HabT Ihr auch das Gefühl, dass Horrorfilme heutzutage nicht mehr verstören? Oder liegt es an mir? Bin ich vom langjährigen Horrorfilmkonsum schon so abgestumpft, so „sozialethisch desorientiert”, wie ein um mein Seelenheil besorgter Jugendschützer es ausdrücken würde, dass mich auf der Leinwand, und vielleicht sogar im wahren Leben, nichts mehr schocken kann?
1973, als ich zarte 10 Jahre alt war, ist im weit entfernten Amerika ein Film angelaufen, der das gesteigerte Interesse von meinen Sandkastenkumpels und mir geweckt hat. Von ohnmächtig im Kinosaal zusammenbrechenden schwangeren Frauen war da in den Nachrichten die Rede, die nach dem „Genuss” des Horror-Schockers Der Exorzist um das Wohl ihrer Babys bangen mussten. Das unchristliche Erforschen des eigenen Körpers mit ständig wechselnden Partnern und der zügellose Drogenkonsum ihrer Hippiekinder ließ ganze Generationen von überforderten Eltern Angst vor ihrem eigenen Nachwuchs haben. Das vom Teufel besessene junge Mädchen Megan, gespielt von der damals 12jährigen Linda Blair, schrie im Film ihren entsetzten Eltern Dinge entgegen wie „Deine Mutter lutscht Schwänze in der Hölle” oder „Lass Jesus dich ficken” während sie sich ein Holzkreuz zwischen die Beine schob. Zu solch subversiven Ausbrüchen wäre heute sicher kein Hollywoodstudio mehr bereit. Auch wenn das satanische Treiben auf der Leinwand angeblich auf wahren Ereignissen beruhen sollte. Schon deswegen hauen mich Horrorfilme heute nicht mehr vom Hocker.
Aber das echte Leben, also die kostbare Zeit, die man mal gerade nicht vor der Flimmerkiste verbringt, lässt mich schon noch oft zusammenzucken. Auf der Horrorfilm-Convention „Chiller Theatre” in New Jersey zum Beispiel, wo sich alljährlich zu Halloween Tausende von fettleibigen Horroridioten sowie Stars und Sternchen aus dem Genre einfinden, habe ich im letzten Jahr die leibhaftige, die echte Linda Blair gesehen. Und war schockiert. Nicht, weil die gute Dame keine 12 Jahre mehr ist. Nein. Linda sieht noch immer toll aus. Aber neben den Fotos aus ihrer Glanzzeit als grünen Schleim kotzende besessene Göre, konnte man an ihrem Stand jetzt auch ihr neues Buch Going Vegan käuflich erwerben. Überhaupt machte Frau Blair einen irgendwie bekehrt entrückten Eindruck. Ich war jedenfalls starr vor Schreck, traumatisiert, traute mich nicht an Lindas Tisch, um ein Foto von ihr als evil Teufelsbraten für 20 Dollar unterschreiben zu lassen. Später habe ich mich natürlich über die vertane Chance geärgert. Ich habe die Teufelin Megan gesehen. Aber sie war ein Engel. Sie wurde tatsächlich „von Jesus gefickt”, wie sie es 1973 in Der Exorzist prophezeit hat. Ich bin schockiert. Noch immer.
JÖRG BUTTGERIET