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DOS & DON'TS











Ich wurde von ‘nem schwarzen Keyser Soze reingelegt
Ich arbeitete 1994in einem kunstkaufhaus. Ich fuhr mit dem Rad nach Hause und es schneite heftig. Ich wurde zwischen einem Auto und einem Bus eingequetscht und rammte dann ziemlich heftig in den Seitenspiegel dieses Autos—er fiel ab und hing dann einfach runter. Ich dachte mir: „Das ist Scheiße. Ich halte besser an und kläre die Sache.“ Ich fuhr also an den Straßenrand und dann springt sofort diese afrikanische Frau, also eine Frau aus einem afrikanischen Land, aus dem Auto und schreit mich in gebrochenem Englsch voll. Sie schimpft und schreit wie bescheuert. Also denk ich mir: „OK, scheiß drauf. Ich verpiss mich.“ Ich spring auf mein Fahrrad und sie springt mir direkt auf den Rücken, wobei sie immer noch fortwährend schreit. Ich steh also von meinem Sattel auf und lehne mich zurück und sie fällt einfach zu Boden.


Plötzlich bin ich von all diesen Typen aus der Nachbarschaft—schwarzen Ty-pen—die halt gerade da waren, umzingelt. Sie waren einfach plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht. Sie starren mich alle an und da bin ich nun: ein junger Weißer, der eine alte afrikanische Dame in den Schnee geworfen hat. Ich sehe, wie der Kreis der Typen um mich rum wie in Zeitlupe immer enger wird, sie kommen immer näher, ziehen sich so die Hosen hoch, krempeln die Ärmel hoch und sagen: „Was zum Teufel geht hier ab, Mann?“ Ich wusste nicht, was ich tun sollte und ohne drüber nachzudenken, schaltete ich auf den Bescheuerten-Weiße-Jungen-Modus um. Ich hob mein Fahrrad an und fing an, es immer wieder auf den Boden zu knallen und schrie: „Fuck! FUUUUUUUCK!“ Daraufhin hielten alle erst mal kurz inne. Auf einmal rennt dieser Typ in die Mitte der Gruppe und sagt: „Wartet, wartet—ich hab alles gesehen! Dieser Typ hier war in Ordnung. Er hat angehalten und versucht mit ihr zu sprechen und alles!“ Er beruhigte alle und sie machten ein paar Schritte zurück, während ihnen klar wurde, was passiert war. Ich meine, stimmt, ich hab den Spiegel erwischt. Aber dann hab ich angehalten und war bereit, volle Verantwortung dafür zu übernehmen, dafür bezahlen und alles.

Also sag ich zu dem Typen, meinem Retter: „Vielen Dank, Mann.“ Er sagt:„Ich arbeite in dem Laden da drüben“, er zeigte auf eine Weinbar an der Ecke, „und ich hab alles gesehen. Ist in Ordnung.“ Also fangen wir alle an zu reden und ich schau mir ihren Spiegel an und wir versuchen, ihn zu reparieren. Dann sagt er: „Warte mal. Ich will nur kurz meinem Boss sagen, was ich mache.“

In dem Moment kamen die Bullen und fragten: „Alles in Ordnung?“ Und wir sagten alle: „Ja, alles unter Kontrolle.“ Sogar die afrikanische Frau hatte sich inzwischen beruhigt. Wir waren alle die besten Freunde. Der Typ, der mich gerettet hat, kommt zurück und wir schauen uns weiter den Spiegel an und er sagt: „Scheiße, Mann. Alles was du brauchst, ist ein bisschen starker Sekundenkleber an der Stelle hier. Siehst du?“ Ich seh’s mir an und er hatte völlig recht. Er sagt: „Alter, ich renn mal kurz in den Laden und hol dir welchen. Bin gleich wieder da.“ Ich sag also „Danke!“ und denke mir noch: „Mann, es gibt eben doch noch ein paar nette Leute in dieser Stadt.“

Er sagt: „Hey Mann, lass mich dein Fahrrad nehmen, dauert nur zwei Sekun-den. Hier, halt mal meine Tasche, solang ich weg bin“, und er gibt mir seine Jansport-Tasche. Ich sagte: „Okay, cool“, und er stieg auf und fuhr weg. Im selben Moment fiel bei mir der Groschen, wie bei der Stelle in „Die üblichen Verdächtigen“, wo plötzlich alles Sinn macht. Der Typ hatte die ganze Zeit über mein Fahrrad geredet: mich gefragt, wo ich es her habe, wie viel es gekostet hat, usw. Ich schaute zur Tasche runter. Sie war nicht mehr da. Dann sah ich ihm hinterher, wie er wegfuhr und ich schwöre, er hat mir noch mit der Hand das V für Sieg gezeigt und mit dem Mund das Wort „Peace“ geformt. Dann war er weg. Arschloch. Ich hab ihn und mein 600-Euro-Rad nie wieder gesehen.

TREVOR SLIMSER


Straßenkrawalle
Am 29. April 1992, eine Woche nach meinem 16. Geburtstag, wurde auf den Straßen von Los Angeles ein weißer Trucker-Proll namens Reginald Denny von einem Mob wütender Schwarzer aus seinem Truck gezerrt und kurz und klein geschlagen. In dem Jahr kamen Sommer und Weihnachten sehr zeitig.

Meine Brüder und ich sind Koreaner, in LA geboren und aufgewachsen. Wir wohnten erst in Koreatown, gingen dann aber in Beverly Hills zur High School. Im Kunstunterricht saß Frank Sinatras Enkelin rechts von mir und Sammy Davis Jr’s Adoptivsohn links. Vor mir saß Ariel Pink, zu dem ich immer echt fies war, weil ich dachte, er wäre schwul. Mort Sauls Sohn war mit mir im Wissenschaftsunterricht und er fuhr entweder mit KIT von „Knight Rider“ oder in dem DeLorean aus „Back to the Future“ zur Schule. Ich hasste alle und war voll heftiger Wut und Zorn, vor allem gegen Perser und privilegierte Weiße, die nicht wussten, was Bescheidenheit heißt. Mein einziges Ventil war es, in der Marschkapelle die Basstrommel zu spielen und Graffiti. In Ms. Golers Englischunterricht entdeckte ich dann kreatives Schreiben und fing an zu schreiben und den Tag vorherzusagen, an dem die Minderheiten und die Habenichtse aufstehen und die Herrschaft übernehmen würden. Mein älterer Bruder Jimmy hatte angefangen Autos zu knacken, während ich mich auf Ladendiebstahl in den Malls spezialisierte. Ich war von der Idee der An-archie beseelt und natürlich hatte ich es auf meine Hefte und in meine Kunstleder-jacke geritzt. Zwei Wochen später wurde es dann alles Wirklichkeit.

Die Krawalle waren über Nacht eskaliert und wir wurden mittags nach Hause geschickt. Überall herrschte das reine Chaos und es war die Hölle los. Die ganzen reichen Kids rasten zu ihren sicheren Häusern in den Bergen oder flogen nach Palm Springs und ich hatte das Gefühl, endlich zu Hause angekommen zu sein, in Frieden im Herzen des Sturms. Selbst die Luft roch anders.

Mein Bruder fährt also mit dem Liefer-wagen, den er mit der Nähschere meiner Mutter geknackt hat, auf dem Schulrasen vor. Neben ihm sitzt sein Kumpel Fred (auch ein koreanischer Junge) und er schreit: „STEIG EIN!!!“ Ich spring also mit meinem besten Freund Eddie (auch ein Koreaner) in den Bus. Olympic Boulevard war ein einziger großer Parkplatz. Keiner kam von der Stelle, aber das war uns egal. Keiner von uns konnte wirklich fahren, also rammten wir ‘nen Haufen Autos, fuhren auf dem Fußweg, über Zeitungsständer und Parkuhren. Der Bus hatte ein Schiebedach und wir hatten ihn mit riesigen Steinbrocken vollgepackt und schrieen wie Bekloppte und warfen sie auf reiche Weiße und ihre schicken Autos, zerschlugen ihre Windschutzscheiben. Sie hatten zu viel Schiss, um uns auch nur anzukucken; wir waren so blutrünstig, wir hätten sie umgebracht. Als wir Richtung Westen nach South Central reinfuhren, bot sich uns ein anderes Schauspiel. Schwarze hängten Schilder mit „Gehört Schwarzen“ an ihre Läden, damit sie nicht geplündert wurden. Die Leute rannten auf der Straße lang und sahen uns komisch an. Wir hielten vor einem kleinen Einkaufszentrum und fingen an, mit Steinen auf einen Laden zu werfen. Daraufhin tauchten ein paar Schwarze aus dem Nichts auf und es wurde ein bisschen brenzlig. Dann fingen sie an mitzumachen und der Rassenkampf war erst mal beendet. Jetzt ging es nur darum, selber abzusahnen. Das Schaufenster war schon kaputt, aber das Tor gab nicht nach. So ein Gangtyp zog seine Knarre und fing an, auf das Schloss zu schießen, dann kam ein ganze Flotte Polizeiautos auf uns zu gerast und alle rannten los. Aber sie fuhren nur vorbei. Das war’s. Wir lebten in Anarchie. Es gab kein Gesetz mehr. Ich konnte die Cannibal Corpse-Songs praktisch hören. Wir traten die Tür ein und machten den Karaokeladen binnen Se-kunden dem Erdboden gleich. Wir sahen Easy-E in einem Cabrio vorbeifahren, von wo aus er mit schwarzen Handschuhen eine Pumpgun abfeuerte und in den Himmel schoss. Ich schrie vor Freude. Wir fuhren an einem Gap vorbei und ich sah Shawn Pringle, ein schwarzer Junge, mit dem ich aufgewachsen war—er war mit all seinen Freunden unterwegs. Ich rief seinen Namen und er tat so, als wüsste er nicht, wer ich war. Das tat weh. Alle schnappten sich, was sie konnten, plünderten und stießen und schlugen aufeinander ein. Wir stiegen in den Bus und rasten in alles, was sich uns auf dem Weg nach LA in den Weg stellte. In den Schwarzenvierteln stand in jedem zweiten Block ein Laden in Flammen. In den Mexikanervierteln stand wirklich jeder verdammte Laden in Flammen. Man konnte noch die Hitze durchs Fenster spüren. Mütter gingen mit ihren Babys plündern, klauten Windeln und Bier und Klamotten aus der Reinigung. Die ganze Gegend, wo wir aufgewachsen waren, stand in Flammen. Koreaner standen mit Schnellfeuerwaffen auf ihren Dächern, um ihre Geschäfte zu verteidigen. Wir waren die einzigen Koreaner, die während der Krawalle plünderten. Meine Leute nennen mich deshalb noch heute Nigger. Man hatte wirklich das Gefühl, hier geht es um „wir gegen sie“ und ich würde mich bestimmt nicht hinter geschlossenen Türen verstecken. Ich war da, um dabei zu sein und wollte kämpfen, aber welche Rassenunterschiede auch immer diesen Krieg ausgelöst haben mochten, sie waren lange verschwunden. Inzwischen ging es in diesem Spiel nur noch um eins, und das war zu klauen. Als die Mauern fielen, war es allen scheißegal, welche Hautfarbe man hatte—alle hatten nur Augen für die Riesenfernseher.

Als wir um die Ecke auf die Vermont Avenue fuhren, kamen wir an einem „Von’s“-Supermarkt vorbei, über dem der Himmel sich aufgetan hatte und voller Hubschrauber war. US-Soldaten seilten sich ab und versammelten sich auf dem Parkplatz. Wir stiegen auf die Bremse und wendeten. Game over.

Wir fuhren durch Hancock Park zurück nach Hause—durch die Vorgärten der Anwohner.

Als wir nach Beverly Hills zurückkamen, war es wie eine Geisterstadt, die Straßen waren wie leergefegt. Totenstille. Eine Reihe von Beverly Hills Cops schützten die Stadtgrenze. Wir parkten ein paar Blöcke weiter und steckten den Bus in Brand. Er ist nicht explodiert wie im Kino. Wir versteckten unsere Beute im Gebüsch und gingen nach Hause.

Eine Woche später schrieb ich diese Geschichte im Englischunterricht, wo sie von Ms. Goler als pure Fiktion abgetan wurde, aber alle krochen mir förmlich in den Arsch und wollten mein bester Freund sein. Ich nutzte die Gelegenheit, um meine Jungfräulichkeit zu verlieren und zu den reichen Kids nach Hause eingeladen zu werden, wo ich ihre Kühlschränke leer räumte und ihnen in die Klospülung schiss. Am Tag nach den Krawallen fanden wir heraus, dass das Geschäft unserer Eltern niedergebrannt war. Wir verbrachten die nächsten paar Jahre auf Sozialhilfe.

DAVID CHOE


CONTINUED:
TRUE CRIME
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