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DOS & DON'TS
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Wenn man für die BBC in Kriegsgebiete reist, schicken sie einen vorher auf eine sogenannten Fortbildung für „Feindliche Umbegung“. Die Kurse werden von früheren Mitgliedern der britischen Spezialeinheit SAS durchgeführt und sollen einem helfen, Minen zu orten, Kugeln auszuweichen, allein im Dschungel zu überleben und mit einer Entführungssituation umzugehen. Sie rieten einem vor allem herauszufinden, wer von der Gruppe der Entführer am zugänglichsten ist und sich dann mit ihm anzufreunden. Die beste Methode dafür sollten Gespräche über Fußball oder Filme sein. Wenn jemand geschlagen oder umgebracht werden sollte, hieß es, würde diese Person dafür sorgen, dass man selbst oder seine Kollegen verschont würden. Eines Abends ging der Bärtige mit allen anderen Männern essen und ließ den Mann zurück, den ich als den Zugänglichsten identifiziert hatte. Er sollte mich im Verhörzimmer bewachen, das im obersten Stockwerk des seltsamen Gebäudes lag, in dem ich mich befand. Ich saß mit den Ellbogen auf den Tisch gestützt und dem Gesicht nach vorn da und war völlig erschöpft. Er saß zu meiner Seite, hatte mir aber das Gesicht zugekehrt und war unruhig, als würde er sich gerade ausmalen, wie es wäre mich zusammenzuschlagen. Trotzdem hielt ich es für die beste Ge-legenheit den SAS-Trick auszuprobieren. „Und, magst du Fußball?“ „Nein.“ „Magst du Sport?“ „Ja, gewalttätigen Sport. Kung Fu, bis zum Tod.“ Er grinster hatte schreckliche Zähne. Also gut. „Magst du Filme?“ „Ja, gewalttätige Filme, bis zum Tod.“ Ich verfluchte die Fortbildung „Feindliche Umbegung“. „Und du?“, fragte er. Vielleicht gab es doch noch Hoffnung ... „Ja“, sagte ich und fing an, alle Filme aufzuzählen, die ich mochte. Er unterbrach mich: „Nein, du nimmst Drogen und siehst dir den ganzen Tag Pornofilme an. Im Islam gilt das als sehr schlecht.“ Ich gab auf. Ich dachte unser kleiner Austausch wäre beendet, aber dann fing er an, mir die Haare auf meinem Unterarm auszureißen, sehr langsam und in großen Klumpen. Ein paar Nächte später kam einer der Typen, die mir das Essen brachten zu mir rüber, während die anderen im Zimmer nebenan waren. „Ich habe dich neulich an dem Abend gesehen und es tat mir sehr leid für dich. Diese Männer sind sehr schlecht. Ich wünschte, ich könnte etwas tun. Es tut mir sehr leid.“ Ich dachte, das wäre vielleicht ein Trick. Immerhin war er bei diesen Männern angestellt. Zwischen den Verhören dachte ich darüber nach, wie wenig Widerstand ich geleistet hatte. Ich dachte, ich hätte mich vielleicht weigern sollen, irgendwelche Fragen zu beantworten, bis nicht der britische Botschafter oder ein Rechtsanwalt eingeschaltet war. Ein paar Mal hatte ich mir sogar vorgeworfen, ein Feigling zu sein, weil ich nie einen der Männer angegriffen und seine Waffe gestohlen hatte, um zu versuchen zu fliehen. Ich war vorsichtig mit dem Typen, der mir das Essen gebracht hatte, weil ich dachte, dass er vielleicht einer von ihnen war. „Und warum arbeitest du hier?“ „Ich habe einen Uni-Abschluss, aber es gibt keine Arbeitdas hier ist alles, was ich habe. Die jungen Leute im Iran hassen diese Männersie sind Tiere.“ Ich traute ihm immer noch nicht. „Was hast du studiert?“ „Philosophie.“ „Wirklich? Ich auch. Ich fand immer Nietzsche am besten.“ Er strahlte und sagte mir, dass er Nietzsche auch am besten fand. Er bat mich zu warten und trat für ca. eine Minute zur Seite, dann sprang er wieder vor meinen Stuhl. „Was mich nicht umbringt, härtet mich ab“, sagte er triumphierend. Ich sagte ihm, dass ich diesen Spruch auch sehr mochte. Er trat wieder zur Seite und dachte einen Moment lang angestrengt nach. „Die Theorie der ewigen Wiederkehr!“ Er wiederholte das Ganze dann noch ein paar Mal, wobei er regelmäßig zur Tür blickte, um sich zu versichern, dass der Bärtige und seine Männer noch nicht wieder da waren. Schließlich klopfte er mir auf die Schulter, entschuldigte sich noch einmal und verschwand. Es war das erste Mal, dass ich in dieser Woche lächelte. Das Ganze dauerte acht Tage. Sie hatten mit Folter und sogar mit dem Tod gedroht. Die meiste Zeit hielt ich diese Drohung für lächerlich, aber es gab auch regelmäßig Augenblicke, wo ich mir meine eigene Hinrichtung ausmalte. Ich stellte mir vor, wie man uns in einem Kleinbus mit verdunkelten Scheiben zu einem ähnlichen Platz fahren würde, um uns vor Hunderten „Marg bar Amrika, marg bar Israel“-rezitierenden Frauen in Burkas zu einem ebensolchen Kran zu führen. Es sollte nicht so weit kommen. Nach acht Tagen sagten sie uns, dass wir am nächsten Morgen fliegen würden. Der Bärtige sagte, er wäre mit keiner meiner Antworten zufrieden (ich hatte ca. 20 Seiten voller völlig banaler Infor-mationen über die BBC geschriebennichts, was man nicht auch auf der Website hätte lesen können), aber da der Iran und Großbritannien diplomatische Beziehungen unterhielten, habe er sich entschieden uns freizulassen. Zwei der Typen fuhren uns am nächsten Tag zum Flughafen, aber der Bärtige hatte unsere Pässe und Tickets und er kam zwei Stunden zu spät. Wir schafften es gerade noch so ins Flugzeug und selbst als wir schon auf das Boarding Gate zuliefen, versuchten sie noch, mich zu provozieren. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was es war, aber ich hatte es geschafft, irgendwas vor ihnen zu verstecken oder ihnen irgendeine fette Lüge aufzutischen. Als wir durch die Boarding Lounge liefen, sah ich wie ein Beamter kam und dem Bärtigen etwas sagte, was ihn zu beunruhigen schien. Ich stand auf und sagte meiner Produzentin, sie solle ihr Ticket schnappen. Wir gingen zum Boarding Counter, zeigten unsere Tickets und gingen so schnell wie möglich zum Flugzeug. Ich wartete immer noch darauf, dass der Bärtige kommen und uns von Bord holen würde. Die Abfertigung dauerte viel zu lange und irgendwann öffneten sie sogar noch mal den Laderaum, um etwas herauszuholen. „Die kriegen mich auf keinen Fall aus diesem Flugzeug“, dachte ich, „diesmal kämpfe ich. Es ist zu viel.“ Erst als die Räder vom Asphalt abhoben, konnte ich wieder normal atmen. Ich war zu müde, um Erleichterung zu verspüren. BEN ANDERSON LIFETIME ACHIEVEMENT AWARD | 1 | 2 | |