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DOS & DON'TS














ELECTROPLANKTON
Nintendo
Nintendo DS

Vor sieben Wochen hat mich meine Freundin verlassen. Sie war eine dieser großen blonden Mädels, eher schön als sexy, wenn du weißt, was ich meine. Intelligent aber nicht abgehoben, die Art von Mädchen, die Umarmungen mögen und die heulen, während man es ihnen hart macht.

Seit sie mich verlassen hat, kann ich mein Gehirn nicht davon abhalten, diese schrecklichen obskuren Szenen zu produzieren, in denen sie in Gangbangs mit übel tätowierten Heavy Metal-Jungs verwickelt ist, die ihr in den Mund spucken und auf den Arsch klatschen. Oder in denen sie von der gesamten portugiesischen Fußballnationalmannschaft genagelt wird. Kacke. Also, das einzig Wahre, was einem Mann in diesen Tagen noch bleibt, ist weder Bier noch Freunde, sondern Videospiele. Ich begann, die Videospiel-Seite für Vice zu machen, obwohl ich überhaupt keinen Plan davon habe. Ich bekomme täglich einen Haufen Spiele geschickt, aber ich denke nicht mal daran, sie auszuprobieren. Mein Mitbewohner macht das und ich schaue zu und ziehe meine Schlüsse, während ich ein paar Dosen Bier abpumpe. Dieses Mal ist das allerdings anders, ich brauche etwas Masochismus, ein bisschen Genusssucht, vielleicht sogar Selbstverstümmelung. Also schnappe ich mir eins dieser Nintendo DS-Dinger und spiele Elektroplankton. OK, ich weiß einen Scheiß über Videospiele aber ich denke, Elektroplankton ist wahrscheinlich das beste Spiel, das je gemacht wurde, jemals. Vor allem weil diesem Spiel sämtliche Features fehlen, die einen an anderen Spielen nerven. In dem Spiel geht es darum, nichts zu tun. Es gibt nichts und niemanden zu retten, kein Ziel, keine Punkte, keine Preise, keine komplizierte Story. Nichts. Es geht nur um Streicheln und Anfassen, hat dabei aber nichts mit Sex zu tun. Es ist das verdammte Zen der Videospielwelt. Und auch wenn ich immer Angst vor diesen Therapien hatte, bei denen man seine „innere blaue Energiekugel“ oder ähnlichen Scheiß finden soll, muss ich sagen, dass Elektroplankton für mich funktioniert. Ich fühle mich wesentlich besser. Ich kann verreisen, ohne mich zu bewegen und so. Bald bin ich vielleicht in der Lage, in die Zukunft zu sehen. Dann sitze ich neben irgendeiner Rasta-Mutti und ihrem nervigen lauten Hippie-Sohn auf einer Parkbank und lasse mich von der Musik und dem Flow des Spiels mitreißen. Oh, und das ist nicht ironisch gemeint. Die Leute sollten mal mit diesem ganzen ironischen Dialektik-Ding aufhören. Ich scheiße gerade mal ordentlich auf Ironie.




STREET FIGHTER ALPHA 3 MAX
Capcom
PSP

Ich wuchs in Berlin-Lichtenberg auf und dort hat man nicht gerade viele Optionen, wenn man jung ist. Entweder man wartet, bis man alt genug ist, um wegzuziehen oder man wird ein Skinhead. Wenn man sich wie wir für die erste Option entscheidet, braucht man etwas, um die Wartezeit zu überbrücken. Bei uns war das Street Fighter, auch wenn wir es mit den Assis teilen mussten. Vorübergehend schlossen wir ein Bündnis. Das war es wert. Danke, ihr lieben, heute wahrscheinlich arbeitslosen Eltern von zehn Kindern. Danke für die Leidenschaft, die ihr in mir geweckt habt. Die Leidenschaft sich zu kloppen.

Ich erinnere mich noch, wie ich mir auf dem Nachhauseweg in die Hosen gekackt habe, aus Angst, von diesem abgefuckten Zehntklässler Marcel verprügelt zu werden. Ich hatte keine Muskeln und keine Möglichkeit zur Gegenwehr. Außer durch Street Fighter. Mein Lieblingscharakter war Dhalsim. Der ausgehungerte Inder, der Feuer spucken konnte. Dhalsim erinnerte mich immer an die furchtbaren Auschwitz-Fotos aus meinem Geschichtsbuch. All die Enricos allerdings, und dafür gibt es bestimmt eine offensichtliche Freudsche Erklärung, die ich nicht kenne, wählten grundsätzlich Bison, den Endgegner in der SS-Uniform. Das erste Mal, als ich gegen einen dieser Prolls spielte, hat er mir in zwei Runden die Fresse poliert. „Du gehst direkt in die Gaskammer“, rief er triumphierend. Also begann ich zu trainieren, jeden Tag. Ich war wie der Junge aus Karate Kid, nur war mein Lehrer kein chinesischer Opa, der davon besessen war, Fliegen mit einem Essstäbchen zu fangen, sondern ein normaler Sozialarbeiter namens Alex. Es wurde nie langweilig. Schließlich hörte ich auf, Hausaufgaben zu machen und verfiel der Sucht nach diesem Grundpfeiler unserer Generation, genannt Street Fighter. Wahrscheinlich erwartest du jetzt einen kathartischen Rachefeldzug als Abschluss dieser Geschichte, aber eigentlich passierte weiter nicht viel. Die Assis endeten als Mechaniker in einer der Autowerkstätten im Viertel, blieben bei ihrem C64 und spielten KZ Manager. Ich bekam mein eigenes Nintendo und zog letztendlich weg aus diesem Dreckloch. Wenn ich an meine Jugend zurück denke, dann ist da, noch vor den Prolls und den Essensmarken im Supermarkt, der Gedanke an Street Fighter. Daher bin ich so verdammt froh, dass dieses perfekte Konglomerat meiner Jugend zurück ist. Hin und wieder habe ich zwar Selbstmordgedanken, aber ist das nicht eines der schönsten Dinge am Teenager-Dasein?

THILO MISCHKE