| Gary vor seinem Apartment übder der Dixie Taverne. Photos von Gary Mader und Jimmy Bower |

Nach dem Hurrikan Katrina wurde EyehategodSänger Michael Williams vermisst und für tot gehalten. Die Wohnung in der St. Andrew’s Street im Lower Garden District, die er mit seiner langjährigen Freundin Alicia Stillman bewohnt hatte, war komplett zerstört. Nachdem sie fünf Tage lang vergeblich versucht hatten, Kontakt zu ihm aufzunehmen, schissen sich seine Bandkollegen Gary Mader und Jimmy Bower in die Hosen. Dann fanden sie ihnim Knast wegen Drogenbesitz und Plünderung.
Gary Mader: Ich wohne über der Dixie’s Taverne in der Canal Street, neben dem französischen Viertel. Der Teil der Stadt wurde beim Hurrikan stark beschädigt. Zum Glück waren meine Frau und ich raus, bevor die Scheiße richtig losging.
Als wir aufbrachen, war der Himmel grau und der Wind wurde stärker. Wir wussten, dass unsere Entscheidung zu gehen richtig war. Jetzt besitzen wir keine eigenen Sachen mehr, außer dem, was wir in unserem beschissenen kleinen Auto mitnehmen konnten. Als wir aus der Gefahrenzone waren, haben Jimmy und ich überall angerufen, um irgendwas über Mike und Alicia rauszufinden. Aber niemand wusste was. Jeder hat das Schlimmste befürchtet. Wir drehten völlig durch, bis wir hörten, dass sie die Katastrophe wohl irgendwie überlebt hatten. Das Dumme war nur, dass ihnen nichts geblieben war, außer den Klamotten, die sie am Körper trugen.
Jimmy Bower: Mike und Alicia erzählten, dass sie den blanken Horror erlebt hatten. Es gab Feuer, Tote, Schüsse und Plünderungen. Menschen im Überlebenskampf. Es war einfach traurig, verdammt traurig.
Gary: Als jeder, der konnte, draußen war, brach in der Stadt das Chaos aus und außer einer Menge Fotographen war keine Hilfe in Sicht. Es war schnell klar, dass sich jeder nur um sich selbst kümmerte, Gesetzeshüter eingeschlossen. Es hieß hilf dir selbst oder krepiere, im wahrsten Sinn des Wortes. Wenn du echt arm warst und nichts besessen hast, warst du zum Tode verurteilt. (Zumindest bis die staatliche Hilfe eintraf, verdammte zwei Wochen später.) Mike und Alicia stolperten in eine Apotheke, die zufällig gerade geplündert wurde.
Jimmy: Die Cops haben Mike gesagt, er soll sich nehmen was er braucht. Die Scheißbullen waren auch am plündern. Vielleicht haben sie auch versucht, anderen Leuten zu helfen.
| Das Haus von Garys Oma. |
Das ist der Rest von Mike Williams Apartment. |
Mikes Brief aus dem Knast. |

Gary: Was als nächstes mit Mike und Alicia passierte, ist schwer zu sagen. Die Verhandlung läuft noch. Ich glaube, dass sie einfach das getan haben, was die Cops ihnen sagten, und sich einige Medikamente aus der Apotheke nahmen. Wegen der Katastrophensituation waren sie quasi berechtigt, die Substanzen mit sich zu führen. Die Story mit den plündernden Bullen ist übrigens nicht der Rede wert. Die Leute sollten wissen, dass in New Orleans so viele Sachen passiert sind, über die man niemals lesen wird, weil sie vertuscht wurden. Wie die Story, dass ein Cop einen Typen erschossen hat, der im Superdome ein siebenjähriges Mädchen vergewaltigt hat. Angeblich wollte er verhindern, dass der Kerl vom wütenden Mob in Stücke gerissen wurde. Was wirklich geschehen ist, wird wohl nie rauskommen.
Naja, jedenfalls hatten Alicia und Mike sich auf den Weg in ein kleines Kaff namens Morgan City gemacht, wo sie irgendwie genug Geld zusammenbekamen, um sich ein Motelzimmer für die Nacht zu besorgen. Dort machten sie einen Fehler, als nämlich Alicia versuchte, einige der Medikamente aus New Orleans an einen Jugendlichen zu verkaufen, den sie nie zuvor gesehen hatte.
Am 6. September wurde folgender Artikel in der „Morgan City News” veröffentlicht:
„Beamte(...) verhafteten Michael Williams und Alicia Stillman, beide 39 Jahre alt und wohnhaft in New Orleans in der St. Andrews Street, wegen Besitz und versuchtem Verkauf von Betäubungsmitteln. Die Beamten untersuchen den Vorwurf gegen Stillman, wonach sie versuchte, illegale Betäubungsmittel an einen Jugendlichen zu verkaufen. Eine anschließende Durchsuchung ergab, dass sie im Besitz von verschreibungspflichtigen Betäubungsmitteln war. Daher wurde sie in das Untersuchungsgefängnis der Stadt Morgan City überführt.”
„Weiterhin fanden die Beamten in Williams Hotelzimmer verschiedene andere Medikamente. Laut dem Einsatzleiter der Polizei wurden einige Flaschen mit kodeinhaltigem Hustensaft sichergestellt. Williams behauptete, er hätte die Flaschen vor einem geplünderten Laden in New Orleans vom Gehweg aufgehoben. Beide Verdächtigte werden weiter unter Arrest gehalten bis die Schuldfrage geklärt ist.”
Michael Williams: Ich bin hier im St. Mary Parish Gefängnis. Natürlich zu Unrecht. Weil ANGEBLICH Drogen in dem Hotelzimmer gefunden wurden, in das wir uns von New Orleans aus geflüchtet haben. Ich bin 80 Meilen entfernt vom Big Easy. Eine unglückliche Wendung der Ereignisse, in der Tat. Was mich betrifft, habe ich keine anderen Pläne, außer hier raus zu kommen und mit EHG zu touren. Ach ja, und mein Leben wieder in Ordnung zu bringen.
Verdammte Scheiße. Die Polizei von New Orleans ist ein Witz. Erst als die Nationalgarde auftauchte, haben sich die Dinge langsam beruhigt. Da haben sie dann nur noch Plünderer erschossen. Der Polizei Chef von New Orleans ist zurückgetreten und über 200 Beamte haben ein Untersuchungsverfahren am Hals. Typisch N’awlins. Mal ganz abgesehen von den Polizisten, die abgehauen oder als vermisst gemeldet sind. Unser Haus ist offenbar abgebrannt. Ich kann mich davon aber nicht selbst überzeugen, weil ich ja im Gefängnis sitze. Wenn es nicht abgebrannt ist, ist es garantiert ausgeräumt worden. So oder so haben wir wahrscheinlich alles verloren.
Jimmy: Mike sagt, es geht ihm ganz gut im Gefängnis. Er meinte, es sei wie ein Hotel, verglichen mit seinem letzten Aufenthaltsort. Wir sagen jedem, der ihm schreiben will, nichts anderes als Briefe zu schicken. Wir wollen nicht, dass er noch mehr Ärger kriegt. Nicht den Namen der Band erwähnen, und schickt ihm keine Bücher über Drogen. Wir versuchen, ihm einen guten Anwalt zu besorgen und wir müssen Geld zusammenkriegen, damit wir ihn rausholen können.
Gary: Ich war heute zum ersten Mal wieder bei uns im Viertel. Ich musste mich an den Militärcheckpoints vorbei schleichen. Der Wasserstand auf der Seite von Dixie’s Tavern war sechs Fuß hoch. Die Bar ist im Arsch. Es riecht nach Tod und Verderben. Ich will aber trotzdem nicht weg von dort. Wir haben immer in unserem Wohnzimmer gejammt und wenn das nicht mehr geht, müssten wir einen Proberaum mieten. Das haben wir echt noch nie gemacht. Ich will wieder zurück und EGitarre spielen. Alles was ich jetzt habe, ist eine verdammte AkustikKlampfe.
Die Stadt steht immer noch unter Kriegsrecht. Ausgangssperre, Red Berets und die berüchtigte NOPD patrouillieren auf der Straße. Die Polizei in New Orleans hat jetzt schon einen miesen Ruf, ich will das nicht noch schlimmer machen. Bestimmt waren da auch einige Good Guys, die versucht haben ihr Bestes zu geben, angesichts der totalen Anarchie. Es gab keine Befehlskette und keine Kommunikation außer der von Mann zu Mann. Und 200 Cops sind mittendrin einfach abgehauen. Die Armee hat ihren Job gemacht, als sie die Genehmigung hatte in die Stadt zu gehen. Wenn man die früher geholt hätte, wäre die Anzahl der Toten wahrscheinlich nur halb so hoch ausgefallen. Aber unsere Beamten hatten zu viel Stolz um zuzugeben, dass sie die Kontrolle über die Stadt verloren hatten. Deswegen sind unschuldige Bürger gestorben. Als die Stadt militärisch gesichert wurde, war das normale Recht außer Kraft gesetzt. Das Militär hat legale Waffen konfisziert, den Obdachlosen Wasser und Nahrungsmittel abgenommen und Generatoren konfisziert, wozu es keine Berechtigung hatte. Sie haben der Presse den Zutritt zu bestimmten Gebieten verweigert, sodass der Rest der Welt das wirkliche Ausmaß an Tod und Zerstörung nicht sehen konnte.
Jimmy: Wenn wir Mike aus dem Knast rausgeholt haben und wieder spielen können, werde ich den hässlichsten, entwürdigendsten und brutalsten Scheiß schreiben, der vorstellbar ist. Unser Gouverneur ist ein Idiot, genau wie unser Präsident. Wir haben ein Drittel unserer Ölreserven hier unten. Man sollte meinen, sie hätten das besser regeln können. New Orleans ist jetzt ein DritteWeltLand. Hast du ein paar Pillen?
ZUSAMMENGESTELLT VON ANDY CAPPER
Serving Time in Morgan City: Free Michael IX erscheint demnächst bei Press Pause Media/Cassettes. Checkt eyehategod.com für Details. Dort kann man auch Michaels Gedichtband kaufen, Cancer as a Social Activity.
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