NEWSLETTER  



DOS & DON'TS









Photo vom Autor





Kandahar ist so etwas wie die Welthaupstadt der Sodomie. Es gibt hier einen populären Witz: „Warum fliegen die Vögel über Kandahar nur im Kreis herum? Weil sie sich mit einem Flügel immer den Arsch bedecken.” Im Rest von Afghanistan lästert man oft über Kandahar: „Da unten sind Mädchen zur Fortpflanzung da, und Jungs fürs Vergnügen.” So in der Art.

Früher, in Vor–Taliban Zeiten, waren die Mujahedin–Krieger der Region—auch der örtliche Polizeichef übrigens—nicht abgeneigt, sich einen Knaben zur Braut zu nehmen. In der Tat führte laut einem Artikel, der 1996 in der New York Times erschien, eine aus einer homosexuellen Beziehung erwachsene Fehde zum Aufstieg der Taliban, die später die Gastgeber von Osama Bin Laden werden sollten. Zwei Mujahedin stritten sich um den Besitz eines besonders begehrten Jungen. Sie rollten mit Panzern gegeneinander an, zerstörten den Basar und töteten dabei eine Unmenge von Menschen. 1994 hatten dann viele der „heiligen Krieger”, nachdem sie die Sowjets zurückgeschlagen hatten, angefangen, ihre eigenen Leute zu terrorisieren. Sie boten Mullah Omar populären Rückhalt, der einen kleinen Kreis rachegesinnter islamischer Gelehrter um sich geschart hatte, um die beiden Sodomisten niederzuringen. Omar legte den beiden Mujahedin schließlich eine Schlinge um den Hals, und die Zahl der Taliban wuchs schneeballartig an.

Nachdem sie die Kontrolle über einen Großteil des Landes erobert hatten, warfen die neuen Hardliner ein paar Homosexuelle ins Gefängnis. Dennoch trieb die Kandahar–Liebe weiter ihre Blüten. Sie reichte weit über ihr Mekka hinaus.

Ich schätze mal, ein Afghane, ein Anthropologe, oder ein afghanischer Anthropologe könnte meinen Eindruck widerlegen, aber, rein von Außen betrachtet, deutet Einiges darauf hin: homosexuelle Tendenzen sind in Afghanistan überall bemerkbar, seien sie nun unterdrückt oder nicht. So sieht man zum Beispiel im gesamten Stadtgebiet des zaghaft–progressiven Kabul, wie von ihren Burkas verhüllte Frauen an Plakatwänden vorbei laufen, auf denen mit einem knappen Badehöschen bekleidete, muskelbepackte, europäische Kerls für Bodybuilding–Studios werben. Man muss sich auch nur mal die ganzen Dandys ansehen, die hier Händchen haltend und flirtend umherscharwenzeln, und dabei Schühchen tragen, die sie aussehen lassen wie spitzfüßige kleine Elfen. Sie küssen ihre Freunde auf die Wange. Diese althergebrachte Form der Begrüßung, wird grundsätzlich wesentlich lauter und feuchter durchgeführt, als es Not täte. Bei Hochzeiten, die nach Geschlechtern getrennt gefeiert werden, tanzen sie exstatisch, indem sie ihr Becken rhythmisch in Richtung ihrer Freunde stoßen. Und dann war da noch dieser Wächter, der einen amerikanischen Bekannten von mir im mittleren Alter im Generatorschuppen für $50 in den Arsch fickte. Der Amerikaner, ein ungeladener Gast, hatte zuvor mehrere örtliche Angestellte des Guesthouses angebaggert, bevor er seinen Mann gefunden hatte.

Was nicht heißen soll, dass Homosexualität hier gesellschaftliche Akzeptanz genießen würde. Der Koran verdammt sie unmissverständlich, und die meisten Afghanen beteuern, sie zu verabscheuen. Aber die Diskrepanz zwischen dem Verhalten der Männer und ihren unzähligen gesellschaftlichen Tabus ist doch überraschend. Die Kandahar–Liebe kann auch räuberisch und Besitz ergreifend sein, einige der Warlords sind in diesem Zusammenhang berühmt–berüchtigt.

Afghanistan ist in seinem Bestreben, ein Rechtsstaat zu werden, in dem die Gesetze geachtet werden, kaum vorangekommen. Dennoch erfinden sich viele der Mujahedin alter Schule als das neu, was in Karzais Staat den größten Profit verspricht: als pro–demokratische Politiker. Ihre Verbrechen und Ungehörigkeiten sind im Zuge dessen zwar nicht rarer geworden, sie sind inzwischen aber weniger aufsehenerregend.

Einige der alten Kämpen können sich jedoch nach wie vor einfach nicht zurückhalten. Ein von der Internationalen Organisation für Migration 2004 erstellter Bericht über den Menschenhandel verzeichnet einen Trend, nachdem Knaben zunehmend von bewaffneten Räubern missbraucht werden. Obwohl Homosexualität und Pädophilie nach afghanischem Recht verboten sind, wird keines dieser Delikte so schwer bestraft wie die gesellschaftlich weit mehr geächtete eheliche Untreue oder der voreheliche Geschlechtsverkehr.

Unverbesserliche Kinderschänder greifen auf die Hochzeitssänger zurück: Feengleiche Knaben, teilweise noch vorpubertär, die zu Tabla– und Synthesizer–Begleitung nationalistische Hymnen und örtliche Popsongs zum Besten geben. Die Nachfrage nach ihnen ist bei Hochzeiten immens. Trotzdem werden Hochzeitssänger auf der Straße verhöhnt, und eng von ihren Managern und Familien bewacht. Hunderte dieser Buhlknaben gibt es allein in Kabul. Ich habe vor kurzem für einige Tage einen Hochzeitssänger begleitet. Ich habe ihn zu Hause besucht, und war mit ihm bei einem seiner Auftritte.

Javed Akhtari ist einer von Kabuls gefragtesten Hochzeitssängern. Das Gewerbe hat in seiner Familie Tradition, sowohl sein Vater, als auch seine Onkel und seine Brüder sind ihm nachgegangen.

Als der afghanische Dolmetscher und ich im Haus der Akhtaris eintrafen, wurde das von den Nachbarn mit großem Interesse verfolgt. Doch es war keine Spur von der Höflichkeit, mit der man sonst überall in Kabul begrüßt wird. Javeds Bruder kam heraus, um uns zu empfangen, sonst war es merkwürdig still.

Vor Jahren hätten die Aktharis noch in Kabuls damals wilder Altstadt gewohnt. Dort lebten Künstler und Angehörige anderer Berufszweige, die sich dem Spenden von Sinnesfreuden widmeten. So ziemlich jeder Altstadtbewohner führte irgendetwas Unheiliges im Schilde, jeder hielt sich deshalb in seinem Urteil über den andern zurück.

Kriegerische Mujahedin verwandelten das Viertel jedoch in ein Schlachtfeld. Als anschließend die Taliban an die Macht kamen, flohen die Akhtaris, wie viele andere Musiker auch, nach Pakistan. Vor drei Jahren, als Javed seine Karriere begann, kehrten sie zurück, und landeten in dieser arbeitsam–steifen Nachbarschaft.

Abdul Latif, Javeds großer Bruder und Synth–Drummer, führte uns in das mit Kissen ausgelegte Wohnzimmer des von Lehmwänden umgebenen Grundstücks. Wir saßen unter ein paar gerahmten Glamourshots von Javed auf dem Boden und nippten an unserer Orangenlimonade. Obwohl zwei seiner Brüder auch als Hochzeitssänger tätig sind, ist Javed als Jüngster der Ernährer der Familie.

Javed, mit seinem dunklen, buschigen Haar und seinen schmalen, kantigen Zügen kam herein. Er trug eine übergroße blaue Polyester–Trainingsjacke als Bademantel. Ich bin zwar nicht schwul, trotzdem würde ich sagen, dass man den Kleinen getrost als echtes Babe bezeichnen könnte. Er saß in der Mitte des Raums auf dem Boden, eingerahmt, von zwei Aufpassern. Abdul Latif und ein Mann, der sich als der Poet der Gruppe vorstellte, saßen zu jeder Seite von ihm. Sie schnitten ihm seine Antworten auf meine Fragen ab, und korrigierten die paar Worte, die er am Anfang hatte sagen dürfen.

Vice: Wie alt bist Du?
Javed: Zwölf.
Großer Bruder: Nein, du bist 14.

Hast du außer dem Singen irgendwelche anderen Hobbies, Fußball z.B., oder Drachen steigen lassen?
Javed: Nein.
Großer Bruder: Du spielst Fußball.

Danach sagte Javed nicht mehr viel, sondern ließ seinen Bruder und den Poeten antworten. Javed sei in der 7. Klasse, erzählten sie. Er genieße als Sänger eine unheimliche Popularität. Er habe Angebote für jeden Tag, aber „Wir sagen auch Anfragen ab, um nicht zuviel Druck auf den Jungen auszuüben.”

Dann betrat der Vater den Raum, und prahlte damit, dass der Junge während des großen Vor–Ramadan–Hochzeitsrummels an jeden Tag Auftritte hatte. Als ich fragte, wie viel es denn koste, Javed zu buchen, sah der Junge neugierig zu seinem Bruder. Er selbst wusste es nicht.

$500, und manchmal das Dreifache dieses Betrages als Trinkgeld. Das Geld werde geteilt, so der Bruder, jedes der sechs Bandmitglieder erhalte den gleichen Betrag.

Dann entschuldigten sich die drei, um sich für die Hochzeit vorzubereiten. Einer der anderen singenden Brüder, der fast 20 Jahre alt Najib, leistete uns Gesellschaft. Er klagte, er sei schrecklich erschöpft von seinem Engagement in der vergangenen Nacht.

„Letzte Nacht hatte ich eine Hochzeitsgesellschaft in Shomali. Eigentlich sollte um zwölf Uhr Schluss sein, aber der Bodyguard von Kommandant Amanullah Guzar bat mich, die Party am laufen zu halten. Ich habe das auch getan, weil er ein Freund ist. Vor dem Fest wollte ich eigentlich gar nicht hin, aber mein Vater sagte, ich sollte hingehen, weil er mein Freund ist.”

Als Najib gegangen war, klärte der Dolmetscher mich darüber auf, dass es vollkommen undenkbar sei, dass der Leibwächter eines Warlords mit einem Hochzeitssänger befreundet sein könne.

Die Shegofa Bahar (Blüte des Frühlings) Hochzeitshalle hat verspiegelte Säulen und mattbunt gefärbte Wandleuchten. Obwohl sie sich im dritten Stock befindet, drangen durch die offenen Fenster Staub, Fliegen und Straßenlärm hinein.

Die Musik begann um 10 Uhr morgens. Die Halle war, bis auf ein paar Jungs, die sich für Javed und seine Band interessierten, noch so gut wie menschenleer. Vermutlich sah es in der Frauenhalle im Stockwerk über uns genauso aus.

Ich sprach mit dem 15 Jahre alten Navid, dem Ältesten der Jungen. Er sagte, Javed täte ihm leid. „Es ist nicht fair, dass diese Jungs singen müssen. Sie können nicht zur Schule oder in den Basar gehen, weil sie dort gequält würden. Besonders der Junge mit den langen Haaren.” Knaben wie er würden zur Befriedigung sexueller Bedürfnisse gehalten, erklärte er mir.

Javed wirkte auf der Bühne eher emotionslos. Wenn die Band ein Instrumental spielte, hielt er sich das Mikrofon ans Brustbein und blickte stur vor sich hin. Nach anderthalb Stunden fingen die ersten Gäste an zu tanzen. Um ein Uhr machte die Band eine Mittagspause. Wir saßen alle um einen Tisch herum und aßen Pilaf, Fleischklösse, Lamm, Huhn, Früchte und süßen, gelatinösen Pudding. Javed, eingepfercht zwischen seinen Aufsehern, aß eine kleine Portion und schwieg.

Anschließend gingen wir auf die Straße hinunter, um eine Zigarette zu rauchen. Dort sprach ein Wachmann die Band an. Er erinnerte sie an einen Gefallen, den er ihnen vor ein paar Wochen getan hatte. Der große Bruder zeigte sich dankbar, brach das Gespräch aber schnell ab. Als die Band wieder spielte, erzählte mir der Wächter, wovon er gesprochen hatte: ein bewaffneter Krieger war mit drei Kumpanen aufgekreuzt, als Javed hier das letzte Mal aufgetreten war, allesamt vollkommen betrunken. Sie wollten mit ihren Waffen hineingehen.

„Da habe ich sie ein Schriftstück unterschreiben lassen, auf dem sie versprechen mussten, in der Halle keinen Stunk zu machen.”, so der Wachmann. Dann gingen die Betrunkenen mit ihren Waffen hoch, dorthin, wo Javed gerade seinen Auftritt absolvierte. Der Anführer, ein kleines Licht in der örtlichen Verbrecherszene, fing an, Javed Zettelchen mit Musikwünschen zukommen zu lassen. Auf der Party war allerdings auch ein rivalisierender Bandenchef, der genau dasselbe machte. Währenddessen überhäuften auch die anderen tanzenden Gäste den Jungen mit ihren Wünschen. Javed kam nicht mehr hinterher. So dauerte es nicht lange, bis der betrunkene Bandit an der Bühne stand, und dem Jungen detailliert seine Entführung und Vergewaltigung androhte.

Abdul Latif alarmierte den Wächter, der die Polizei und Angehörige des Geheimdienstes zu Hilfe rief. Diese postierten sich kurz darauf mit ihren Waffen vor der Bühne. Die Situation war entschärft. Der Wächter fühlte sich als Held. „Hier in der Halle passiert nichts. Aber sobald sie draußen sind...” murmelte er.

Wahid ist ein Kameramann, der sein Lebensunterhalt damit verdient, Hochzeitsgesellschaften zu filmen. Er sagt, er sei schon häufig Zeuge ähnlicher Ereignisse gewesen. „Diese geilen, mächtigen Männer sind hinter den Sängern her.”, erzählt er. In der Regel wird den Avancen nachgegeben, und das Geld, dass mit ihnen kommt, angenommen. „Das ist ihr Beruf. Sie werden von Männern benutzt.” Wahid erzählt auch, die Akhtaris hätten so etwas wie ihren eigenen Patron. Sein Name sei Wahab, und er sei der Leibwächter eines Ministers. Vor Jahren sei er mit Javeds Bruder Wakil zusammen gewesen, der inzwischen über zwanzig ist. Jetzt habe er sich Javed genommen.

Schon oft habe er beobachten können, wie Wahab seine Zuneigung zu den Brüdern in aller Öffentlichkeit ausgelebt habe, schildert Wahid. „Dieser reiche Mann, er liebt schöne Knaben. Er hat zuviel Geld, und zu viele Jungs.”

PORTER BARRON