In der U-Bahn heulen
Ich sass in der U-Bahn von Brook-lyn nach Manhattan. Dann stieg diese Frau ein. Sie war auffallend schön, aber man konnte es fast nicht sehen, da sie völlig unkontrolliert schluchzte. Die Stimmung im Zug veränderte sich völlig. Die angetrunkenen Leute im Zug waren nun ganz still. Jeder machte sich Gedanken über die Frau. Nachdem ein paar Minuten vergangen waren und keiner versucht hatte, irgendwas zu tun, stand ich auf und setzte mich neben die Frau.
Ich hatte keine Ahnung, was ich zu ihr sagen sollte, also fragte ich, ob alles in Ordnung sei. Kaum war meinem Mund die letzte Silbe entschlüpft, drehte sie sich zu mir um und warf mir die Arme um den Hals. Mit dem Kopf an meiner Schulter weinte sie nun noch heftiger. Ich umarmte sie ebenfalls. Ich sagte ihr, es würde alles gut werden. Ich wusste nicht, ob das stimmt, aber eine Exfreundin von mir hatte mir einmal gesagt, dass Frauen, wenn sie weinen, immer hören wollen, dass alles gut wird, selbst, wenn dem nicht so ist. Ich behielt sie also in den Armen, während der Zug weiterfuhr. Schließlich blickte ich auf und sah, dass alle im Zug mich mit wortlosem Lächeln lobten. Die Frau weinte immer noch genauso heftig. Ich wusste, dass sie gern wollte, dass ich bleibe.
Ich blieb. Sie weinte. Der Zug war durch Midtown durch und war auf dem letzten Stück der Strecke nach Queens angekommen. Ein paar Nachzügler waren noch im Zug, aber hauptsächlich war ich mit der Frau allein. Wir blieben bis zur Endhaltestelle in Astoria, Queens, sitzen. Die Türen öffneten sich, aber die Frau bewegte sich nicht von der Stelle. Wie blieben noch ein oder zwei Minuten an der Endhaltestelle sitzen. Als die Putzkolonne reinkam und uns aufforderte zu gehen, sprang sie auf, blieb aber immer noch an mir hängen. Wir stiegen aus und liefen aus dem Bahnhof. Ihr liefen immer noch die Tränen runter. Wir gingen ein paar Blocks die Vorstadtstraßen Astorias entlang. Schließlich hielten wir vor, wie ich vermute, ihrer Haustür an. Sie ließ mich zum ersten Mal an dem Abend los. Sie sah mich an, murmelte „Danke“ und drückte mich ein letztes Mal. Dann nahm sie ihre Schlüssel heraus und ging ins Haus. Ich lief zum Bahnhof zurück.
VITO FUN
Mein Vater starb zweimal
Mein Vater ging vor knapp über zwei Jahren von uns. Ich hatte eine sehr enge Beziehung mit meinem Erzeuger gehabt. Er war nicht perfekt, aber wenn man einmal selber Vater ist, merkt man erst, wie schwer das sein kann und dass es nicht möglich ist, dabei keine Fehler zu machen. Er war schon seit längerer
Zeit krank gewesen (kongestive Herzinsuffizienzhört am besten gleich auf mit Rauchen, Leute) und wir wussten, dass es bald zu Ende gehen würde. Man hatte entschieden, er käme nicht für eine Herztransplantation in Frage und das hieß im Klartext, dass es an der Zeit war, „die Dinge in Ordnung zu bringen.“
Jedenfalls bekam ich einen Anruf von meiner Mutter: Dad ist zusammengebrochen und liegt im Krankenhaus. Das kann das Ende bedeuten, also komm sofort. Ich fuhr, so schnell es ging, rüber und suchte meine Mutter. Ein paar Minuten, nachdem ich sie gefunden hatte, sagten uns die Krankenschwestern, dass wir reinkommen und ihn sehen könnten. Wir sitzen also eine Weile neben ihm und dann geht in dem Ding neben seinem Bett irgendein Alarm los. Die Schwestern bringen uns schnell zu einem kleinen Raum in der Notaufnahme und bitten uns zu warten. Ein paar Minuten später bestätigen sich unsere schlimmsten Befürchtungen. Der Arzt wendet sich an meine Mutter und mich. Sie hätten ihr Bestes getan, aber er ist nicht mehr. Wir bedankten uns und baten, Dad sehen zu dürfen. Sie ließen uns rein und da lag erer sah blass und krank aus und atmete nicht mehr. Obwohl es uns nicht unerwartet traf, war die Trauer doch überwältigend. Aber es gab viel zu tunLeute mussten angerufen, Sachen organisiert werden. Als Erstes rief ich auf Arbeit an, um ihnen zu sagen, dass ich die nächsten Tage nicht kommen würde. Meine Mutter tat dasselbe. Dann fingen wir an, unsere nächsten Verwandten anzurufen.
So gingen immerhin 15 Minuten vorbei, bis der Arzt wieder auftauchte und uns mit ernster Mine sagte, er müsse mit uns reden. Meine Mutter und ich sahen uns an. Hatte er das nicht gerade schon getan? Ist er jetzt richtig, richtig tot? „Ich fürchte, ich habe schwierige Neuigkeiten“, sagte er. Nun waren wir uns sicher, dass er verrückt war. Hatte er vergessen, dass er es uns schon erzählt hatte? Er fuhr fort: „Ihr Mann bzw. Vater lebt noch.“
Wir konnten es nicht glauben: „Was denn, ist das hier das Mittelalter? Haben sie denn keine Maschinen dafür? Wie konnte das passieren?“ Er wusste nicht, was er sagen sollte und er tat mir leid. Ironischerweise war es schwieriger, uns zu sagen, dass er noch lebte, als uns zu sagen, dass er tot sei. Er fügte noch schnell hinzu, dass er mit fast 100-prozentiger Sicherheit einen Hirnschaden hatte und binnen ein paar Stunden oder eines Tages sterben würde.
Beides stellte sich als falsch heraus: Wenige Stunden später hatte er sich wieder aufgerichtet, saß auf der Intensivstation und unterhielt sich mit meiner Mutter und mir. Und, liebe New Age-Freunde, es tut mir leid euch zu enttäuschen, aber es gab weder Licht, noch einen Tunnel, noch verließ er seinen Körper oder bekam Besuch von längst verstorbenen Verwandten.
Nun kam der schwierige Teil: ihr erinnert euch an all die Leute, die wir schon angerufen hatten? Nun mussten wir sie noch einmal anrufen! Man hat keine wirkliche „emotionale Berg- und Talfahrt“ erlebt, bis man weiß, wie es ist, sich um sechs Uhr von seinem toten Vater zu verabschieden und ihm um acht Uhr noch eine Portion Wackelpudding zu holen!
Er starb kurze Zeit später und bei der Beerdigung begann ich die Trauerrede mit: „Nur dass ihr es wisst, diesmal sind wir uns absolut sicher.“ Erst gab es ein nervöses Kichern, dann schallendes Gelächter. Der Priester sah mich an, als sei ich verrückt geworden. Ich musste es ihm später erklären. Manchmal mache ich mit meiner Mutter noch Scherze darüber; wir denken uns Sachen aus, die der Arzt hätte sagen können: „Ich fürchte, ihr Vater ist doppelt geheim tot ... Ihr Vater ist tot und wir haben glaubhafte Zeugen dafür, dass er in der Hölle ist ... Ich fürchte, ihr Vater ist totund sein Scheck war nicht gedeckt.“
Ich sag den Leuten immer, dass mein Vater zweimal gestorben ist: das zweite Mal hat es gewirkt.
MATT FERRIGNO
CONTINUED:
HEAVY SHIT | 1 | 2 | 3 |