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DOS & DON'TS
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Ich bin schwere Asthmatikerin. Mein Zustand kann sich in kürzester Zeit dramatisch verschlechtern, dann kollabiere ich. Es dauerte eine Weile, bis ich die wiederkehrenden Muster meiner Nahtod-Erfahrungen verstehen und mich auch präzise an sie erinnern konnte. Sterben ist nicht einfach. Alle Empfindungen verstärken sich, die Sensibilität gegenüber Licht und Geräuschen ist enorm erhöht. Heulende Sirenen, Stimmengewirr, mein Körper, der in den Krankenwagen geschoben wird, der kalte Luftzug, wenn die Türen des Krankenwagens sich wieder öffnen, Lichter über deinem Kopf, Infusionen, rennende Menschen und der antiseptische Geruch des Krankenhauses. Jeder Atemzug ist kürzer und gieriger als der vorherige. „Atmen”, sagen sie mir. Atmen? Idioten. Wenn ich atmen könnte, wäre ich nicht hier. Es tut weh. Von irgendwo höre ich „Sie kriegt keinen Sauerstoff”, und es fällt schwer, die aufkommende Panik zu unterdrücken, während Menschen meine Arme und Beine festhalten, um mir meine lebensnotwendigen Medikamente zu verabreichen. Die Menschen, die mich versorgen, sind in diesem Moment meine allerbesten Freunde. Wichtiger als meine Familie. Sie sind meine letzte Verbindung zum Leben, aber im Nachhinein fällt es schwer, sich an ihre Gesichter zu erinnern. In meiner gesteigerten Empfindsamkeit nehme ich seltsame Details war: Die Atemgeräusche der anderen Menschen oder die Haare in ihren Nasen. Wenn Leute mich durch Mund-zu-Mund-Beatmung wiederbeleben, pusten sie die widerwärtig stinkenden Reste ihres eigenen verbrauchten Atems in meinen Körper. Was immer es ist, es fühlt sich nicht nach Sauerstoff an und ist wohl auch nicht gerade voll davon. Um mich in meinem Elend noch zu blamieren, scheiße ich mich voll. Ich spreche hier nicht von einem alltäglichen Klobesuch. Ich spreche von meinem gesamten Darminhalt, von allem, was ich mir je an Scheiße vorstellen kann und von dem mein Körper jetzt meint, es aus Stressgründen loswerden zu müssen. Es ist wie eine unfreiwillige Darmspülung. Ich schwimme darin, ich kann es riechen und ich sehe, wie die Leute darauf reagieren (auch wenn es glücklicherweise unter dem Bettlaken versteckt ist). Ich bin viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um mich großartig darum zu kümmern. Sich sauber zu halten ist in diesem Moment keine Option. Darum kann sich mein Leichenbestatter kümmern, oder, wenn ich durchkomme, eine arme Krankenschwester. Ein etwas angewiderter Arzt bemerkte einmal: „So oder so kannst du dir sicher sein, dass es nach Rosen duftet, wenn du wieder zu dir kommst.” Auch wenn ich bereits aufgehört habe zu atmen, kann ich immer noch Leute über mich reden hören. „Sie ist tot, wir verschwenden unsere Zeit.” „Wie viele Kinder hatte sie?” Als sie mir einmal die Metallplatten auf meine Brust gesetzt haben, um mein Herz mit Stromschocks in Gang zu bringen, hörte ich sogar jemanden sagen: „Scheiße, ich weiß nicht wie das geht, kannst du mir helfen?” Ich wollte schreien: „Sorry, ICH HAB DAS GEHÖRT!”, aber in so einer Situation bin ich hilfloser als ein Baby, das wenigstens schreien und strampeln kann. Die Schmerzen steigern sich kontinuierlich und breiten sich bis zu den Zehen und Fingerspitzen aus, wie unzählige Nadelstiche. Jetzt kommt der Teil, derverständlicherweiseschwer zu glauben ist. Aber vertrau mir, ich habe es schon fünfmal durchgemacht. Dies hier geschieht, wenn du stirbst: Zuerst bekommst du das Gefühl, in einem Gummianzug gesteckt zu werden, der mehr und mehr zusammenschrumpft. Du fühlst dich, als ob dies dein neues „Ich” wäre und dieses Stadium kommt dir zeitlos vor, als wäre der Moment unendlich kurz und unendlich lang zugleich. Schummrig realisierst du, dass du lediglich ein winziges Staubkorn im enormen Bewusstsein des Universums bist. Ein völlig unbedeutender Teil von etwas grenzenlos Großem. Plötzlich wirst du in einer unvorstellbaren Geschwindigkeit aus dem Gummianzug katapultiert, und zwar mit dem Kopf zuerst, in einen noch viel engeren Raum. Im nächsten Moment fällst du bereits in atemberaubender Geschwindigkeit durch ein schwarzes Nichts, ohne den leisesten Schimmer, wo oben und unten ist. Es einsam, unheimlich, tiefschwarz und endlos. Dann zeigt sich der Tod plötzlich von seiner angenehmeren Seite, in einem Kaleidoskop von unzähligen intensiven Farben und Vibrationen. Du hörst auf zu fallen, und befindest ich einer völligen Stille, was wirklich seltsam ist. Diese Farbenwelt ist überwältigend schön und allumfassend. Die Begegnung mit dieser Welt lässt dich deine Schmerzen für immer vergessen, obwohl sie in der Realität wahrscheinlich nur einige Sekunden andauert. Der ganze Teil mit dem tiefen Fall und den Farben ist von vielen Menschen mit Nahtod-Erfahrungen beschrieben worden, und wird von Neurologen als chemische Reaktion des Gehirns auf den Tod beschrieben. Anders gesagt, ein kostenloser Trip. Ob Biologie oder Spiritualität, so passiert es jedes Mal, wenn ich sterbe. Danach folgt, was ich für den wahren Moment des Todes halte. Ein Gefühl des Umgebenseins von freundlichen Wesen und Figuren in einem weißen Licht, die Erleichterung, Wärme, Erlösung und Freiheit ausstrahlen. Toten Menschen zu begegnen, ist eine einzigartige Erfahrung. Einmal traf ich einen alten Bekannten von vor vielen Jahren, der im letzten Jahr gestorben war. Er sah mich beiläufig an und sagte: „Sinnlos mit dir zu sprechen, du bleibst nicht.” Ich erinnere mich, wie ich dachte: „Scheiße, ich hoffe die anderen wissen das”, und meinte mein hart arbeitendes Rettungsteam, das sich irgendwo anders mit meinem Körper abrackerte. Ich hatte den deutlichen Eindruck, dass mein Bekannter irgendeine Art von Wächter war, nicht über mich oder andere Menschen, sondern über das Reich, zu dem er mir den Blick versperrte. Bei einer anderen Gelegenheit traf ich eine wirklich enge Freundin, die bei einem schrecklichen Autounfall starb, bei dem sie lebendig verbrannte. Erst bemerkte sie mich nicht, also rief ich ihr zu: „Hey, Donna, worauf wartest Du?” Sie sah mich ohne die geringste Überraschung an und antwortete: „Auf meinen Sohn.” Dieser Sohn, mein Patenkind, war zu dieser Zeit ein gesunder kleiner Junge. Tragischerweise starb er bei einem Brand, etwa ein Jahr nach dieser Begegnung. Der Gedanke an seine Mutter beruhigt mich und ich weiß, dass sie jetzt zusammen sind. Ich denke, dass ich aufgrund dieser Erfahrungen heute freundlicher und besonnener bin. Ich bin auch fetter. Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ich fürchte mich vor dem Sterben. Es ist ein schmerzhafter und unheimlicher Prozess, genau wie die Geburt es wahrscheinlich auch ist. Ich weiß, die Hälfte von euch glaubt mir das alles nicht. Was soll ich sagen? Nicht mein Problem. Nachdem du den ganzen Dreck durchgestanden hast, treffe ich dich auf der anderen Seite, strecke die Hand aus und sage: „Hi. Ich hab’s dir gesagt.” PAETATA CLARK |