgeraubt. Ihr Bus wurde entführt, gefleddert, und als brennende Straßensperre missbraucht. Es herrschte das absolute Chaos. So etwas hatte man schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Das war UKPatriotismus, BelfastStyle.
Ergebnis der drei Nächte andauernden Randale: Schäden in Millionenhöhe, 60 Cops im Krankenhaus, und sich lautstark gegenseitig die Schuld zuweisende linke Politiker. Während dessen fingen Investoren an, Flugpläne zu checken, und sich öffentlich Gedanken darüber zu machen, dass Nordirland ja vielleicht letztlich doch so übel sei, wie sie es von Anfang an befürchtet hatten.
Seitdem versuchen dieselben Politiker zu ergründen, was zu diesen Ausschreitungen geführt haben mag. Sie erklären sich gegenseitig, warum es passiert ist, und wessen Schuld das alles sei.
Den Nagel auf den Kopf getroffen hat allerdings keiner von ihnen. Keiner kann der verdutzten Weltöffentlichkeit so richtig begreiflich machen, woher das kam. „Herrscht da nicht inzwischen Frieden?” fragten einige, „Ich dachte, das hätten sie in Belfast inzwischen überwunden.” Die Antwort? Nicht wirklich.
Wenn man wirklich eine ehrliche Erklärung sucht, sollte man mal die Leute fragen, die die Steine geworfen haben. Im Gegensatz zu den Vertretern des Staates und seiner Behörden fällt es ihnen nämlich nicht schwer, die Sache auf den Punkt zu bringen.
„Es war großartig,” sagt Mucker (Name geändert), ein Teilzeitbeschäftigter Koch aus Lower Shankill, eines der härtesten loyalistischen Viertel der Stadt.
„Die Peelers (Polizisten) haben sich mit ihren Land Rovern direkt vor uns aufgebaut, und uns orange Bastarde genannt. Die ganze Zeit über haben sie uns angestachelt.”
„Leute aus der Nachbarschaft brachten uns Farben und Benzin und so was. Einfach so. Damit haben wir die Polizisten bombardiert. Wir haben dann angefangen, eine Mauer zu zerlegen, um da die Backsteine rauszuholen. Mit denen haben wir dann auch geworfen. Es war großartig, einfach zu versuchen, die Wichser zu erwischen.”
Zweifellos war die Polizei in den loyalistischen Vierteln noch nie so verhasst wie heute. Noch nie hat man ihnen bei ihrem manchmal alptraumhaften Dienst an der Front so wenig Sympathie entgegengebracht.
Ein paar Hintergrundinformationen wären vielleicht hilfreich: Loyalisten wie Mucker sind Protestanten, Briten von Geburt, Briten aufgrund der Tatsache, dass sie in einem Teil des Vereinigten Königreichs geboren sind. Sie mögen es nicht, wenn, wie sie es sehen, ihre Nationalität und ihre Identität bedroht wird.
Ihre traditionellen Feinde sind die Katholiken. Genauer gesagt, die Republikaner, die gerne sehen würden, dass Irland wiedervereinigt wird, weil sie nicht Teil des Vereinigten Königreiches sein wollen, die Iren von Geburt sind, und aufgrund der Tatsache, dass sie in Irland leben.
Beide Seiten haben furchterregende Terrorgruppen ausgebrütet. Einige Katholiken haben die IRA und die INLA gegründet, um die Briten zu bekämpfen. Einige Protestanten haben die UDA und die UDF gegründet, um die IRA und die INLA zu bekämpfen. Tatsächlich haben sie letztlich jedoch einfach jeden Katholiken umgebracht, den sie zwischen die Finger bekommen haben.
Früher wurde die Polizei als eine protestantische Kraft angesehen. Sie wurde gegründet und besoldet vom Vereinigten Königreich, und hatte den Auftrag, Aufstände zu bekämpfen. Mehr als 90 % der Truppe war protestantisch. Viele Katholiken schätzten die Polizei nicht, und trauten ihr nicht über den Weg. Häufig, so erzählt man sich, wurden Katholiken von Polizeitruppen geschlagen, und auch von Schlimmerem wird berichtet.
Doch das Blatt hat sich gewendet. Das KarfreitagsAbkommen hat neue Regeln eingeführt. Die alte, Royal Ulster Constabulary genannte Polizei wurde in den so genannten Police Service of Northern Ireland umgewandelt. Der Rekrutierung der Polizisten erfolgt nun nach einer 5050 Richtlinie, die dafür sorgt, dass mehr Katholiken berücksichtigt werden müssen. Infolge dessen ist, was früher einmal an guten Beziehungen zur loyalistischen Gemeinde bestand, voll und ganz den Bach hinuntergegangen.
Die Lust am Randalieren und der Hass auf die Polizei vermischten sich zu einem explosiven Cocktail. Dass es allerdings in diesem Jahr derart hochgekocht ist, sei auf drei Ursachen zurückzuführen, so sagen sie:
Der IRABomber Sean Kelly tötete vor zwölf Jahren neun Shankill RoadLeute. Er wurde1998, zusammen mit allen anderen Terroristen, im Zuge des KarfreitagsAbkommens aus dem Gefängnis entlassen. Kelly wurde dann nachgesagt, er sei wieder aktiv geworden, woraufhin man ihn wieder eingesperrte. Dann allerdings wurde erund hier liegt das Problemwieder freigelassen, und zwar ausgerechnet im Juli, nur wenige Tage, bevor die IRA verkündete, der Gewalt abschwören zu wollen. Den Loyalisten kam das faul vor, sie vermuteten einen politischen Deal, den sie als Beleidigung an das Andenken ihrer Toten empfanden.
Die jedes Jahr stattfindenden loyalistischen Paraden (man erinnere sich an die berühmtberüchtigten DrumcreeMärsche in den 90ern), werden noch immer an den Katholischen Vierteln vorbeigeführt. Loyalisten halten das für eine politische Gängelung, sie bestehen darauf, dass ihre oft militaristischdrohend anmutenden Paraden Teil einer alten Tradition seien. Die Märsche hätten schließlich schon lange bevor die betreffenden Gegenden als katholisch galten, durch diese Stadtteile geführt. In der Tat war es die Umleitung der örtlichen Whiterock Parade, die die Krawalle dieses Septembers auslöste, und so deutlich machte, dass hier noch einiges im Argen liegt.
Seit dem KarfreitagsAbkommen, so meinen die Loyalisten, habe man ihnen so gut wie keine politischen und finanziellen Zugeständnisse gemacht. Die Republikaner hätten alles abgesahnt, und würden ständig bevorzugt.
In Lower Shankill unterhalten sich ein paar Teenager über die Katholiken, über Leute also, die in einigen Fällen nur wenige hundert Meter entfernt leben, jenseits der zerbeulten Stahlmauer, die die Shankill von der Falls Road trennt.
„Die bekommen alles,” so der 16jährige Stewarty (Name geändert)” Die Peelers rühren sie nicht mehr an. Sie haben zuviel Angst, sie gegen sich aufzubringen. Die kommen jetzt ständig hier rüber. Sie klauen unsere Autos und brechen in unsere Häuser ein, und nichts geschieht!”
„Wenn aber hier irgendetwas abgeht, rückt die PSNI sofort mit ihren Gummigeschossen und Schildern an, und tritt jedem, den sie erwischt, in den Arsch.”
Im Laufe dieser wütenden Woche wurden 430 Gummiwuchtgeschosse auf Loyalisten abgefeuert. Die Geschichten über Verletzungen sind legendär. In der örtlichen Zeitung konnte man die Bilder sehen: Männer, deren Schädel aufgespaltet worden waren, einer, der auf einem Auge erblindet ist, eine Familie, der ein Polizist sämtliche Fenster eingeschlagen hat.
Nachdem er aus der PlastikBong einen Zug vom kratzigen nordirischen Hasch genommen hat, erzählt Mucker, dass alle Drogen in der Gegend auf Rechnung der Paramilitärs verkauft würden. Damit bestätigt er, was schon seit einiger Zeit vermutet wird: dass nämlich die UDA seit langer Zeit in den Drogenhandel involviert ist. Tatsächlich hat ihr krimineller Arm so viel Streit unter ihren Anhängern entfacht, dass im Moment ein Prozess anläuft, den sie „haushalten” nennen: eine nette Umschreibung für den Rauswurf alter Mitglieder. Während dieser Artikel geschrieben wurde, wurde ein UDAAngehöriger, ein gewisser Jim Gray, sogar mit dem Tod bestraft. Er war zu reich geworden, und er wusste zuviel im Zusammenhang mit einer Serie von PolizeiRazzien bei loyalistischen Gangs.
Mucker hat mit der UDA jedoch kein Problem. Er ist sich sicher, dass sie das sektiererische Herz auf dem rechten Fleck trägt. In diesen Zeiten müsse man halt, wenn man eine Gegend wirklich im Griff behalten möchte, zwingend auch den Drogenhandel kontrollieren.
„Ich unterstütze die UDA,” sagt er. „Einhundert Prozent. Wer sonst soll denn irgendetwas für uns tun? Die UDA ist der einzige verdammte Weg für uns, unsere Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen. Drogen haben nichts damit zu tun. Ich hätte auch Eintritt bezahlt, um bei den Aufständen dabei sein zu dürfen.”
Er fügt hinzu, dass die UDA nach zwei Krawallnächten aufgerufen hatte, zur Ruhe zurückzukehren, und dass sie ihre Leute aufgefordert hat, sich nicht an Gewaltakten zu beteiligen.
„Danach wollte hauptsächlich noch die UVF, dass die Ausschreitungen weitergehen,” sagt er. „Die UDA erklärte, dass wir unser Anliegen jetzt klargemacht hätten, und dass sie nicht wünschte, dass weitere Schäden angerichtet würden. Ihre Anhänger haben dann auch aufgehört, aber viele der jungen Kerle haben weitergemacht.”
So sehr sie ihre Queen und ihr Land, ihre örtlichen Paramilitärs, ihre Drogen, und ihre Krawalle auch lieben, sie alle bestätigen, dass das Aufwachsen im für seine Armut und seine hohe Arbeitslosenquote berühmten Shankill die Seele zerstören kann.
„Es gibt nichts zu tun,” sagt Stewarty. „Die Situation ist echt beschissen. Es ist zwar gut, aus Shankill zu sein, aber das Leben hier ist einfach Scheiße.”
Sie alle kennen Leute, die getötet, die aus der Stadt oder dem Land getrieben wurden. Männer, die selbst getötet haben, Männer, deren Leben ständig bedroht ist. Ale kennen sie Teenager, denen ins Knie geschossen wurde. Mit dem so genannten „kneecapping” bestraft die UDA traditionell „asoziale” Vergehen gegen die Gemeinschaft. Sie alle glauben, dass es mit Shankill ständig bergab geht, und dass sich alle gegen sie verschworen haben. Jeder von ihnen bekennt sich zu seinem Hass auf die Katholiken, auf die IRA und ihr Streben für ein vereinigtes, vom Einfluss der Briten befreites Irland.
Nicht einmal die Entwaffnung der IRA, die im September abgeschlossen wurde, ändert etwas für die jungen Männer. Dabei behauptet die Organisation, auf die sie eingeschworen sind, von sich, ihre einzige Existenzberechtigung sei der Kampf gegen den bewaffneten Arm der Republikaner.
„Warum?” setzt Mucker fort „Glaubst Du ihnen? Ich nicht. Ich traue ihnen nicht. Sie würde nie all ihre Waffen aufgeben, solange wir unsere noch haben. Die UDA würde ihre auf gar keinen Fall abgeben. Das würde ich auch überhaupt nicht wollen. Niemand würde das.”
Was diesen Jungs aber wirklich gegen den Strich ging, waren die Äußerungen von Hugh Orde, dem Chief Constable der PSNI, der angesichts der Heftigkeit der Ausschreitungen, angesichts der anhaltenden, brutalen und potentiell tödlichen Übergriffe gegen seine Beamten mit Bomben, Backsteinen, und Gewehrkugeln vor Wut schäumte. Seine Männer seien Helden, erklärte er, und die PSNI habe den Konflikt „auf Weltniveau bewältigt”.
“Das ist nichts als Rumgewichse,” sagt Mucker, und erntet in der Runde Kopfschütteln, “Die sind hier hochgefahren, und haben da geparkt,” erzählt er „ und dann saßen sie einfach da in ihren Land Rovern, und haben uns den Finger gegeben. Helden?”
Dennoch, 60 Peeler sind im Krankenhaus gelandet. 60 von insgesamt eintausend Männern und Frauen, die ausgerückt waren, um eine verbindliche Rechtsverordnung durchzusetzen, die festgelegt hatte, dass die rein protestantische Parade nicht an katholischen Haushalten vorbeiführen dürfe.
Mucker zuckt die Schultern und lacht, „Diese Wichser! Es gibt keine Helden in der PSNI.” Und er warnt: „Das wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir ihnen eins auf die Fresse gegeben haben. Die lernen auch noch ihre Lektion, sie, und auch die Regierung. Sie werden uns nicht wie Scheiße behandeln.”
JASON JOHNSON