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Das hierschreiben über Musikist sicherlich eine Art von Journalismus und hat in gewisser Weise die gleiche Existenzberechtigung wie Nachrichten, denn ich berichte auch über Dinge, die passieren, nur sitze ich dabei bequem zu Hause. Wenn man vom Schreiben über Musik und Lifestyle leben kann, dann kann man sich glücklich schätzen (Ich habe jetzt etwa 200 Wörter geschrieben, und schon 30 Euro ?verdient, was hältst du davon?). Wenn man diese Arbeit macht, sollte man ohnehin nicht zu sehr daran zweifeln, sonst wird man verrückt. Mach es einfach und hab so viel Spaß wie möglich. Über die Jahre werden Arbeit und Freizeit eins und man kann nicht mehr abschalten, weil man den Schalter nicht mehr findet. Es gibt jedoch viele Vorzüge: Freie Zeiteinteilung, um die Welt reisen, interessante Menschen treffen und man bekommt stapelweise Platten zugeschickt, die allerdings meistens furchtbar sind. Man könnte meinen, durch das Hören von so viel neuer Musik würde sich der eigene Geschmack erweitern, aber weil man durch die große Auswahl verwöhnt ist, wird man eher kleinlich und wählerisch. Zum Beispiel weiß ich, dass die ganze Get Physical/Poker Flat-Ecke gerade sehr populär ist und dass die Dirt Crew oder M.A.N.D.Y. wohl bald einen Top 40 Hit landen werden, aber weil mich dieses Zeug nicht so interessiert und nicht kickt, schreibe ich lieber nicht darüber. Die bekommen schon genug Aufmerksamkeit. Das Problem ist, je mehr man über Musik schreibt, desto öfter neigt man zur Wiederholung. Das nennt sich „Stil”. Egal, das Highlight des Monats, außer der Entdeckung, dass Tescos sizilianischer Rotwein (der beste Supermarktwein unter 5 Euro?) jetzt einen Schraubverschluss hat, war Matias Aguayos Album Are You Really Lost. Das ist eine der aufregendsten und romantischsten Platten, die Kompakt seit längerem veröffentlicht hat, gemacht von einem der Typen von Closer Music, dem Minimal-Pop Duo, das sich 2003, nach der hervorragenden LP After Love, aufgelöst hat. Der andere der Beiden, Dirk Leyens, veröffentlichte dieses Jahr die gelungene „Wellen”-EP, aber Aguayos stimmungsvolles Meisterwerk legt nahe, dass der Berliner Chilene der talentiertere Kopf in dieser Partnerschaft war. Vielleicht wurde er dort sogar in seiner Kreativität eingeschränkt? So oder so, mit diesem lässigen Tempo, ausgefallenen Popsongs wie „Well” und „De Papel” und einigen schrägen Disco-Not-Disco-Nummern, ist es das Album, dass Depeche Mode wohl gerne an Stelle ihrer abgedroschenen Gothik-Klischee Platte veröffentlicht hätten. Ein weiteres exzellentes Album aus Berlin ist Enemy Love von Louderbach, erschienen auf dem Londoner Underline Label, wo im Sommer schon die unglaubliche „Wanda’s Wig Wax” 12-Inch rauskam, ein abgedreht funkiger Minimal-Fourtracker featuring Jay Haze, Magda und eben Louderbach. Louderbach ist eines von Troy Pierces Alter Egosals ob er überhaupt einen anderen Namen bräuchte. Er heißt Troy, Gott noch mal! Was ist denn daran bitte verkehrt? Der Kanadier verdreht seit einigen Jahre Köpfe und Dancefloors mit seinem Output als Slacknoise und Run Stop Restore auf Minus Records, mit Enemy Love führt er jetzt diesen sexy Minimal-Style weiter, in Stop-and-Go Manier rollt und flowt er dahin und bringt eine poppig-fröhliche Note in eine Art von Techno, die sonst eher ernst und streng wissenschaftlich klingt, so wie Richie Hawtins letztes DE9-Mix Ding (gähn). Wann wird Hawtin eigentlich endlich mal eine Platte machen, die genauso schwul ist wie seine Frisur? Alle warten darauf. Ich meine, Ricardo Villalobos hat (offenbar) diese wahnsinnige „For Disco Play 485 U” Cosmic-Disco 12-Inch mit Phillip Glass-Samples produziert, die in letzter Zeit die Runde macht. Es scheint also nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Ebenfalls bei Underline erscheint demnächst eine Killer-EP voll teuflischem Industrial-Minimalismus, die „Strangers”-EP von Vivianne Projects, die hier definitiv eine Erwähnung verdient. Zu guter Letzt, und am beeindruckendsten von allen, ist die atemberaubende neue Single von AM/PM, „Also”. AM/PM ist dieser niedliche Schweizer namens Radovan Scasascia, der in einer Lagerhalle in Londons Old Street haust. Ihm gehört das Dreck Label, und dort veröffentlicht er diese OCD-Disco-Edits als Secondo. In den Herbstferien habe ich mir sein Album The Ends I & II angehört und so sehr es mir auch gefallen hat, habe ich mir gewünscht, dass es hätte etwas mehr Biss gehabt hätte. Irgendwie hat er meine Gedanken gelesen. Wie schon The Ends ist „Also” aus den Endstücken zahlloser anderer Platten zusammengesampelt und schon der erste 12-Minuten-Track, das exquisite „No Matter Where”, geht voll in die Fresse. Dieses hübsche Ächzen und Stöhnen, Klagen und Seufzen, während der Beat darunter holpert und die Elemente zusammenklebt. Gib dir das durch ein erstklassiges Soundsystem und lass dich vernichten. PIERS MARTIN |
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Comments:
Subject: Daniel / neuton Date: Dec 19 2005 11:55:30 AM Author: piers NO! Your records suck! Give up and get a proper job. Subject: actually Date: Dec 08 2005 12:28:07 PM Author: tatjana I want your babies. Subject: i want your babies Date: Dec 05 2005 07:57:21 PM Author: marc keep up good work piers - i love your column Subject: Electric Independence Date: Dec 02 2005 08:29:43 AM Author: Daniel / neuton Hi Piers, i´m wondering if you would be interested in receiving free records in advance for eventually reviewing in your column. We´re an independent music distributer based in Frankfurt, Germany, taking care of Perlon, Kurbel, Mental Groove, Spectral Sounds, Factor City and more. Just mail me thru daniel[at]neuton.com Best Daniel Subject: Wooo- MANDY are a bit pants Date: Dec 01 2005 04:30:18 PM Author: Lambam Great column. Good to see someone who can distinguish between earnt praise and hype. Subject: this Date: Dec 01 2005 07:50:00 AM Author: me Keep at it. I've been reading this column for ages and it's my favourite part of Vice UK. It's great to read some light hearted but informed news about the electronic/dance scene, which is largely ignored these days. Anyway, cheers, Piers. |
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