Einige unserer neuen Freunde, die wir auf unserem Weg getroffen haben. Photos vom Autor





Diesen Monat habe ich DREI tage undercover zwischen den Pennern, Säufern und Junkies von Berlin verbracht. Ich hatte mir schon länger vorgenommen, mal die Essensausgabestellen für Obdachlose anzutesten. Ich dachte mir, dass das Essen dort auch nicht viel schlechter sein kann, als der Fraß, den ich zu Hause koche. Außerdem ist es umsonst und man kommt mit ziemlich interessanten Leuten in Kontakt. Ich habe Gerüchte von wilden Sex– und Drogenpartys gehört, also war ich wirklich an diesem Experiment interessiert. Am Ende bekam ich etwas mehr, als ich erwartet hatte.

Genau wie bei den meisten Berlinern meines Alters sieht ein Großteil meiner Garderobe sowieso schon aus wie Pennermode. Ich musste also nur die Jacke mit den meisten Rissen, den Pullover mit den meisten Löchern und die Hose mit den meisten Fettflecken auszusuchen. Mein Kamerahandy kam in eine Drecksocke, die ich in einer ranzigen Tasche versteckt habe. Als letztes habe ich mir noch eine Liste mit Notübernachtungen und Essensausgabestellen von www.ofw-leitfaden.de ausgedruckt. Dabei fand ich heraus, dass es Unmengen von Websites für Obdachlose gibt. Auf www.homeless.org gibt es sogar Diskussionsforen, in denen Penner online betteln.

MONTAG
Mein erstes Ziel war, John und Shelley zu finden, zwei der bekanntesten Bettler der Stadt. Falls du ihnen mal begegnest und dir ein paar Zigaretten abschnorren lässt, erfährst du die unglaublichsten Geschichten vom Leben auf der Straße, von LSD-Deals mit Politikern und Rockstars und von Partys mit minderjährigen Mädchen. Aber ich möchte jetzt nicht weiter

von ihnen erzählen. Vor allem, weil ich sie bedauerlicherweise nicht finden konnte. Stattdessen habe ich ein paar Sternburg Export vom Depot 35 besorgt, einer Berliner „Bar”, die nur aus einem Fenster besteht. Von dort aus verkauft ein bärtiger Mann bis spät in die Nacht einen halben Liter Bier für 50 Cent. Obwohl sich das Depot in einer sehr bürgerlichen Gegend befindet und von vielen hippen Cafés umgeben ist, werden von dem billigen Bier ganze Schwärme von verkrusteten Punks und Obdachlosen angezogen. Dort habe ich dann auch meine ersten Freunde gefunden.

Als ich mit einer frischen Schachtel Zigaretten in der Luft herumfuchtelte, weckte ich die Aufmerksamkeit von zwei Berlinern, Henry und Lötze, die mir erzählten, wie sie obdachlos wurden. Es war eine Geschichte, die ich in den nächsten Tage noch tausend mal hören sollte: „Als die Mauer fiel, machten viele Unternehmen dicht und für Menschen, die vorher nie eine Arbeit suchen mussten, war es zu spät, um die neuen Regeln zu lernen. Ich wurde zum Sozialfall und bin es bis heute geblieben. Jeden Tag meines Lebens betrinke ich mich und hoffe, dass das neue Sozialsystem nicht alles noch schlimmer macht.”

Während ich versuchte, ihrem besoffenen Gebrabbel zuzuhören, spürte ich hin und wieder einen homoerotischen Unterton in der Art, wie die beiden miteinander umgingen. Ich habe das eine Weile ignoriert, aber später sollte ich bereuen, diesen Signalen nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt zu haben.

Ich brachte Henry und Lötze dazu, mit mir auf die Suche nach weiterer Penner-Prominenz zu gehen, von der ich bisher nur gehört hatte. Wir klopften an der Tür des Typen, der in dem Wohnwagen an der Ecke Linienstrasse/Alte Schönhäuser wohnt, aber er war nicht zu Hause. Scheiß drauf, sagten meine Freunde. Die Tür hatte kein Schloss, also schnüffelten wir etwas in seinen Sachen herum. Er besaß einen Tisch voller altem Essen, einen Stapel Pornohefte und einen Grill. Einige Eimer unter den undichten Stellen des Dachs dienten gleichzeitig als Spül- und Waschmaschine. Die Socken, die sich in diesem vorsintflutlichen Waschsalon befanden, waren allerdings von lauter winzigen Würmern bedeckt. Es stank entsetzlich.

Meine beiden warmen Brüder und ich zogen weiter und tranken mehr Bier. Wir erreichten den 24-Stunden-1-Euro-Pizzaladen am Schlesischen Tor, vor dem immer ein alter Methadonjunkie abhängt und Leute anflirtet. Er bleibt die Nacht über wach, damit er sich früh am nächsten Morgen im Krankenhaus seine Dosis abholen kann. Ich lud ihn auf einen Kaffee ein, worüber er sich so freute, dass er anfing, mich anzufassen und zu umarmen—etwas zu fest für meinen Geschmack. Er bat mich, meinen Mund zu öffnen und starrte eine Weile meine Zähne an. Dann umarmte er mich erneut, nur küsste er mich dieses Mal auf den Mund. Ich war wie gelähmt und konnte ihn nicht bremsen, als er zum dritten Mal ansetzte, etwas murmelte von wegen Titten seien ihm egal und seine Zunge in meinen Mund schob. Als er mich so befummelte, rastete ich völlig aus und rannte auf die Toilette, um mir den Mund auszuspülen. Dort merkte ich, dass es bereits fünf Uhr morgens war. Also ergriff ich die Flucht, landete schließlich in einem anonymen Wohnblock und schlief dort am oberen Ende des Treppenhauses vor der Tür zum Dach.

DIENSTAG
Nach 3 Stunden Schlaf fühlte ich mich großartig und ich machte mich auf die Suche nach einer der Wohlfahrtsküchen, von denen meine Freunde mir erzählt hatten. In der ersten gab es nur kartenspielende Penner in zusammengewürfelten Altkleider-Outfits. In der Kirche in der Wranglerstraße hatte ich mehr Glück: Eine süße schwarze Nonne gab mir einen Platz und so viel Hühnersuppe und altes Brot wie ich wollte, ohne Fragen zu stellen. Wir wurden behandelt wie kleine Jungs im Kindergarten, was, wenn man unsere beschissene Lage betrachtet, auf jeden Fall angenehmer war, als erst herausfinden zu müssen, ob man irgendeinen Ausweis vorzeigen muss.

Die Straße, in der sich die Kirche befindet, ist ein ziemlich hektischer Vagabunden-Treffpunkt, mit einem caféähnlichen Ort, an dem man Hilfe und eine Übernachtung bekommen kann. Viele der Penner verbringen den Tag vor dem Eingang vom Kaisers Supermarkt und rennen andauernd rein und raus, um sich neues Bier zu besorgen.

Ich stand den ganzen Tag bei ihnen an der Ecke, machte nichts und sprach mit ihnen über Pennplätze, Fußball und den guten alten Kommunismus. Das Männer-Frauen-Verhältnis dort ist völlig unausgewogen. In der ganzen Gegend gab es nur eine einzige Frau und die sah aus und redete wie Jabba The Hutt. Sie baute ihre Joints mit dem gammeligsten Gras, das ich je gesehen hatte. Ein weiterer Beweis dafür, dass diese Leute von allem nur das Schlechteste bekommen. Ein paar der Typen wollten zu einer Unterkunft gehen und meinten, ich könne mitkommen, es gäbe dort saubere Betten und Suppe und so. Cool. In ihrem Angebot spürte ich allerdings eine gewisse Gier, die mich etwas ängstigte. Jetzt glaubte ich zu verstehen. Meine Kleider und Haare waren vielleicht so dreckig wie ihre, aber meine jugendliche Haut war sanft und unbehaart wie die einer Frau, frei von Krankheiten oder Narben. Sie wollten mich in eine Penner-Vergewaltigung locken. Als es kälter wurde und wir uns auf den Weg machten, fühlte ich mich meinem Untergang entgegen gehen. Dem Untergang meines Arsches. Aber nun gab es kein Zurück mehr. Die Unterkunft war ein großer Raum mit 10 Feldbetten und erinnerte mich an einen Army-Film. Als das Licht ausging, verstärkte sich seltsamerweise der Geruch ihrer schimmeligen Füße und Körper. Natürlich konnte ich nicht schlafen. Nicht nur die drohende Vergewaltigung hielt mich wach, sondern auch eine Symphonie aus Schnarchen und Gemurmel. Ich glaubte, die Anspannung meiner „Gastgeber” zu spüren. Wer darf wohl zuerst ran? Meine Befürchtungen bestätigen sich, als der größte von ihnen, ein bärtiger Ossi mit Pferdeschwanz, mich fragte, ob er in meinem Bett schlafen dürfe. Er sagte, ihm sei kalt und er könne nicht schlafen. Als Gegenleistung bot er mir etwas Xanax oder Rohypnol an. Ich blieb erstaunlich cool und lehnte sein Angebot vorsichtig ab. Den Rest der Nacht ließen sie mich in Ruhe.

MITTWOCH
Dies war mein letzter Tag und abgesehen von der Gefahr der Vergewaltigung begann es, mir zu gefallen. Natürlich war es kein echtes Pennerleben. Ich wusste, dass mein Bett mich bereits sehnsüchtig erwartete und meine Erlebnisse viel abenteuerlicher waren, als die eines echten Obdachlosen. Durchschnittliche Penner haben eine feste Alltagsroutine, von der sie nur selten abweichen. Selbst die zwei irischen Brüder, die flexibelsten meiner neuen Freunde, hielten sich immer in den gleichen vier Straßen auf. An der Ecke Brunnenstrasse/Kastanienallee sitzt eine alte Frau mit einem Sid Vicious-Tattoo auf dem Handrücken, die Tag und Nacht in der selben ungesunden Haltung verharrt. Die Gruppen vor den Supermärkten bestehen immer aus den gleichen Leuten, die das gleiche Bier trinken.

Den Morgen verbrachte ich auf der Suche nach einer billigen Tasse Kaffee. Nach einer Weile entdeckte ich eine Bäckerei, die mir eine popelige Tasse für 70 Cent verkaufte, was ich immer noch ziemlich unverschämt fand. Kein Wunder, dass Sozialhilfeempfänger sich lieber besaufen, wenn eine normale Tasse Kaffee einen Euro kostet und man für das gleiche Geld vier halbe Liter Bier bei Netto bekommt.

Meine letzte Station war der Bahnhof Zoo. Die Polizei hat hier zwar Ende der 80er ziemlich aufgeräumt, trotzdem ist es immer noch der unheimlichste Ausgestoßenen-Treff der ganzen Stadt. In dieser Gegend gibt es mehr Notunterkünfte und Sozialstationen als im ganzen Rest von Berlin. Es gibt sogar einen netten kleinen Automaten, der Spritzen und Kondome verkauft. Die Bahnhofsmission serviert ziemlich gute Sandwiches für eine äußerst vielfältige Klientele. Es gab eine minderjährige Hure, aber sie war so süß und lebendig, dass ich mich sofort verliebte. Mit ihrer hellblauen Jacke, den blonden Zöpfen und dem pinken Make-up sah sie aus wie ein normales deutsches Mädchen, nur dünner und ungesünder, aber ich hatte keine Lust mehr, neue Freundschaften zu schließen
In dieser Nacht fuhr ich mit dem Fahrrad durch die halbe Stadt zu einer Herberge, nur um herauszufinden, dass die Information im Internet mal wieder falsch war und sich dort lediglich ein großes Mercedes-Benz-Gebäude befand. Ich frage mich, wie viele Menschen jährlich erfrieren, weil sie diese scheiß Herberge nicht finden können. Vielleicht könnte man die Website ja mal auf den neuesten Stand bringen.

HUMPTON B. DUMPTON



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Subject: Humpton Dumpton
Date: Dec 28 2005 02:53:18 PM
Author: neil

I'd probably try and rag an egg if he had a nice set of molars...



Subject: bah
Date: Dec 15 2005 08:40:44 PM
Author: dart

Egal, was tatsaechlich passiert ist - wenn ueberhaupt. Etwas zuviel Popliteratur gelesen, oder? Luxusdilettantismus.



Subject: oha
Date: Dec 10 2005 12:28:59 AM
Author: me

yes fantasie an die macht :-))
Nun wissen wir was Sterotypen sind. haha



Subject: ummm
Date: Dec 08 2005 01:12:14 PM
Author: lars

wieso ist das bullshit? Ich bin zwar kein Berliner, aber es klingt nicht so fantastisch.



Subject: berlin...-
Date: Dec 08 2005 03:50:08 AM
Author: me

Bullshit!!!
So einen Blödsinn habe ich als Berliner ja noch nie zuvor gelesen...



Subject: HUMPTON B. DUMPTON
Date: Dec 03 2005 08:17:05 PM
Author: HUMPTON B. DUMPTON

I can't believe that's the author's real name.

That's my name.



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