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DOS & DON'TS









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Das Verhältnis der meisten Deutschen zu der so genannten türkischen Minderheit ist ziemlich simpel: In diesem Land hier leben Türken, sie kamen einst als billige Arbeitskräfte und brachten den Döner. Und jetzt, wo es die hohe Arbeitslosigkeit gibt, nerven sie. Aber was geht eigentlich in diesem großen Land zwischen Griechenland und Irak? Wir würden sagen: New Wave. Die türkische Krautrock/New Wave–Band Replikas hat einen so einzigartigen Sound, dass eine Menge der zur Zeit so beliebten „Dance–Punk”–Bands sofort Can von ihrem Infozettel streichen und als Einfluss nur noch Replikas angeben würden. Replikas haben gerade gemeinsam mit Überproduzent Wharton Tiers (Sonic Youth) ein neues Album aufgenommen. Das Ergebnis ist ein wahres Goldstück.

Vice: Ihr seid offensichtlich von Krautrockbands beeinflusst. Habt ihr in den 70ern alle als Müllmänner in Deutschland gearbeitet?
Replikas
: Keiner von uns hat in Deutschland oder sonst wo gearbeitet. Wir haben von diesen deutschen Krautrockbands über Underground–Plattenläden in Istanbul und darüber hinaus in einigen kleinen Musikmagazinen erfahren.

Habt ihr eine Top 3 von Bands aus dieser Zeit?
Can, Faust, Kraftwerk.

Habt ihr einen geheimen Türkpop–Favoriten, den ihr ab und zu nach dem Proben hört?
Nein, tatsächlich kriegen wir nicht viel von der türkischen Popszene mit, weil wir kaum fernsehen.

Was denkt ihr darüber, dass die Türkei EU–Mitglied werden soll? Bei uns fürchten sich viele vor euch, besonders die Münchener.
Wenn die Türkei ein vollwertiges Mitglied in der EU wird, dann wäre das für uns eine gute Gelegenheit, mit anderen Musikern und Künstlern aus ganz Europa zusammenzuarbeiten. Es wäre auch deswegen von Vorteil, weil wir ohne bürokratische Schwierigkeiten die Möglichkeit hätten, unser musikalisches Aktionsfeld zu erweitern. Um ehrlich zu sein, wir erhoffen uns die Freiheit zu reisen, wohin wir wollen. Auf der anderen Seite ist es verständlich, dass sich die Leute bei euch unbehaglich fühlen, schließlich ist die Arbeitskraft der Türken durch den europäischen Lebensstil geformt worden und es hat drei Generationen gedauert, bis sich die sozialen Konflikte beruhigt haben.

Ihr habt mal in München gespielt, wie hat es euch dort gefallen?
Es war eine gute Erfahrung. Die Location in München ähnelte den Clubs, in denen wir in Istanbul spielen und das Organisationsteam war die ganze Zeit über sehr freundlich zu uns. Eigentlich hatten wir nicht viele Zuschauer erwartet, aber tatsächlich kamen eine Menge Leute, sogar viele Deutsche. Wenn ein türkischer Künstler in Deutschland oder anderswo in Europa auftritt, wo türkische Gastarbeiter leben, wird aus dem Konzert meistens ein türkisches Kaffeekränzchen. In unserem Fall ist das anders gelaufen.

Euer neues Album heißt „Avaz”, was so viel heißt wie „Stimme”. Gibt es dahinter einen tieferen Sinn?
Also „Avaz” hat eine Menge zu tun mit der Stimme. Es bedeutet weinen, schreien oder klingen. Aber der Hauptunterschied von Avaz zu unserem Vorgängeralbum ist, dass es dichter und dynamischer ist, weniger Geschrei.

Was haltet ihr von all den neuen Bands, die vom New Wave der 80er beeinflusst sind, wie z.B. Bloc Party?
Zur Zeit kommen eine Menge Bands aus New York und aus London. Die Rockmusik–Szene explodiert förmlich. In NY wie in London knüpfen Bands wie Bloc Party natürlich an New Wave an, aber wir glauben, New Wave sollte mehr experimentell betrachtet werden. Früher waren New Wave–Bands nicht darauf aus, ins Fernsehen zu kommen. Aber für Bands wie Bloc Party ist es mit dieser Art von Musik einfacher, berühmt zu werden.

Kennst du den türkischen Musiker und Videokünstler 2/5 BZ? Er hat auch was für uns geschrieben. Gefällt er dir?
Selcuk (Bass): Ja, ich mag ihn. Ich habe ein paar von seinen Videos im Rahmen der Istanbul Biennale angeschaut. Sein künstlerischer Output scheint mir konstant auf hohem Niveau zu sein und ich bin gespannt auf mehr von seinem kreativem Talent. Er ist ohne Zweifel ein sehr erfolgreicher Künstler.

Wie war die Arbeit mit Wharton Tiers für euer neues Album? Kam er für die Aufnahmen extra den langen Weg in die Türkei?
Bei den vorherigen Alben hatten wir gar keinen Produzenten. Sie waren alle selbst produziert. Für „Avaz” waren wir der Meinung, dass die Mitwirkung eines Außenstehenden das Ergebnis verbessern könnte. Vorausgesetzt, derjenige stünde auf der Liste von Produzenten, die wir bewundern. Wharton Tiers war auf dieser Liste, weil er ein sehr erfahrener Produzent ist. Er hat mit Sonic Youth an Confusion is Sex und NYC Ghosts & Flowers gearbeitet. Er war sehr interessiert und ist dann nach Istanbul gekommen. Wir haben fast einen Monat in den ITU Mian Studios in Istanbul verbracht.

NICOLAS MÖNCH
Replikas neues Album Avaz erscheint im Januar 2006 auf Doublemoon/Rough Trade.